Kleider machen Leute: Milan Peschel als uniformierter Schuster Wilhelm Voigt. Foto: Theater

Mit beißender Aktualität: Am Deutschen Theater in Berlin inszeniert Jan Bosse den „Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer – mit dem tollen Milan Peschel in der Titelrolle.

Stuttgart - Lustig geht es her, ja, das auch. Wenn Milan Peschel im silbrig glänzenden Uniformrock einherschreitet, den Hut schief auf dem Kopf, wenn Katrin Wichmann als wohlständige Frau Obermüller und Lisa Hrdina als Bedienstete mit aufgeschnallten Fettpolstern herumwackeln, wenn Felix Goeser sein gehorsamtriefendes Behördentun als „angewandte Demokratie“ verteidigt, selbst wenn Steffi Kühnert als Gefängnisdirektor von einstigen Schlachterfolgen fantasiert: lustig.

Aber die Inszenierung von Jan Bosse, an deren Textfassung der Stuttgarter Intendant Armin Petras mitgearbeitet hat, zielt nicht auf den Komödienwitz, auch nicht auf sozialdramatische Späße. Sie nimmt wörtlich, dass Carl Zuckmayer seinen „Hauptmann von Köpenick“ als „deutsches Märchen“ betitelt. Und Märchen sind immer wahr und immer bös. An den Anfang seines Dramas hat er als Motto zwei Zeilen aus dem „Rumpelstilzchen“ gesetzt: „Nein“, sagte der Zwerg, „lasst uns vom Menschen reden! Etwas Lebendiges ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“

Vom Menschen reden. Sehr leer und sehr weiß ist der Raum von Stéphane Laimé zu Beginn. Milan Peschel schlurft in weiten Hosen und großer Jacke mit sichtbaren Flecken nach hinten, steht vor einer hohen, verschlossenen Tür, klopft, stöhnt stumm, klopft wieder, geht, und im Weggehen öffnet sich das Portal. Er hat jetzt zu tun: das Bühnenbild bauen, Hauselemente schieben, schwitzen, schauen, dass alles passt.

Der Irrsinn des Ganzen

Ein schöner, symbolträchtiger Anfang: Selbst die Stadt, die ihn nicht haben will, selbst das Umfeld, die Verhältnisse, die ihn ausstoßen, muss er eigens errichten. Ist er womöglich auch selber schuld an seinem Elend? Von der ersten Szene an stellt die Inszenierung die Vorlage auf eine gesellschaftskritische Perspektive um. Und Gesellschaftskritik bedeutet hier, die inneren und äußeren Widersprüche aufzudecken, das Verwickeltsein des Einzelnen, den Irrsinn des Ganzen. Steffi Kühnert wird deshalb einmal aus ihrem Schauspielerleben berichten, Martin Otting wird seine kratzige Stimme einem Flaschensammler leihen und Milan Peschel an die Rampe gehen und fragen, was denn so sonderbar oder wunderbar an jenen sei, die sich nach Rückschlägen zurückkämpfen, an Roy Black, Helmut Berger, Drafi Deutscher. Alles aber nicht, um den Figuren den Glitzer des Authentischen umzuhängen, sondern um sie als Beherrschte zu zeigen, als Betroffene der Umstände.

Im Herzen der Inszenierung am Deutschen Theater ist bei Bosse also der Mensch Wilhelm Voigt platziert. Jener, der im Zuchthaus saß, es auch gezüchtigt verlässt, aber keine Arbeit hat, weil er keinen Pass besitzt, und keinen Pass bekommt, weil er keine Arbeit hat. Der dazugehören will, jedoch nicht darf. Er will nicht revoltieren, er würde sich unterordnen. Aber dass das Recht über alles geht, wie ihm Felix Goeser als Schwager verklickert? „Det is det ja: es jeht auch über den Menschen“. Der Mensch: „nüscht wert“.

Rebellisches Augenrollen

Das kann Milan Peschel, wie es nur wenige können: den Irrsinn der Verhältnisse ins Innere jeder Silbe legen, das Rebellische in jedes Augenrollen, das Widerborstige in die Schritte und bei all dem doch wie ein Lufttänzer aussehen, in die Zwischenräume Ironie schmuggeln, nie jedoch biederen Zynismus, nie die Billigkeit des Effekts. Er läuft hier mit einem Stoffbeutel umher, der den Aufdruck „Krise“ trägt. Krise: „Det is nu ne öffentliche Anjelegenheit.“

Das Berlinern verliert jede lokalkolorierte Putzigkeit, überhaupt stehen diese zweieinhalb pausenlosen Stunden nicht im Dienste einer Milieustudie, weil Armut, Ausgrenzung und Ausbeutung keine Milieufragen mehr sind. Wilhelm Voigt, der arme Hauptmann, wird zum Don Quichotte wider eine neoliberale Ordnung, die längst allseits verinnerlicht ist. Ja, das ist ein ungemein bissiger, gegenwartssatter Abend. Er mag zwischendurch an Spielkraft verlieren, die Videobilder und Kostümknaller mögen zuweilen wie Notlösungen aussehen, aber auch sie sind Versuche, vom Menschen zu reden, ohne den Wettbewerbling zu meinen. Danke!

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