Der neue Tenno Naruhito und seine Frau Masako Foto: EPA

Zwischen Aufbruch und Tradition – Kaiser Akihito gibt das Zepter an seinen ältesten Sohn, Kronprinz Naruhito weiter.

Tokio - Am kommenden Dienstag, wenn in Tokio der späte Nachmitttag in den frühen Abend übergeht, wird Kaiser Akihito ein letztes mal zum japanischen Volk sprechen. Dann dankt er ab, und soll künftig „emeritierter Kaiser“ genannt werden. Tags darauf wird der bisherige Kronprinz Naruhito Kaiser. Eine Situation, an die sich kein Japaner erinnern kann: normalerweise dient der Kaiser bis zu seinem Tode. Den letzten Rücktritt hat es vor mehr als 200 Jahren gegeben. Japan ist seit Wochen im Kaiserwechselfieber. Die Angelegenheit ist hoch politisch – und zugleich ein großes gesellschaftliches Ereignis.

Wie verlaufen die Zeremonien?

In Japan gibt es drei Throninsignien: ein Schwert für Tapferkeit, ein Juwel für Wohlwollen, ein Spiegel für Weisheit. Sie werden an beiden Tagen im Kaiserpalast sein. Das ist etwas Besonderes, denn ansonsten wissen nur wenige Priester, wo sich die kostbaren Stücke befinden. Nur der Kaiser und einige Priester dürfen sie in Augenschein nehmen. An der Kernzeremonie am 1. Mai werden neben dem neuen Kaiser nur Naruhitos Bruder, Prinz Fumihito, und Naruhitos Onkel, Prinz Hitachi teilnehmen. Sie stehen auf Platz eins und drei der Thronfolge. Der Sohn von Prinz Fumihito (Rang zwei) ist mit zwölf Jahren noch zu jung.

Wie geht es weiter?

Bereits vom 27. April bis zum 6. Mai ist „Goldene Woche“: Zehn Tage lang herrscht in Japan Feiertag. Die formale Amtseinführung von Naruhito findet am 22. Oktober statt. Erwartet werden 2600 Gäste aus aller Welt, Staats- und Regierungschefs sowie gekrönte Häupter. Die Feierlichkeiten dauern bis Ende Oktober.

Wie kommt es zu dem Wechsel?

Der im Volk sehr beliebte Akihito, der nach der Verfassung politisch nicht aktiv werden darf, hatte im Sommer 2016 in einer seltenen Videoansprache an das Volk vorsichtig deutlich gemacht, dass er angesichts seiner nachlassenden Kräfte an eine Abdankung denke. Das Parlament erhörte den Wunsch des heute 85-Jährigen und beschloss ein Sondergesetz, um Akihito den Rücktritt zu erlauben. Dieses Gesetz gilt nur für den jetzigen Kaiser. Der 59 Jahre alte Kronprinz Naruhito ist wieder bis an sein Lebensende Kaiser. Um den Rücktrittstermin war hart gerungen worden. Die Regierung hatte ursprünglich einen Rücktritt zum Jahreswechsel 2018/19 bevorzugt, was einen gleichzeitigen Wechsel der christlich-westlichen und der japanischen Jahreszählung erlaubt. Das aber passte dem kaiserlichen Hofamt nicht, weil der Tenno zur Jahreswende viele traditionelle Rituale absolvieren muss.

Welche Bedeutung hat der Ära-Name?

Viele Japaner rechnen nicht mit dem bei uns üblichen Kalender, sondern mit dem der ­jeweiligen Kaiserära. Akihito bestieg den Thron 1989, der Beginn der Ära Heisei, was so viel wie „Frieden schaffen“ bedeutet. Während der Heisei-Zeit gab es 17 ­ver­schiedene Premierminister. Die nun beginnende Ära heißt Reiwa, zu Deutsch in etwa „Schöne Harmonie“. Das Jahr 2019 ist dann Reiwa 1.

Was beschäftigt die Japaner?

Verglichen mit anderen Königshäusern ist der Klatsch-und-Tratsch-Faktor in Japan gering. Allerdings beschäftigt vor allem das Schicksal der neuen Kaiserin Masako die Japaner. Die Ehefrau von Naruhito war vor ihrer Hochzeit eine weltgewandte Diplomatin. Inzwischen gilt sie als depressiv. Es war besonders der Druck, einen männlichen Thronfolger zu bekommen, der dazu beigetragen hat. Wie die heute 56-Jährige mit der Last klarkommen wird, die mit dem Amt der Kaiserin verbunden ist, ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen.

Was ist der Chrysanthementhron?

Der Thron im Kaiserpalast, der sich in einem Park mitten in Tokio befindet, ist eigentlich ein eher schlichter, schwarzer Stuhl. Er wird Chrysanthementhron genannt, weil das kaiserliche Siegel eine stilisierte Chrysantheme mit 16 Blütenblättern zeigt – und seine Rückenlehne ziert. Das kaiserliche Siegel wird nur von Mitgliedern der kaiserlichen Familie verwendet. Es ist offiziell zwar nicht Staatswappen – in Japans Städten allerdings allgegenwärtig. Die Chrysantheme ziert auch das Deckblatt des japanischen Passes.

Wer bestimmt den Tagesablauf des Kaisers?

Mit mehr als 1000 Beamten überwacht das kaiserliche Haushofamt darüber, dass jede Gartenparty und jedes Musikkonzert im Palast gemäß den alten Riten stattfindet. Insbesondere die Shinto-Gebetsrituale müssen nach alter Sitte abgehalten werden. Mehrere Dutzend Beamte bestimmen alleine den Tagesalltag der Kronprinzessin – Kalligrafie­stunden und Teezeremonien werden gemäß uralter Traditionen veranstaltet.

Wie alt ist der Stammbaum?

Japans Kaiserhaus ist nach eigenen Angaben die älteste Dynastie der Welt. Ihre Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 660 vor Christus. Die Sonnengöttin Amaterasu soll damals ihren Sohn auf die Erde geschickt haben, um das Reich der aufgehenden Sonne zu gründen. Akihito ist der 124. Nachfolger des Sonnensohnes, Naruhito wird der 125. Nachfahre sein. Allerdings waren die Kaiser in der Vergangenheit oft alles andere als treue Liebende. Zahlreiche Nachfahren wurden von Konkubinen zur Welt gebracht. Erst unter dem Vater des nun scheidenden Kaisers ist diese Sitte abgeschafft worden.

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