Die Italiener werden hierzulande als chaotisch und desorganisiert wahrgenommen. Dabei sind sie Experten für das Glück des Moments. Wir könnten viel von ihnen lernen.
Si sta bene“, sagt der Italiener, wenn es ihm gerade gut geht, er sich wohl fühlt und nichts weiter begehrt als das, was ihm der Augenblick zu genießen gegeben hat. Das kann Verschiedenes sein: Eine 27-Meter-Segeljacht, die gut im Wind liegt, ein panino mit würziger porchetta, das gut in der Hand liegt, ein Plastikstuhl in der Sonne. Freuden des Augenblicks, nichts für die Ewigkeit, aber etwas, das belohnt, erfreut und tröstet, Reich und Arm gleichermaßen. Denn der Alltag ist auch im Bel Paese oft trüb, ein weites Meer aus Mühsal, aus welchem sich aber zahllose Inselchen des momentanen Glücks erheben. Die Italiener sind eine Seefahrernation und wissen ihr Eiland, wo für ein Stündchen Milch und Honig fließt, zielsicher anzusteuern. Ich nenne diesen inneren Kompass, diesen sechsten Sinn für das momentane Glück Sistabenismo. Unübersetzbar, Sie finden es in keinem Wörterbuch. Die Italiener selbst wissen folglich auch nichts von jener Gabe, die ihnen der liebe Gott mit auf den steinigen Lebensweg gegeben hat. Sie praktizieren ihn einfach, den Sistabenismo, instinktmäßig, jeder für sich, und leben so im Großen und Ganzen recht erträglich.
Besser zumindest als wir Deutschen. Die kollektive Begabung für das Ergreifen der Glücksmomente ist uns irgendwie nicht gegeben. Vielleicht hat Gott uns zu anderen Aufgaben bestimmt, die auch jemand erledigen muss. Jammern zum Beispiel, von Schopenhauer bis zum Wutbürger auf allen Leveln mit großem Ernst praktiziert. Keine Suppe, worin der Deutsche nicht ein Haar finden würde. Eine Suppe ohne Haar – das gibt es nicht, oder wenn, dann nur beim Nachbarn drüben im Sterne-Lokal. Ja der! Aber Unsereins… Und ein Funken Neid blitzt auf wie eine Sternschnuppe. Wer es besser hat in diesem Land, braucht für den Neid nicht zu sorgen.
Nicht dass die Italiener den Neid nicht kennen würden. Aber er frisst nicht so an Leib und Seele. Er ist eher Impuls, es denen nachzutun, die man beneidet, ein Fixstern, der anzeigt, wo man selbst hin will. Reich sein ist in Italien eine weitgehend ungetrübte Freude, ungetrübt vom Finanzamt, das im Erbfall kaum etwas verlangt und auch sonst nicht so genau hinschaut, wo es üppig sprudelt. Ungetrübt aber auch vom Neid der weniger Begüterten, bei denen das Finanzamt zum Ausgleich sehr genau hinschaut. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Doch bevor man sich großartig darüber ärgert, steuert man lieber die nächste Sistabenismo-Insel an.
Dieser Waffenstillstand, den etwa 40 Millionen erwachsene Italiener auf individueller Basis mit dem Leben geschlossen haben, hat natürlich seinen kollektiven Preis: Vor die Wahl gestellt, die Dinge zu ändern oder sich mit ihnen abzufinden, optiert man meist für Letzteres. Die da oben machen, was sie wollen, also mache ich das auch, so gut es eben geht. Man muss das nicht unbedingt Zynismus nennen. Eher qualunquismo (abgeleitet vom „l’Uomo qualunque“, dem „Jedermann“), die fast schon institutionalisierte Indifferenz gegenüber gemeinschaftlichen und institutionellen Werten. Dieses Wort gibt es wirklich, leider.
Anders als die deutschen Miet-Weltmeister kaufen die Italiener so viele Wohnungen und Häuser wie sie nur können. Sie trauen dem System einfach nicht. Werde ich eine Rente haben? Werden meine Kinder einen Job bekommen? Äußerst unsicher. Daher alles Geld in den mattone stecken, in den Ziegel. Mattonismo nenne ich das. Die Kinder, die diese Wohnungen irgendwann erben (weitgehend steuerfrei), freut das natürlich, sofern die Objekte in Rom, Florenz oder Mailand liegen. Die lassen sich dann lukrativ (da fast steuerfrei) an Touristen vermieten, Airbnb hilft gerne. Liegen sie aber (was wahrscheinlicher ist) in Taranto, Bari oder Piancastagnaio, also an strukturschwachen Orten, dann bleiben die Kinder im Zweifelsfall dort, wo sie zwar keine Arbeit, aber zumindest eine Wohnung haben. Gekettet an die ererbte Immobilie, immobilisiert im Wortsinn. Ich nenne das Immobilismo und denke, dass es vielleicht doch gescheiter gewesen wäre, das schöne Geld in eine Ausbildung zu stecken statt in eine Wohnung.
