So stellt sich Marie Wolkenstein, 9 Jahre, aus Wien den Ickabog vor. Foto: Marie Wolken

Die Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling erzählt in ihrem neuen Buch „Der Ickabog“ von einem Königreich in der Krise. Gibt es das Monster wirklich, das angeblich das Land bedroht? Für Momente der Hoffnung sorgen auch farbenfrohe Illustrationen von Kindern, die unsere Bildergalerie versammelt.

Stuttgart - Eine Intrige im Palast, die unliebsame Bürger in den Kerker und das ganze Land ins Verderben stürzt, Verräter an den Schalthebeln der Macht, die morden und Familien trennen? Es hängt eine finstere Wolke über Schlaraffien, dem Königreich von Fred dem Furchtlosen. Ickabog heißt das Monster, das den Niedergang des einst blühenden Landes auslöst. Es soll im nebligen Norden hausen und Menschen verspeisen.

 

Wie das von ihr erdachte Monster, heißt auch das neue, rund 350 Seiten starke Buch von J. K. Rowling, das seit diesem Dienstag in gedruckter Fassung vorliegt. Im Sommer hatte die Harry-Potter-Autorin das bereits vor zehn Jahren als Gutenachtgeschichte für die eigenen Kinder entstandene Mammutmärchen in 34 Fortsetzungen vorübergehend ins Internet gestellt. Wer jetzt durch die 64 Kapitel mit den jungen Helden Lilli und Wim bis zum Happy End fiebert, versteht schnell, wieso Rowling gerade diese Geschichte der Corona-Pandemie entgegensetzte. Denn die Krise, die Kinder und nicht nur sie derzeit durchleben, ist genauso beunruhigend und existenziell bedrohlich wie das, was in „Ickabog“ mit dem Leben der Bürger von Schlaraffien passiert.

Warum schenken wir Lügen Glauben?

Auch mit einem wie das ganze „Ickabog“-Projekt international angelegten Malwettbewerb wollte J. K. Rowling Kindern im ersten Shutdown etwas Gutes tun. Junge Künstler zwischen sieben und zwölf Jahren waren eingeladen, Figuren und Szenen des Märchens umzusetzen. Mit 34 Illustrationen aus dem deutschsprachigen Raum hat nun der Carlsen-Verlag seine Ausgabe gestaltet. Alle Abbildungen finden Sie in unserer Bildergalerie. Zu entdecken sind darin höfische Pracht wie beim Happy-End-Motiv aus Stuttgart, aber auch der Tod der königlichen Schneiderin und ein finsterer Beerdigungszug.

Dass die deutsche Übersetzung wie das englische Original zeitgleich mit der zweiten Corona-Welle erscheint, gibt dem Buch eine Aktualität, die es gar nicht bräuchte. Denn Rowling verarbeitet auch in „Ickabog“ zeitlose Motive, die sie – wie etwa der Kampf zwischen Gut und Böse – schon immer interessierten. „Was verraten uns die Ungeheuer, die wir heraufbeschwören, über uns selbst?“ – diese Frage gibt Rowling dem „Ickabog“ mit auf den Weg. „Wie kann es geschehen, dass das Böse von einer Person oder einem Land Besitz ergreift, und wie lässt es sich bezwingen? Und warum entscheiden sich Menschen, Lügen trotz spärlicher oder gänzlich fehlender Beweise Glauben zu schenken?“

Am Ende siegen Güte und Freundlichkeit

Fake News sind es, die das Schicksal von Lilli, Tochter der toten Schneidermeisterin, und Wim, Sohn des Befehlshabers der königlichen Garde, sowie von ganz Schlaraffien bedrohen. Hat tatsächlich der Ickabog Wims Vater umgebracht, wie die königlichen Berater, die Lords Spuckelwert und Schlabberlot, glauben machen wollen? Menschen, denen es zu gut geht, sind leichtgläubig. Die Existenz des Monsters hält Rowling so meisterhaft in der Schwebe, wie sie die Spannung der ganzen Erzählung mal überraschend verzögert, mal temporeich anheizt. Der märchenhafte Ton, den die allwissende Erzählerin zwischen „Es war einmal ...“ und „... dann leben sie noch heute“ anschlägt, lässt allerdings selbst im Angesicht übelster Taten auf ein Happy End hoffen. Friedrich Pflüger hat ihn in seiner Übersetzung genauso gut getroffen, wie er die Namen von Orten und Personen, die Eiterbeul oder Ehrenwert heißen, zum Sprechen bringt. Der Name des Monsters leitet sich von einem Wort ab, das „ruhmlos“ bedeutet. Doch Ruhm ist dem „Ickabog“ sicher, so schön erzählt Rowling davon, dass Freundlichkeit und Güte nicht nur Menschen, sondern auch Länder besser macht.

Spende
„Der Ickabog“ erscheint in 25 Sprachen übersetzt. Sämtliche Honorare aus der Veröffentlichung stellt J. K. Rowling ihrer Stiftung The Volant Trust zur Verfügung, um Menschen in Großbritannien und anderswo in der Welt zu unterstützen, die besonders von der Covid-19-Pandemie betroffen sind.

J. K. Rowling: Der Ickabog. Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger. Carlsen-Verlag. 353 Seiten. 20 Euro. Ab 8