Für die Hauptrolle in einer Rowling-Geschichte ist sich auch ein Charakterdarsteller bestimmt nicht zu schade: Eddie Redmayne in den „Phantastischen Tierwelten“. Foto: Verleih

2016 ist das Jahr, in dem sich Joanne K. Rowling zurückmeldet als global erfolgreiche Fantasy-Autorin. Was sie jahrelang zögern ließ, schafft sie nun mit erstaunlicher Souveränität: Sie erweitert ihre Harry-Potter-Saga endgültig zur großen Politparabel.

Stuttgart - Bestsellerautoren sind gierig. Haben sie erst einmal die Masche gefunden, mit der man Bücher schreiben kann, die sich gut verkaufen, dann werden sie diese Masche auch bei den folgenden Werken gnadenlos anwenden: Variationen des immer gleichen Grundmusters. Unterstützt werden sie dabei von Verlagen und Buchhändlern, die auch gern mal ordentlich verdienen, und von Filmproduzenten, die das Ganze nach ein, zwei Jahren riesig auf die Leinwand bringen. Ja, so sind die Bilder vom Bestsellerautor. Und so ist bei vielen auch das Bild von Joanne K. Rowling, der britischen Harry-Potter-Schöpferin – insbesondere bei denen, die nie ein Buch von ihr gelesen haben.

Noch weitaus gieriger als Bestsellerautoren sind aber ihre Fans. Dass eine Geschichte unwiderruflich zu Ende erzählt sei, wie Rowling es 2007 bei Erscheinen des siebten und letzten Harry-Potter-Bands mitteilte, das können sie eigentlich weder verstehen noch akzeptieren. Und als 2011 auch noch die Verfilmung des Potter-Finales über die Leinwand gegangen war, kannte der Abschiedsschmerz in den einschlägigen Foren kein Halten mehr. War es nicht grausam, ungerecht und lieblos von der Autorin, ihre Helden nach Abschluss der Internatszeit in Hogwarts einfach im Geschichten-Nichts verschwinden zu lassen?

Und was sagte überhaupt Warner Brothers dazu, jene Filmproduktionsgesellschaft, die über Jahre hinweg mit den Harry-Potter-Filmen weltweit ein absolut krisensicheres Milliardengeschäft gemacht hatte? Ahnte man nicht, wie liebend gern Hollywood auch noch einen achten, neunten und zehnten Potter produziert hätte?

Das Online-Portal „Pottermore“ konnte die Fans nicht befriedigen

Aus Sicht der nach Nachschub rufenden Fans hat sich die Potter-Schöpferin Rowling lange Zeit nicht richtig nett verhalten. Versuche der Netzgemeinde, selbst aktiv zu werden und mittels Fan-Schwarmfantasie eigenständig neue Potter-Geschichten zu entwickeln, beantwortete Rowling mit juristischen Mitteln. Sie pochte auf ihr Urheberrecht auf alle Romanfiguren und bekam natürlich recht. Die Britin schrieb zwar neue Bücher, schnitzte diese aber demonstrativ aus ganz anderem Holz: böse Sozialstudien aus der britischen konservativen Misswirtschaft oder Kriminalromane über hinkende Privatdetektive, weder hier noch da irgendwelche Magier oder Zaubertricks. Das mochten die meisten Fans überhaupt nicht.

Wie zum Trost schenkte Rowling der globalen Potter-Gemeinde darum 2011 ein eigenes Online-Portal: „Pottermore“. Hier bot sie ihren Lesern den Kosmos der sieben Potter-Bände zuzüglich einiger digitaler Zauber-Goodies, zum Beispiel der Möglichkeit eines dreidimensional animierten Einkaufsbummels durch die Magier-Mall „Winkelgasse“. Doch Frieden gab es dadurch nicht. Die anfängliche Begeisterung der Nutzer schwand nach und nach. Sie wollten keinen Netz-Hokuspokus. Sie wollten neuen Geschichten-Stoff.

Und was bedeutet in diesem Hin und Her zwischen Autorin und Fans nun das zu Ende gehende Jahr 2016? Es ist das Jahr, in dem alles wieder gut wurde. Das Jahr, in dem die Rowling ihren Lesern gleich zwei neue Potter-Erzählstränge geschenkt hat. Den ersten im Sommer, als in London das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ Uraufführung feierte, den zweiten jetzt im November mit einem Kinofilm, der den für Außenstehende vermutlich gänzlich unzugänglichen Titel „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ trägt. Prompt hat die Buch- und Medienwelt eine neue Erfahrung: Der Zauber geht nicht nur weiter, er funktioniert wie ehedem. Als gedrucktes Buch steht das „Verwunschene Kind“ seit dem Sommer beinahe ununterbrochen auf Platz eins der deutschen Bestsellerliste, in den ersten Wochen sogar im englischsprachigen Original. Und in den Kinofilm strömten allein in Deutschland am ersten Wochenende 900 000 Besucher – der beste Filmstart in diesem Jahr überhaupt.

Gut gemacht – der Regisseur David Yates bleibt im Boot

Ist auch diese Mega-Geschichte also einfach zum markt- und branchenüblichen Ende gekommen? Gierige Autorin bedient gierige Fans? Die Potter-Magie in der Endlosschleife? Joanne K. Rowling als Helene Fischer der Fantasy-Welt?

