James Joyce im Jahr 1937 in Paris Foto: dpa

Mit „Finn’s Hotel“ hat der Suhrkamp-Verlag eines der letzten Werke des irischen Schriftstellers James Joyce veröffentlicht.

Stuttgart - Willkommen im Reich der mindestens ­halbseitigen Sätze, in denen die absonderlichsten Vokabeln jubelnd übereinander herfallen und miteinander Unfug treiben! „Finnegan’s Wake“, das letzte Werk des ­irischen Jahrhundertschriftstellers James Joyce, ist, das weiß man, ein Buch an dem ­jedermann scheitert und aus dem John Cage vorzusingen pflegte.

Alle jene aber, die an „Finnegan’s Wake“ scheiterten und nach weniger als zehn Seiten die Frustration packte, könnten mit „Finn’s Hotel“ glücklich werden. So heißt nicht nur ein kleiner schmaler Band mit Texten, sondern auch ein Gasthaus, in dem jene Nora, die James Joyce in Wallung brachte, arbeitete.

Hier turnt die Sprache so bunt und toll umher wie dort, aber die Texte sind kurz, die Verwirrung bleibt überschaubar, und mitunter glaubt der Leser gar, den Wortsinn zu erhaschen.

Literaturkuriosum mit absonderlichen Neologismen

Joyce schrieb diese Texte nach Vollendung des „Ulysses“ und bevor er mit seinem letzten Werk begann – in ihnen könnten die Wurzeln des „Finnegan’s Wake“ liegen. Herausgeber Danis Rose zeigt dies in seinem Vorwort, Seamus Deane legt vor allem historische Bezüge offen – ihre Texte geben eine sehr gute Einführung in den späten Joyce und machen etwa den halben Umfang des Buches aus.

Rose und Deane fungierten ebenfalls als Herausgeber einer Neuedition des „Finnegan’s Wake“, in die Varianten eingeflossen sind, die sich aus spät aufgefundenen Nachlässen ergeben. Unumstritten ist dies in der gelehrten Joyce-Gemeinde so wenig, wie die Veröffentlichung dieser neuen Texte, die ebenfalls aus dem Nachlass stammen und von den Herausgebern recht gewagt zum Fragment eines weiteren Großwerkes zusammengefügt wurden.

Ein Literaturkuriosum ist „Finn’s Hotel“ dennoch. Übersetzer Friedhelm Rathjen gibt dem Joyceschen Feuerwerk zudem einiges an zeitgenössischem Schmiss mit - in der Flut der absonderlichen Neologismen schwimmt manch ein Wort, das Joyce ganz sicher nicht kennen konnte, eine Dame trägt ein kugelsicheres Kleid, ein Kapitel heißt: „Ich poste euch zu“.

Liebeshändel und Trunkenheit gepaart mit irischer Mythologie

Wie „Finnegan’s Wake“ ist „Finn’s Hotel“ eine Sprachwucherung, in der sich Liebeshändel, Trunkenheit und Klatsch mit irischer Geschichte und Mythologie unter vieldeutig lesbaren Klangmustern paaren.

So reizvoll all dies scheint - die Veröffentlichungsstrategie des Suhrkamp-Verlages mutet an, als wolle sie bei diesem Bändchen dem rätselhaften Spätwerk des Iren den Rang ablaufen. Gepriesen als „ein unbekannter James Joyce“ kommt die Textsammlung in einem auffallend gestalteten Schutzumschlag daher, gerade so, als möchte das Buch, das sicher nur einen kleinen Leserkreis erreichen wird, ein Bestseller sein.

Den Originaltext vermisst man sehr, Anmerkungen zur Übersetzung nicht minder - aber vielleicht muss das so sein, vielleicht hätte eine Flut aus Fußnoten den Spaß zunichte gemacht. Und vielleicht nehmen die Leser nach dieser Lektüre ja doch noch einmal Anlauf und schaffen es dieses Mal auf Seite zwölf oder dreizehn des großen unverständlichen Buches - den Appetit darauf haben sie sich in „Finn’s Hotel“ geholt.

James Joyce: Finn’s Hotel. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen. Suhrkamp-Verlag. Berlin. 101 Seiten, 17,95 Euro

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