Chiara Finotti und Pierandrea Palumbo sind aus Kalifornien zurückgekehrt ins Piemont und betreiben dort die Villa Alba. Foto: Siefert

Die Lage in Italien verbessert sich langsam: Die Arbeitslosenzahlen sind gesunken, auch die ganz jungen Italiener finden wieder öfter einen Job. Doch in einer Generation stagnieren die Zahlen weiterhin. Dabei ist gerade sie die wichtigste für den wirtschaftlichen Aufschwung. Ein Stimmungsbild.

Bari/Berlin/Florenz/Alba - Donatello Prunella ist pragmatisch. Der 23-Jährige aus der süditalienischen Kleinstadt Conversano studiert Ingenieurwissenschaften in Bari, 35 Kilometer nördlich vom Haus seiner Eltern. Das Studium sei kein Vergnügen, sagt Donatello. „Ich habe das Fach nicht gewählt, weil es mir gefällt, sondern weil es in diesem Sektor ziemlich sicher ist, dass ich Arbeit finden werde.“ Mehr als zwei Jahre hat er noch vor sich. Klar, so lange wohne er bei den Eltern, anders ginge es nicht.

Dabei ist die Presse voll von Meldungen des Aufschwungs: Die Arbeitslosenquote lag in Italien Ende 2017 bei 10,8 Prozent – so niedrig war sie laut der Statistikbehörde seit 2012 nicht mehr. Zwischen 2016 und 2017 ist auch die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen um 6,9 Prozent gesunken, auch wenn sie noch immer zu hoch ist: 32,2 Prozent der unter 25-Jährigen haben in Italien keine Arbeit. Nur in Griechenland (40,8) und Spanien (36,8) liegt diese Zahl im EU-Vergleich höher.

Zwei Drittel der 25- bis 34-Jährigen wissen noch nicht, was sie wählen sollen

Dennoch, Prunella ist realistisch. Denn die Zahl, die meist nicht erwähnt wird, ist die der Arbeitslosen zwischen 25 und 34. Einem Alter, in dem das Studium oder die Ausbildung abgeschlossen ist und viele über eine eigene Familien nachdenken. Oder eben nicht. Rund 18 Prozent dieser Altersklasse sind in Italien arbeitslos. Gesunken ist diese Zahl in den vergangenen drei Jahren nicht. In vielen Teilen des Landes ist sie sogar gestiegen, vor allem im Süden. In Bari zwischen 2013 und 2016 um 5,1 Prozent auf heute 31,3 Prozent.

In der heißen Phase des Wahlkampfes in Italien haben die italienischen Parteien in den Großstädten des Landes zu Demonstrationen aufgerufen. Die größte Kundgebung fand in Rom statt. Hier gingen Zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen Faschismus und Rassismus zu protestieren. In Mailand demonstrierten populistische Rechtsparteien.

Im aktuellen Wahlkampf buhlen die Politiker wieder mit blumigen Versprechen um die Gunst der Wähler. Anders als die meisten seiner Altersgenossen weiß Donatello Prunella schon, wen er bei den Parlamentswahlen am 4. März seine Stimme geben wird: der Fünf-Sterne-Bewegung. In den vergangenen 20 Jahren hätte sich in Italien nichts geändert. „Die Politiker hatten immer nur ihren eigenen Vorteil im Kopf, nicht das Wohl des Landes.“ Der populistischen Bewegung des Ex-Komikers Beppe Grillo, die sich selbst weder rechts noch links verortet, traut er einen Wandel zu. Von den unter 35-Jährigen sind wenige Tage vor der Wahl zwei Drittel ­unentschieden, von den anderen wollen 32,8 Prozent wie Donatello die Fünf-Sterne-Bewegung wählen, fünf Prozent mehr als der nationale Durchschnitt. Die regierende sozialdemokratische Partito Democratico käme in dieser Altersklasse auf 18,9 Prozent (national 23). Die Forza Italia auf 14,9 (16,3) und die Lega auf 14,3 (13,2).

„In Berlin findet man immer Arbeit“

Filippo Boldrini zählt zu den Unentschlossenen. Dabei liegt der Wahlzettel schon auf seinem Tisch. Als Italiener, der im Ausland lebt, wurden ihm die Unterlagen bereits zugeschickt. Der 33-Jährige aus San Miniato bei Florenz lebt seit September 2012 in Deutschland. In Bonn hat er sein deutsch-italienisches Studium abgeschlossen und ist im Januar 2015 nach Berlin gezogen. Arbeit hat er dort sofort gefunden, als Kundenbetreuer in einer Vermittlungsfirma für Grafikdesign. Nach Italien will er so schnell nicht wieder zurück.

115 000 Italiener haben 2016 ihr Land verlassen, so viele wie seit der Auswanderungswelle in den 1960er und 1970er Jahren nicht. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der im Ausland lebenden Italiener von rund drei auf fast fünf Millionen angestiegen. Das sind nur diejenigen, die sich offiziell in Italien abgemeldet haben. Experten gehen davon aus, dass 285 000 Italiener allein im Jahr 2016 ins Ausland gezogen sind. In Europa sind Großbritannien (21,6 Prozent) und Deutschland (16,5) die beliebtesten Ziele. Die Zahlen des Statistischem Bundesamtes bestätigen den Trend: 2016 lebten 611 450 Italiener in Deutschland. Davon waren 107 490 in den vergangenen vier Jahren gekommen, 107 370 im Alter zwischen 25 und 35.

