Jacob Collier beim Jazzfestival Esslingen Ein Genius im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Von Thomas Morawitzky 

Einer, der alles kann – und das gleichzeitig: Jacob Collier Foto: Getty Images Europe
Einer, der alles kann – und das gleichzeitig: Jacob Collier Foto: Getty Images Europe

Plötzlich ist er überall, der junge Musiker aus London. Er steht an allen Instrumenten, baut seinen glitzernden Soundkosmos im Alleingang auf. Jacob Collier ist das Talent mit der Wundertüte, ein Jazzer auf der Höhe aller virtuellen Zeiten. Sein Konzert in der Württembergischen Landesbühne war ein Höhepunkt des Jazzfestivals Esslingen.

Esslingen - Schon als die jungen Jazzer der Festivalband den Abend eröffnen, bleiben im Saal der WLB nur wenige Plätze frei. Maximilian Merkle, Leiter des Esslinger Jazzfestivals, freut sich über den großen Erfolg der Reihe in ihrem zweiten Jahr; er berichtet auch von der großen Herausforderung, vor die Jacob Colliers Equipment die Esslinger Techniker stellte.

Als Collier nach einer Pause auf die Bühne kommt, ist auch der letzte Platz im Saal besetzt – und der Abend wirbelt hinaus in einen virtuellen Raum, in dem jeder Klang, jede Stilsynthese möglich scheint. Im Mittelpunkt der 22-Jährige, der in den sozialen Netzwerken zum Star und schließlich von Quincy Jones entdeckt wurde – einer, der alles kann. Und zwar gleichzeitig.

Jacob Collier stammt aus einer Musikerfamilie; er begann schon mit 17, Videos im Netz zu veröffentlichen. Das Massachusetts Institute of Technology entwickelte für ihn ein „Live Performance Vehicle“, gegenüber dem sich die Loop-Station, mit der längst ­jeder Songwriter durchs Land zieht, ausnimmt wie ein Papierflieger vor einem Raumschiff. Auf der Bühne der WLB steht alles bereit: Keyboards, Piano, ein Schlagzeug, ein elektronischer Bass, sehr viel ­Percussion.

Collier beginnt am Keyboard; seine Stimme schichtet sich zu Harmonien auf, verschmilzt mit dem Klang des Instruments. Lange lässt er diesen ersten, irritierend unwirklichen Moment andauern. Dann blickt er auf, sehr plötzlich, und begrüßt sein Pu­blikum in heiterem, gebrochenen Deutsch: „Guten Abend!“ Kameras fangen sein strahlendes Lachen ein, werfen es als flackerndes digitales Bild auf die Leinwand hinter ihm.

Collier nahm alle Stücke in seinem Zimmer auf

Vor wenigen Wochen erst erschien mit „In My Room“ Jacob Colliers Debütalbum. Der Titelsong, ein Hit, den Brian Wilson für die Beach Boys schrieb, ist Programm: Collier nahm alle Stücke in seinem Zimmer auf; das Cover des Albums zeigt ihn dort. Und er kreiert mit seiner Musik einen eigenen Raum, künstlich ganz und gar und doch erfüllt von fieberhaftem Leben. Auf der Bühne springt er von einem Instrument zum anderen, schlägt hier ein Becken an, dort eine Glocke, einen Akkord. Die Leinwand verdoppelt, verdreifacht sein Bild; ein halbes Dutzend Colliers ist bald dort zu sehen. Der NXT Double Bass kann Keyboard sein so gut wie Kontrabass, das Schlagzeug sich in ein Glockenspiel verwandeln und doch plötzlich seinen ganzen Druck entfalten. So wie sich Jacob Colliers Bild vervielfacht, so multiplizieren sich die instrumentalen Stimmen um ihn her: ein lachender Genius im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Jenseits der Grenze, die Jazz vom Pop scheidet, scheinen Animal Collective, Panda Bear vor allem, seine Brüder im Geiste zu sein. Collier überschreitet diese Grenze oft, aber er bekennt sich auch immer wieder zum Jazz. Niemals weiß sein Publikum, wohin er sich im nächsten Augenblick bewegen wird. Am verblüffendsten an diesem Abend gerät wohl seine Aneignung von Burt Bacharachs „Close To You“: Er spielt es schlicht, fast ohne sein virtuelles Orchester, schlägt hart die Bass-Gitarre an, mischt einige Beats hinzu – und der Hit der Carpenters verwandelt sich in schweren Hip-Hop.

„Hideaway“, das Stück, das ihm auf Youtube den Durchbruch brachte, nimmt sich zunächst aus wie ein Folksong; Collier greift zur akustischen Gitarre. Er setzt sich ans Piano, spielt erst noch mit einer Hand weiter auf den Saiten, während er mit der anderen erste Tasten anschlägt, holt das schlichte Lied sehr langsam in seine hybride Welt hinein. Viel später dann wird er an diesem Piano sitzen und, wiederum ganz frei von allem Schmuck, den sein „Performance Vehicle“ liefert, eine Jazzballade singen: unbedingt, emotional und ergreifend.

Jacob Colliers Talent erschöpft sich nicht im Spiel mit der Technik, in den Manierismen des digitalen Zeitalters – das beweist er oft, ganz ohne Mühe, ohne Vorsatz. Nach vielen Stilwechseln gewinnt bei seinem Esslinger Konzert der Funk die Oberhand, reißt Collier sein Publikum schließlich ganz mit: Es klatscht den Rhythmus, singt den Re­frain. Ein Stubenhocker, dem die Welt abhandenkam, ist Collier auf keinen Fall. Und er erweist, mit „Fascinating Rhythm“, auch George Gershwin seine Reverenz.

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