Warum boomt „Made in Italy“ beim Essen gerade in Pandemiezeiten? Lisa Ferrarini, Chefin des gleichnamigen italienischen Wurst- und Parmesanproduzenten, kennt die Lösung.
Mailand - Das Video-Interview mit Lisa Ferrarini wird mehrmals unterbrochen: Die Internet-Verbindung in die vor den Toren des norditalienischen Reggio-Emilia liegende Firmenzentrale ist einfach zu schlecht. Die Präsidentin des gleichnamigen Herstellers hochwertiger Wurstwaren wie Mortadella, Kochschinken, Parmaschinken, von Parmesan, Balsamico-Essig, Ölen und Weinen hofft auf den neuen italienischen Premierminister Mario Draghi. „Er hat keinen Zauberstab, aber ich habe großes Vertrauen in ihn. Der Wiederaufbau der Autobahnbrücke in Genua hat gezeigt, dass Italien es kann.“
Eine große Chance für das Land, das besonders stark unter der Coronakrise leidet und bereits mehr als 115 000 Todesopfer beklagt, bietet das europäische Wiederaufbauprogramm, in dessen Rahmen dem Land 209 Milliarden Euro zufließen sollen: „Wir warten mit großer Ungeduld auf die Projekte des Plans – von der Energierückgewinnung bis hin zu Infrastrukturmaßnahmen.“ Vorerst wäre Ferrarini schon zufrieden, wenn ihre krebskranke Schwägerin endlich einen Behandlungstermin im örtlichen Krankenhaus bekäme – und das Internet besser funktionierte.
„Das Made in Italy hat eine enorme Kraft“
Ferrarini und die Lebensmittelindustrie Italiens gehören zu den wenigen Nutznießern der Coronapandemie. Der Umsatz der Branche und ihre Ausfuhren sind 2020 teilweise kräftig gewachsen. Auch 2021 hat gut begonnen. Zwar ist der Großteil der Gastronomie seit Monaten geschlossen. Doch gegessen werden muss auch in der Krise. „Mehr als je zuvor kochen die Menschen jetzt selbst und greifen dabei gern auf hochwertige italienische Produkte zurück“, beobachtet die Präsidentin des Familienunternehmens. „Das Made in Italy hat eine enorme Kraft, nicht nur bei Lebensmitteln, auch bei Möbeln oder in der Mode. Hätten wir offene Märkte ohne Zölle, könnten wir doppelt so viele italienische Produkte verkaufen“, glaubt sie.
Exporte in 34 Länder
Aus den USA kamen zuletzt gute Nachrichten für die Branche: Die Zölle für Lebensmitteileinfuhren aus Europa werden zunächst für vier Monate ausgesetzt. „Wir hoffen, dass wir die Marktanteile, die wir durch die Strafzölle der Regierung Trump und die Coronakrise verloren haben, schnell zurückgewinnen“, sagt Ferrarini.
Das von ihrem Großvater 1956 gegründete Familienunternehmen, das mit einem Umsatz von 180 Millionen Euro und einem Betriebsgewinn von 14 Millionen Euro zu den Großen in der kleinteiligen Branche zählt, exportiert seine qualitativ im oberen Preissegment liegenden Produkte in weltweit 34 Länder.
Region mit 2560 Milchherstellern und 335 Käsereien
Reggio-Emilia, wo Ferrarini seinen Firmensitz hat, liegt mitten in einem der Zentren der italienischen Lebensmittelindustrie. Um Reggio-Emilia, Parma, Modena und Bologna sind auch der Pastaproduzent Barilla, der Milch- und Käsekonzern Parmalat und Mutti (Tomatenprodukte) beheimatet. 2560 Milchhersteller und 335 Käsereien produzieren hier Parmesan, Grana Padano und andere Spezialitäten. Auch Mortadella und Parmaschinken kommen von hier. Der französische Käseriese Lactalis hat in den letzten Jahren massiv zugekauft in der Region: Parmalat, Galbani, Vallelata und Nuova Castelli sind jetzt „französisch“.
Deutschland importierte voriges Jahr 15 Prozent mehr Parmesan als 2019
Der Parmesan gilt als König unter den Käsen. Mindestens zwölf Monate muss er reifen, häufig ist es deutlich länger. 2020 war ein Rekordjahr. Gegenüber 2019 ist die Produktion von Parmigiano Reggiano um 4,9 Prozent auf 3,94 Millionen Käselaibe gestiegen. Das sind etwa 160 000 Tonnen. Der Durchschnittspreis stieg von 7,55 Euro pro Kilogramm zum Jahresanfang auf mehr als zehn Euro Ende des Jahres. 2,4 Milliarden Euro wurden mit dem Käse umgesetzt, davon 44 Prozent im Export. Auf Platz eins stehen die USA, gefolgt von Frankreich und Deutschland, das 15 Prozent mehr Parmesan einführte als 2019.
Schwere Zeiten für Ferrarini
Ferrarini hat schwere Zeiten hinter sich und befindet sich wegen des Konkurses zweier venezianischer Volksbanken seit 2019 in einem Vergleichsverfahren. Die Position im Markt konnte gehalten werden, weil die Einnahmen durch gute Verkäufe weiter flossen. Womöglich auch deshalb widersetzen sich die traditionellen Kooperativen der politisch „roten“ Emilia-Romagna zusammen mit den Banken Intesa Sanpaolo und Unicredit einem Vergleich Ferrarinis mit der staatlichen Bad Bank Amco und der Pini Holding. Sie wollen womöglich von der Situation profitieren und die prestigeträchtige Marke selbst übernehmen.
Online-Verkäufe gewachsen
Die Präsidentin strahlt dennoch Zuversicht aus und plant ein neues Werk: „Wir arbeiten an sechs Tagen pro Woche. Die Stärke unserer Produkte und unserer Marke haben uns geholfen, die Krise zu überwinden.“ Ferrarini erzielt 25 Prozent der Einnahmen im Export und schaut „mit großer Aufmerksamkeit auf den deutschen Markt“. In Italien werden die Ferrarini-Produkte über etwa hundert eigene Vertreter vertrieben und zu einem großen Teil in traditionellen Lebensmittelläden verkauft, die auch im sozialen Leben vieler Dörfer und Städte Italiens noch immer eine große Rolle spielen. Mit ihnen arbeitet Ferrarini seit der Gründung eng zusammen, und das solle sich nicht ändern, so Ferrarini. Zwar seien auch die Online-Verkäufe zuletzt stark gewachsen. Doch der Anteil am Gesamtabsatz sei gering. Es sei schwierig, eine durchgehende Kühlkette zu garantieren.
HINTERGRUND
Lebensmittelgroßmacht Italien
Italiens Lebensmittelindustrie boomt auch in der Krise. Sie steht für 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, setzt 145 Milliarden Euro um (2019) und zählt 1,6 Millionen Beschäftigte in 650 000 oft sehr kleinen Betrieben. Die Exporte sind 2020 um 1,4 Prozent auf 46 Milliarden Euro gewachsen. Die Ausfuhren von Pasta, Käse, Reis und Weinen nach Deutschland sind regelrecht explodiert. Zu den bekanntesten Produzenten des Landes gehören Ferrero, Barilla, De Cecco, Galbani, Lavazza, Illy, Campari, Mutti, Zuegg oder Parmalat. Gesetzlich geschützte Produkte wie Parmaschinken, Grana Padano, der San-Daniele-Schinken und Parmesan sind neben den Weinen Aushängeschilder der italienischen Lebensmittelproduktion.