Abgestürzt auf dem Weg zum Weltstar, landet Ivan Sliskovic (26) nach überstandenem Pfeifferschen Drüsenfieber im Sommer bei Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Die Annäherung an einen Sportler, den die Krankheit auch als Mensch veränderte.
Göppingen - Das Thema ist heikel. Es geht um eine Krankheit. Es geht um Gefühle. Es geht um Existenzängste. Da tut sich ein Mensch leichter, wenn er sich in seiner Muttersprache ausdrücken kann. Also bringt Ivan Sliskovic zu dem vereinbarten Treffen vor dem Bundesliga-Derby gegen den TVB Stuttgart (Sonntag, 13.30 Uhr/EWS-Arena) einen Übersetzer mit: Kresimir Kozina. Sein kroatischer Landsmann und Mitspieler bei Frisch Auf Göppingen spricht perfekt deutsch. Er kennt die emotionale Achterbahnfahrt seines Freundes. Er weiß, dass Sliskovics Weg zurück zum Leistungssport eine Gratwanderung zwischen Verbissenheit und Erlösung war. Aber selbst er kennt nicht alle Details.
Topclubs Europas jagen Sliskovic
Das zeigt sich daran, dass im Laufe des Gesprächs immer wieder einmal ein Anflug von Überraschung über sein Gesicht huscht, wenn Sliskovic offen über sein Seelenleben berichtet. Zunächst schildert er seine Laufbahn im Schnelldurchlauf: Los geht es in seinem Heimatort Split, als Aktiver holt ihn RK Nexe Nasice, mit dem Club gewinnt er 2012 und 2013 die kroatische Vizemeisterschaft, mit 19 Jahren spielt er bereits auf der internationalen Bühne im EHF-Pokal. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmt er beim slowenischen Topclub RK Celje, mit dem er 2014 und 2015 jeweils Meister und Pokalsieger wird. „Es lief ganz gut, auch in der Champions League“, erzählt Sliskovic mit ruhiger Stimme. Kozina zieht irritiert die Augenbrauen hoch und greift korrigierend ein: „Was heißt ‚lief ganz gut`? Der Himmel kannte für Dich keine Grenzen.“ Ein Lächeln blitzt auf beim Hochgelobten. Doch das bescheidene Rückraumass war in der Tat auf dem besten Weg zum Weltstar, es gab so gut wie keinen Topclub in Europa, der nicht hinter ihm her war. Sliskovic entschied sich im Sommer 2015 für Telekom Veszprém. Mit dem finanzkräftigen ungarischen Rekordmeister räumte er in seinem ersten Jahr sämtliche nationale Titel ab und stürmte ins Champions-League-Finale. Praktisch ohne Pause ging’s weiter zu den Olympischen Spielen: Nach Bronze bei der EM 2016 folgte in Rio mit Kroatien und Nationalmannschaftskollege Kozina Platz fünf. Dann kam der Karriereknick.
Der Körper bekommt zwei Jahre praktisch keine Pause
Sliskovics Mundwinkel gehen nach unten, wenn er sich an das Ligaspiel mit Veszprém Mitte September 2016 bei Csurgói KK erinnert: Schon nach drei Minuten fühlte er sich wie benebelt, er quälte sich bis zum Ende durch. Fast ohnmächtig musste er vom Spielfeld gebracht werden. Entkräftet, ausgelaugt, müde hatte er sich schon direkt nach Rio gefühlt. Aber krank? Nein! Der 1,97 m große Modellathlet hatte seine Schlappheit auf das bewältigte Mammutprogramm geschoben: Fast zwei Jahre lang hatte er praktisch durchgespielt. Auch eine Knieentzündung zwischen EM und Olympia 2016 hatten ihn nicht gebremst. Weiter ging’s. Immer weiter.