In wenigen Tagen wird Filippo Boldrini im Vertrieb eines Geldinstituts anfangen. „Ich wollte nach drei Jahren etwas mit Italien machen. Italien ist der Kernmarkt des Instituts“, sagt er. Etwas riskant sei es schon gewesen, schließlich habe er den alten Vertrag gekündigt, bevor der neue unterschrieben war. „Aber ich hatte keine Sorge: In Berlin ist es einfach, Arbeit zu finden.“

Von der Linken enttäuscht

Früher habe er immer PD gewählt, die Sozialdemokraten. „Nach 20 Jahren Berlusconismo hatten wir große Hoffnung in Matteo Renzi. Aber er hat sich mit den Leuten von Berlusconi zusammengetan und seine Versprechen nicht gehalten.“ Für Boldrini ist es eine ausgemachte Sache, dass es nach der Wahl eine Koalition zwischen PD und Silvio Berlusconis Forza Italia geben wird, auch wenn das beide Lagern vehement bestreiten. Für die Wirtschaft wäre eine Fortführung der Regierung des aktuellen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni in einem Bündnis mit der Forza Italia nicht das Schlechteste, glaubt Filippo Boldrini. Zurück in seine Heimat will der 33-Jährige nicht. Zumindest jetzt noch nicht. „Ich weiß, dass man in Italien weniger verdient als in Deutschland. Aber wenn mir eine Stelle angeboten wird, die mir gefällt, in einer Stadt, die mir gefällt – warum nicht?“ Boldrini lebt in Berlin mit seiner Freundin zusammen. Sie ist Deutsche. Im Herbst wollen sie heiraten.

Befristete Arbeitsverträge und eine unsichere Zukunft

Maria Teresa Teofilo, eine frühere Kommilitonin Filippo Boldrinis, stammt aus Polignano a Mare bei Bari, heute lebt und arbeitet sie in Massa Marittima, einer Kleinstadt in der Toskana. „Ich habe mich bewusst entschieden, nach dem Studium in Deutschland nach Italien zurückzugehen“, sagt die 29-Jährige. Seit Oktober unterrichtet sie an einer Berufsschule. Dort bringt sie 14- bis 16-jährigen Gastronomie-Auszubildenden Deutsch bei. In die Region kommen viele deutsche Touristen, „da ist es sinnvoll, die Sprache zu lernen. Aber viele meiner Schüler wollen auch später in Deutschland oder in der Schweiz auf Jobsuche gehen“, erzählt die junge Frau.

Den Sommer will sie am Meer verbringen. Unbeschwert dürfte der Urlaub nicht werden. Ihr Vertrag an einer staatlichen Schule ist auf neun Monate befristet. „Am 13. Juni bin ich arbeitslos. Aber ich hoffe, dass ich im September wieder einen Platz in dieser Schule bekomme.“ Eine Familie wünsche sie sich, einen Freund hat sie. „Ich bin fast 30 Jahre alt, natürlich denke ich darüber nach.“ Aber im Moment sei es nicht möglich, ohne einen festen Vertrag, ohne sichere Zukunft. „Das ist ein großes Problem in diesem Land“, sagt sie.

2017 kamen in Italien etwa 464 000 Kinder zur Welt. Zwei Prozent weniger als 2016. Die Geburtenrate liegt derzeit bei 1,39 Kindern pro Frau, Rekordtief. Damit ist der Stiefelstaat Schlusslicht in der EU. Eine Frau in Italien ist bei der ersten Geburt 31 Jahre alt, so alt wie nirgendwo sonst in Europa. Maria Teresa Teofilo erzählt, dass viele ihrer Freunde nach Deutschland oder Frankreich ausgewandert sind. Am 4. März will sie die Fünf-Sterne-Bewegung wählen. Warum? „Das sind junge Leute, mit anderen neuen Ideen.“

Von Kalifornien zurück ins Piemont

Mit neuen Ideen sind auch Chiara Finotti und Pierandrea Palumbo im September nach Italien zurückgekehrt. Eineinhalb Jahre zuvor hatten sich die gelernten Sommeliers aus dem Piemont nach Kalifornien aufgemacht. „Nach Jahren in der italienischen Gastronomie wollten wir etwas Neues erfahren“, sagt der 30-jährige Palumbo. Die Aussicht aus ihrer Küche ist atemberaubend: 1,5 Kilometer von Alba entfernt thront das moderne Domizil der beiden auf den Hügeln des Piemont. Beide kennen die für ihren Wein berühmte Region in- und auswendig. Zwei Zimmer vermieten sie in ihrer Villa Alba, in der sie auch wohnen. „Wir wollten das, was wir in Napa Valley erlebt haben, in unsere Heimat bringen.“ Vor wenigen Wochen kam zu dem Hotelbetrieb ein weiteres Projekt hinzu: ein Weinclub, der erste Italiens, wie die beiden betonen. Die Mitglieder schließen eine Art Abonnement ab und erhalten in regelmäßigen Abständen eine Auswahl an Weinen. Ende des Jahres wollen die beiden außerdem eine Beratungsagentur für Weingüter gründen.

„Unser Einsatz war hoch: Wir haben eine sichere Zukunft in den USA zurückgelassen, um es in Italien zu versuchen“, sagt Palumbo. „Natürlich kann es schiefgehen“, wirft seine Partnerin ein. „Aber man muss es wenigstens versuchen.“ Wem sie am 4. März ihre Stimme geben werden, verraten die beiden nicht. Wählen werden sie auf jeden Fall. „Auch wenn wir beide sehr enttäuscht darüber sind, welche Rolle das alltägliche Leben für die Politiker heute spielt“, sagt Palumbo. „Die haben alle den Kontakt zur Realität verloren.“

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