Das mag vielleicht all jenen so scheinen, die der Faszination dieses Geschichtenkosmos rat- und teilnahmslos gegenüberstehen. Aber es wäre eine unzureichende und deshalb ungerechte Darstellung. Sie würde völlig die Qualität missachten, mit der die 51-jährige Autorin wieder zu Werke gegangen ist. Joanne K. Rowling hat ihrem Erzählwerk ganz neuen, schöpferischen Schwung verliehen. Inhaltlich sind weder Druck noch Schöpferinnen-Qual spürbar, nichts wirkt irgendwie erpresst oder leichtfertig in die Welt gesetzt. Nicht nur die übergroße Mehrheit der Fans, auch fast alle Kritiker sind sich einig: Insbesondere die „Phantastischen Tierwelten“ bringen einen neuen Ereignisstrang, der mühelos auch jene vier Fortsetzungsfilme tragen kann, die Rowling und Warner Brothers schon in Aussicht gestellt haben, immer im Abstand von jeweils zwei Jahren.

Hat man die Fanperspektive, kann man nur staunen, wie richtig die Autorin Rowling nach Jahren der Potter-Abstinenz alles gemacht hat. Erstmals bringt sie bei den „Tierwelten“ einen Stoff ohne vorherige Buchvorlage heraus. Dafür schreibt sie ganz allein das Drehbuch (ebenso erstmals) und behält als Koproduzentin auch sonst die Fäden schön in der Hand. Das Marketing hat ihr nichts zu sagen.

„Pottermore“ wird zum Geschichts- und Nachrichtenportal der Magierwelt

Und da ebendiese „Tierwelten“ zwar so etwas wie eine Vorgeschichte zu den sieben Potter-Bänden liefern, aber weit entfernt vom schottischen Hogwarts nun im New York der zwanziger Jahre spielen, hat die Schöpferin im vergangenen Jahr ihre Online-Plattform „Pottermore“ umgewandelt in ein Bilder- und Geschichtsarchiv der (imaginären) Magierwelt. Sie veröffentliche peu à peu als Vorbereitung Aufsätze zur Geschichte der Zauberei in Nordamerika, dazu ein Porträt der (natürlich ebenfalls imaginären) US-Magierschule Ilvermorny. Rowling schustert ihre neuen Geschichten eben keineswegs auf Nachfrage hin zusammen, sondern kons­truiert sie sorgsam bis ins Detail. Das zahlt sich aus. Die in anderen Erzählkosmen übliche, zum Teil hysterisch-gehässige Fehlersuche der Fans (wie bei den „Star Wars“- oder „Herr der Ringe“-Filmen) ist in der Potter-Welt praktisch unbekannt.

Ein weiterer Grund, warum die Autorin alles richtig gemacht hat: Sie hielt fest am Filmregisseur David Yates. Bereits in den letzten drei Potter-Filmen hat der Brite ein sicheres Gespür bewiesen für die eigentlichen Themen der Rowling. Deren Grunmotiv ist seit ihrem ersten Buch die Wertschätzung gesellschaftlicher Vielfalt, sozialen Zusamenhalts und ihre Angst vor der zerstörerischen Macht der politischen Vereinfacher dieser Welt. Und bei allem Sinn für fantastische Wendungen und Effekte – im Inneren leben die Rowling-Geschichten ganz von ihren Figuren, von deren Brüchigkeit und Verletzbarkeit, von jenen Stärken, die man nur gewinnt, wenn man sich seiner Schwächen bewusst wird.

Rowling will an den Fakten festhalten

Von allen Potter-Filmregisseuren hat Yates just dies am tiefsten verstanden und umgesetzt. So schafft er auch jetzt beides: Er verliert in den „Phantastischen Lebewesen“ trotz aller Special Effects nie die Figuren aus dem Blick. Und er findet Bilder für die Bedrohung gesellschaftlicher Offenheit und Pluralität, die weit über das Historische hinaus zum Zeichen für heutige Verhältnisse werden. „Phantastische Tierwelten“ ist lange vor der Wahl Donald Trumps erdacht und gedreht worden. Aber der Film wirkt wie eine aktuelle Reaktion darauf. Als „Harry Potter“ entstand, glaubte der Westen noch, die Zeit der Totalitaristen und Populisten sei endgültig vorbei. Rowling warnte mit den Kämpfen in Hogwarts schon damals vor Illusionen. In den „Phantastischen Tierwelten“ ist der Traum endgültig vorbei. Salem heißt nun die Bewegung, die nach Hexen sucht, um sie zu verbrennen. Rowlings Werk entpuppt sich endgültig als Politparabel auf unsere Zeit.

Fans können gierig sein. Hier aber ist es ihrem Drängen offenbar gelungen, eine Idee zur Reife zu verhelfen. Mit ihrem Theaterstück und einem fantastischen Film schafft es Joanne K. Rowling, ihre Fantasy ganz eng mit unserer Moderne zu verzahnen. Verückte große Kunst: Die lustvoll postfaktische Welt der Mrs. Rowling entpuppt sich als ein einziges Plädoyer, in der Realität an den Fakten festzuhalten.

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