Jenseits der Diskurse beginnt das Leben: Jackie Thomae Foto: picture alliance/dpa/Frank Rumpenhorst

Unser Favorit für den Deutschen Buchpreis: Jackie Thomae erzählt in ihrem Roman „Brüder“ von der Macht des Lebens über unsere Gene.

Stuttgart - Wer sonst? Natürlich muss Jackie Thomae den Deutschen Buchpreis in diesem Jahr erhalten. Nicht weil das Feld so schwach wäre, sondern weil ihr Roman mit Eleganz und Gelassenheit die Diskurse und thematischen Besonderheiten überfliegt, die äußerlich über den Repertoirewert eines Buches entscheiden und es in Stellung bringen für eine bedeutende Auszeichnung. Eine Autorin mit afrikanischem Hintergrund, in der DDR aufgewachsen, die über den unterschiedlichen Werdegang zweier Brüder schreibt, die ein senegalesischer Student im Arbeiter- und Bauernstaat mit unterschiedlichen Müttern gezeugt hat, Alltagsrassismus, Wende, Identitätspolitik – das ist allemal ein Stoff, der eine Jury aufmerken lässt. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass daraus ein guter Roman werden muss. Doch die Qualität von Jackie Thomaes „Brüdern“ besteht gerade darin, all diese Dinge aufzurufen und mit intimer Kenntnis zu beschreiben, sich aber zugleich davon zu emanzipieren. Erst hinter den Diskursen beginnt das Leben.

Auf den ersten Blick könnte man dieses Buch für eine Versuchsanordnung halten. Zwei parallel geführte Lebensläufe entwickeln sich aus einer gemeinsamen Verwandtschaft in völlig unterschiedliche Richtungen. Aus dem einen wird ein sympathischer, gut aussehender Filou, der im abenteuerlichen Berlin der Nachwendezeit ein Luftschloss nach dem anderen bewohnt, und in jedem ein gemachtes Bett findet. Der andere legt als erfolgreicher Londoner Architekt solide Fundamente, auf die er sein Leben gründet, leicht verklemmt, zwanghaft, aber zutiefst redlich.

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Was beide verbindet, ohne dass sie davon wüssten, ist der gemeinsame unbekannte Vater. Und dass ihr Leben gerade dabei ist auf einen Krisenmoment zuzusteuern. Der lebenslustige Clubmensch hat die Geduld seiner Freundin endgültig überstrapaziert, die hoffte seine libertäre Umtriebigkeit in familiäres Leben umzuwandeln. Der disziplinierte Architekt wiederum erleidet einen Kontrollverlust, als ihm der Hund einer jungen Schwarzen auf das Rennrad kackt, mit dem er sich in Form zu halten versucht, was ihm, selbst dunkelhäutig, ein Verfahren wegen rassistischer Übergriffigkeit einträgt.

Sprechender Schwanz

Den ersten Teil erzählt Jackie Thomae als temporeichen Schelmenroman aus einer Zeit des Übergangs zwischen DDR und Wende, Pubertät und dem endlosen Aufschub, erwachsen zu werden im euphorischen Taumel des Berliner Nachtlebens. Der zweite Teil ist gehalten in einer Art Paartherapie, bei der im Wechsel zwischen männlicher und weiblicher Perspektive Licht auf die Szenen einer Ehe fallen, aus der ein Kind mit ausgesprochen rhythmischen Neigungen hervorgeht. Mit diebischer Freude durchkreuzt Jackie Thomae immer wieder die Regeln diskursiven Anstands. Lustvoll überführt sie Klischees in ihr Gegenteil, oder entlarvt sie gerade dadurch, in dem sie sie zum Schein bestätigt. Etwa wenn der leutselige Nachtmensch von seiner entnervten Freundin nicht unnachvollziehbar als „sprechender Schwanz“ tituliert wird.

Denn das ist die eigentliche Pointe dieses Romans: Dass das Experiment, das er zum Schein veranstaltet, virtuos ins Leere läuft. Weil das Leben entschieden vielfarbiger ist als Genetik, Geschlecht oder Klasse und wie die Determinanten alle heißen, denen wir unsere Identität abringen. Hautfarbe ist in dieser Geschichte um zwei dunkelhäutige Protagonisten vor allem eine Sache der Weißen. Mit Witz, Klugheit und tiefer Menschlichkeit setzt sich Jackie Thomae über die Kategorien hinweg, die ihr die Nominierung für den Deutschen Buchpreis eingetragen haben mögen. Wer sonst hätte ihn verdient?

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