Erst nach Zusammenbruch alles auf dem Prüfstand
Erst nach dem Zusammenbruch in Csurgói kam alles auf den Prüfstand. Die Untersuchungen in Veszprém brachten die Diagnose: Infektiöse Mononukleose, bekannt als Pfeiffersches Drüsenfieber. Die Ärzte verordneten eine dreimonatige Zwangspause. Eine schreckliche Zeit für ihn, den ehrgeizigen Aktiven, der immer Bewegung braucht. Er machte sich selbst Druck. Der Verein machte Druck. Sliskovic versuchte wider leicht zu joggen, stellte sich im Training auch mal in die Abwehr. Doch Besserung trat nicht ein. Es folgten weitere Bluttests in Zagreb und eine mit dem Verein abgesprochene Auszeit im Januar 2017 im kroatischen Gesundheits- und Sportzentrum Terme Selce, wo auch eine Arthroskopie an seinem Knie vorgenommen wurde.
Auch psychologische Hilfe beansprucht
Er nimmt psychologische Hilfe in Anspruch. Bangte er auch um seine Existenz? Hatte der Angst vor dem Scheitern, Angst davor, nie mehr die Form zu haben, die er einmal hatte. „Nein. Ich war immer davon überzeugt, wieder Handball spielen zu können“, beteuert Sliskovic. Aber nicht mehr für Veszprém. Er spürte die Auswüchse des knallharten Profgeschäfts. Er spürte, dass das Vertrauen schwand. Die Kündigungs-E-Mail des Vereins, die im Frühjahr 2017 bei seinem Berater einging, traf ihn hart, aber nicht gänzlich unvorbereitet. Er hätte auf die Einhaltung seines bis 2022 laufenden Vertrags pochen können. „Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, aber mein Stolz ließ nicht zu, mich weiter mit diesem Verein zu beschäftigen“, sagt Sliskovic.
Als müsste er seine Worte etwas wirken lassen, nimmt der 26-Jährige einen Schluck Espresso Macchiato, richtet seinen Blick prüfend zu seinen Gegenübern und verblüfft dann sogar seinen Freund Kozina mit einer überraschenden Aussage: „Im Nachhinein bin ich sogar dankbar, dass ich diese Krankheit hatte.“ Die Erklärung schiebt er im gleichen Atemzug hinterher: „Für mich hatte es von Klein auf immer nur Handball, Handball, Handball gegeben.“ Er blickte nicht nach links. Er blickte nicht nach rechts. Selbst den Tod seiner Mutter, die er im Alter von 18 Jahren verlor, hatte er nicht richtig aufgearbeitet. „Während meiner Auszeit habe ich endlich verstanden, was wirklich wichtig ist im Leben.“ Der Glaube an Gott. Seine Familie, der Vater Stjepan, seine ältere Schwester Dragica, die Freundin Annamaria. Und natürlich die Gesundheit.
Dass Frisch Auf nicht international spielt, ist ein Vorteil
Die hat er inzwischen vollumfänglich erlangt. Schon in der Rückrunde der Saison 2017/18 setzte er bei seinem Ex-Club RK Celje wieder zum Sprungwurf an und arbeitete sich an das notwendige Leistungsniveau heran. Wieder flatterten ihm Angebote ins Haus, noch nicht von den Topclubs aus der Champions League wie zu seiner Blütezeit, aber zum Beispiel von EHF-Pokal-Sieger Füchse Berlin. Warum er sich statt der Bundeshauptstadt für die Handballhauptstadt Göppingen entschied? Sliskovic deutet auf seinen Mitspieler und strapaziert die Lachfältchen in seinem Gesicht: „Krescho hat mir eben nur Positives vom Verein, der Stadt und den Menschen erzählt.“ Mit der Miene des zutiefst Überzeugten fügt er noch ein Argument hinzu: „Frisch Auf spielt in dieser Saison nicht international. Da ist die Belastung nicht so hoch, ich kann mehr trainieren und besser regenerieren.“ Zum starken Saisonstart mit 6:2 Punkten hat er seinen Teil beigetragen. Doch Trainer Hartmut Mayerhoffer sieht seinen Star-Neuzugang erst bei 70 bis 80 Prozent. An seiner Dynamik, Explosivität, Sprung- und Wurfkraft kann der abwehrstarke Rechtshänder noch arbeiten. Doch wichtig ist für Ivan Sliskovic vor allem eines: Dass der Körper endlich wieder mitspielt.