Die US-Army zäunt ihr Übungsgebiet im Böblinger Wald ein. Damit schwinden auch die Hoffnungen, dass das einzigartige Jagddenkmal jemals wieder frei zugänglich wird. Die Stadt strebt einen Kompromiss an.
Im Böblinger Rathaus scheint man sich damit abgefunden zu haben, dass ein Teil des Waldes auf der Gemarkung der Stadt demnächst von einem 3000 Meter langen Zaun durchzogen wird. Dieser soll wie berichtet das Übungsgebiet der in der Panzerkaseren stationierten US-Soldaten abschotten und verhindern, dass Spaziergänger, Gassigänger und Radfahrer das Revier der Militärs betreten.
Mitten im Trainingsbereich der Soldaten
Sie sei zwar enttäuscht, dass der Zaun nun kommt, sagt Christine Kraayvanger. Die Böblinger Baubürgermeisterin sagt aber auch: „Das war nicht zu vermeiden.“ Allzu oft seien die Warnschilder von den Waldnutzern ignoriert worden. Die Gefahr, dass es zu Zwischenfällen komme, wenn trainierende Soldaten und Passanten aufeinandertreffen sei zu groß. Eine Einschätzung, die Matthew Ziglar, der Kommandeur der Panzerkaserne, teilt. „Das Schlimmste für uns wäre“, sagt der Colonel, „dass jemand verletzt wird, weil er sich an einem Ort befindet, an dem wir ihn nicht erwarten würden.“
Der Bau des Zaunes lenkt den Blick erneut auf ein Bauwerk, das sich genau in diesem Trainingsbereich der Panzerkaserne befindet und als einmalig in Deutschland gilt: Die Pirschgänge, die von Herzog Carl Alexander im Jahr 1737 im Böblinger Wald angelegt worden sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses denkmalgeschützte Relikt adliger Hochkultur in absehbarer Zeit von der Öffentlichkeit unbehindert besucht werden kann, ist damit deutlich gesunken.
Viel Steuergeld, wenig Öffentlichkeit
Hoffnungen, dass sich das ändert, keimten auf, als das Denkmal vor drei Jahren saniert wurde. Die Gänge und Unterstände, die den adligen Herrschaften bequemes und sicheres Jagen erlaubten, waren teilweise verschüttet und drohten einzustürzen. Für 168 000 Euro wurde die Anlage gesichert und wiederhergestellt. Die finanzielle Hauptlast trugen der Bund und die Denkmalstiftung des Landes. Aber auch die Stadt und der Landkreis steuerten jeweils 18 000 Euro bei.
Die Steuergelder, so erscheint es, wurden investiert für eine historische Stätte, die weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit bleibt. Christine Kraayvanger berichtet von einem „langen Weg“, den man in der Verwaltung hinter sich habe, um die Öffnung der Pirschgänge zu erreichen. Vergeblich: Die Lage im Übungsgelände lasse dies schon aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht zu.
Kommt eine Liste?
Wegen der großen Bedeutung der Pirschgänge, die beiden Seiten bewusst sei, arbeite man aber an einer Lösung. Geplant ist eine Liste, in die sich all jene eintragen können, die die Pirschgänge anschauen möchten. Sobald es genügend Interessenten gibt, organisiert die Stadtverwaltung eine Führung.
Details soll es im Frühsommer geben.
Einmaliges Kulturdenkmal im Böblinger Wald
Funktion
Die Pirschgänge wurden von Herzog Carl Alexander 1737 im Böblinger Wald angelegt und bestehen aus mehreren Tunnel, die durch offene Gänge verbunden sind. Die Anlage sollte es den höfischen Jägern ermöglichen, ihre Jagdstände sicher und bequem zu wechseln.
Bedeutung
Die Pirschgänge sind ein einzigartiges Kulturdenkmal, das die prunkvolle Jagd an den Herrscherhäusern in der frühen Neuzeit dokumentiert. Eine ähnliche Anlage gibt es nur noch in der Nähe von Jena.
Führung
Einen Besuch der Pirschgänge bietet das Böblinger Fleischermuseum in Verbindung mit seiner Sonderausstellung „Die wilde Jagd“ am 21. Mai.