Niedrige Zinsen und spekulative Börsengänge rücken die Aktie wieder ins Bewusstsein der Sparer Foto: dpa

Viele Sparer sind verzweifelt. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende der niedrigen Zinsen erfüllt sich nicht. Auf der Suche nach mehr Rendite lassen sie sich vom Hype um die neuen Aktien von Alibaba bis Zalando mitreißen.

Viele Sparer sind verzweifelt. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende der niedrigen Zinsen erfüllt sich nicht. Auf der Suche nach mehr Rendite lassen sie sich vom Hype um die neuen Aktien von Alibaba bis Zalando mitreißen.

Das Umfeld

An Zalando kommt in diesen Tagen kaum jemand vorbei. Der bevorstehende Börsengang des Internetmodehändlers ist einer der größten Börsengänge in Deutschland in diesem Jahr. Sparer, die ihr Geld auf Tagesgeldkonten mit Minizinsen horten, sind elektrisiert. „Ich kauf Zalando-Aktien“, sagen plötzlich Leute, die sich beim Platzen der Internetblase vor 14 Jahren die Finger verbrannt haben und seither Aktien mieden wie der Teufel das Weihwasser.

Zalando, der chinesische Internethändler Alibaba oder Rocket Internet, die Unternehmensschmiede der Samwer-Brüder, profitieren allesamt vom günstigen Börsenumfeld. „Das viele Geld drückt wie Wasser aus einer defekten Rohrleitung, soll heißen, es muss investiert werden“, sagt Rolf Kazmaier, Geschäftsführer der SVA Vermögensverwaltung in Stuttgart. „Börsengänge sind in diesem Umfeld eine gefundene Spielwiese.“ Doch der Wind könnte sich drehen. „Am Konjunkturhimmel gibt es die ersten Wolken, und Kursrückgänge sind nicht auszuschließen. Wenn Unternehmen noch erfolgreich Aktien platzieren möchten – dann jetzt“, betont Frank Wieser, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Packenius, Mademann und Partner aus Düsseldorf. Die Zahl der Unternehmen, die sich aufs Parkett trauen, steigt. „In Deutschland haben sich 2013 sieben Unternehmen Kapital an der Börse verschafft. In diesem Jahr kann die Zahl auf 15 Unternehmen ansteigen“, sagt Stephan Pilz, Senior Analyst der Stuttgarter Smart-Invest. Im internationalen Vergleich beispielsweise mit den USA sei die Zahl aber verschwindend gering. „Dort gab es 2013 rund 220 Börsengänge“, so Pilz

Der Einsteiger

Anleger, die noch vor wenigen Jahren festverzinsliche Wertpapiere gekauft haben, die eine Rendite von drei bis vier Prozent erzielten, stehen nun vor der Situation, dass sie für dieselben Papiere heute weniger als ein Prozent erhalten – vor Steuern und Inflation, rechnet Andreas Rapp vor. Aus Sicht des Leiters Private Banking beim Bankhaus Ellwanger und Geiger müssen sich Kunden entscheiden, ob sie diesen Wertverlust akzeptieren oder ob sie ein höheres Risiko in Kauf nehmen, um ihre Zielrendite von drei Prozent zu halten. „Der Risikoappetit steigt rapide“, stellt Rapp fest und warnt: Viele Anleger blendeten das Risiko auf der Suche nach Rendite zunehmend aus, statt sich damit auseinanderzusetzen. Dies wecke Erinnerungen an die Zeiten des Neuen Marktes oder die Phase vor der Lehman-Pleite.

Das Risiko

Wer beginnt, die Aktie als Anlage wiederzuentdecken, sollte sich tunlichst von den Börsengängen fernhalten, rät Rapp. „Neuemissionen haben noch nicht bewiesen, dass sie über Jahre hinweg nachhaltig stabile Dividenden generieren können. Da ist eine Menge Vorschusslorbeeren im Markt.“ Wer viele Jahre keine Aktien in seinem Wertpapierdepot hatte, sollte nicht bei angesagten Börsengängen zugreifen, sondern sich auf europäische Standardaktien konzentrieren, die über Jahrzehnte kontinuierlich eine Dividende ausgeschüttet haben. Dann seien Aktien trotz des derzeit hohen Kursniveaus eine interessante Anlagealternative. „Für einen strategischen Vermögensaufbau mit einem längerfristigen Anlagehorizont ist der Zeitpunkt für den Einstieg in Aktien weniger wichtig“, so Rapp.

Kunden ist es am Ende egal, ob sie mit Alibaba oder einem Standardwert 20 Prozent verlieren, weiß Anlageexperte Domenico Gehling von der Hypovereinsbank. Er empfiehlt Anlegern, die bisher Aktien gemieden haben, nicht in Einzelwerte zu gehen. „Sie sollten die Aktienanlage jemanden machen lassen, der etwas davon versteht – einen Fondsmanager oder Vermögensverwalter.“

Der Spekulant

Wer dennoch bei Börsengängen zugreifen möchte, sollte wissen: Immer dann, wenn im Rahmen eines Börsengangs die Altaktionäre im großen Stil Kasse machen und das frische Geld nicht dem Unternehmen zugute kommt, ist Vorsicht angebracht, warnt Thomas Wüst, Geschäftsführer der Stuttgarter Valorvest Vermögensverwaltung. Privatanleger sollten den Emissionsprospekt, der über Geschäftstätigkeit und Risiken informiert, genau studieren. „Einfach Aktien aus einer Neuemission zu zeichnen, ohne das Unternehmen genau zu kennen, ist wie in eine Immobilie zu investieren, die man noch nie gesehen hat.“ Sich an neuen Aktien von Unternehmen zu beteiligen, „die mit ihrem Geschäftsmodell noch keinen Gewinn erwirtschaftet haben, ist generell nur etwas für spekulative Investoren“, sagt Wüst.

Die Fantasie

Bei manchen Börsengängen stehen die Anleger Schlange – obwohl in der Vergangenheit die Renditen bei Börsengängen eher mau waren, sofern Anleger keine Zuteilung zum Emissionspreis erzielten. Für Thomas Freiberger, Inhaber der gleichnamigen Vermögensverwaltung in München, handeln Anleger irrational. „Anleger wollen eine nächste Microsoft- oder Google-Aktie finden“, sagt Freiberger. Sie geben der geringen Wahrscheinlichkeit eines sehr großen Gewinns den Vorzug gegenüber der hohen Wahrscheinlichkeit eines Verlustes.

Die Zalando-Aktie

Der Internetmodehändler Zalando wird am nächsten Mittwoch, 1. Oktober, zum ersten Mal gehandelt. Sollten Privatanleger jetzt schreien vor Glück, oder sollten sie lieber schreiend davonlaufen?

Das kommt auf den Standpunkt an. „Die Samwer-Brüder haben bewiesen, dass sie schnell und erfolgreich Technologieunternehmen gründen und später verkaufen können“, sagt Wieser. Zalando gelte als Erfolgsstory, doch das Unternehmen müsse erst noch beweisen, dass es dauerhaft Geld verdienen kann. „Die Chancen dafür stehen aber gut.“ Kazmaier hält die Zalando-Aktie für weniger spannend. Der Internethändler verdiene erst seit diesem Jahr Geld, betont er. Das Geschäftsmodell sei stark wachsend, aber auch mit gebotener Vorsicht zu sehen. Die Frage, ob er die Aktien von Zalando kaufen würde, beantwortet Kazmaier knapp: „Nein, ich würde es bei den Schuhen belassen.“

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