So sorgen die drei „-ismen“ dafür, dass sich tendenziell eher wenig ändert im Land der blühenden Zitronen. Wieso sich als italienischer Don Quichotte in Reformen und Revolutionen aufreiben, wenn es auch so ganz gut geht? So bewegt sich das Land mit viel Lärm ständig seitwärts – mal nach links, öfter nach rechts. Nur voran geht es eher selten. Zumindest seit ich Italien kenne, und das sind mehr als 30 Jahre. Si sta bene?
In Deutschland dagegen ist das momentane Glück am Wegesrand eher sparsam gestreut. Allein das Wetter. Um das auszuhalten, muss man einmal im Jahr nach Mallorca fliegen, mindestens. Dazwischen braucht man Trost: ein schönes Auto, eine Top-Küche und so manches andere. Das kostet. Das System muss also laufen, und zwar reibungslos, damit das Geld irgendwie reinkommt. Bildlich betrachtet sitzt der Deutsche in einem Flieger mit nur einem Motor, an dem sein Leben hängt und auf dessen Geräusche er ängstlich lauscht. Bei kleinsten Schwankungen schießt Absturzangst in die Glieder. Und da man schon ziemlich hoch fliegt, kann es höher kaum gehen, höchstens geradeaus. Eher aber nach unten. So wird stets alles unternommen, um den Motor in Schuss zu halten.
Die deutschen Absturzängste sind den Italienern unverständlich. Deutschland sieht man hier gerne als unverwüstliche Lokomotive – la locomotiva tedesca – von deren brachialer Kraft man sich traditionell hohe Vorstellungen macht. Man spricht mit bewunderndem Schauer von der efficienza tedesca, der disciplina, der affidabilità (Zuverlässigkeit). So befeuert dampft die deutsche Lokomotive durch die Geschichte, den italienischen Speisewagen mitziehend. Das fand man gut, aber auch ein bisschen unheimlich.
Seit etwa zehn Jahren dringen Nachrichten in den Speisewagen, dass es vorne in der Lokomotive Probleme gibt. Da war dieser obskure Flughafen in Berlin, da war die Diesel-Gaunerei bei VW. Die Deutschen tun so was? Auch kamen sie mit der Impfung nicht so recht in die Gänge, da sie noch alles auf dem Papier erledigen. Das digitalisierte Italien dagegen erprobte bereits die virtuelle Spritze. Schließlich stürzte die als vorbildlich gepriesene Ampelregierung und es dauerte ein geschlagenes halbes Jahr, bis eine Neue irgendwie zustande kam.
So etwas macht man in Italien in einer Woche, man hat ja Übung. Oder besser, man hatte sie: Denn nun ist es auf einmal Italien, wo eine Regierung still und leise vor sich hinregiert und keine Anstalten macht, wieder abzutreten. Italiens neue Rechte neigt schon insofern zur Stabilität, als es ihr – anders als der Linken – nie in den Sinn kommen würde, sich über Sachfragen zu zerstreiten. Man einigt sich lieber auf die Verteidigung der Macht. In Deutschland dagegen wackelt die Ach-und-Krach-Koalition fast täglich. Warum nur, fragt ein italienischer Freund. Wegen der Rentenreform, zum Beispiel. Come?
In Italien wäre das der letzte aller Gründe für eine Regierungskrise. Wer selbst in Regierung und Parlament sitzt, dem ist eine üppige Rente sicher, auch der Linken. Alle anderen wissen, dass sie im Alter selbst schauen müssen, wo sie bleiben. Man hat sich darauf längst eingestellt. Es gibt die Familie, die Wohnungen und gefüllte Sparkonten, und so wird es am Ende irgendwie gehen. Man nennt diese Fähigkeit des pragmatischen Vorsorgens, des zähen Dagegenhaltens, des Sich-Durchwurstelns, des Kühlen-Kopf-Bewahrens auch stolz resilienza, Widerstandsfähigkeit in etwa, eine Verwandte des Sistabenismo, gewissermaßen dessen Schwester. So geht es zwar selten nach oben, aber auch nie nach ganz unten – zum Staunen der übrigen Welt, die ständig Letzteres prognostiziert. Italien ist crash proof.
In Deutschland dagegen scheint der große Crash unausweichlich. In Italien verfolgt man das Ganze einigermaßen ungläubig und rätselt, was das für Probleme sein könnten, welche die gewaltige Lokomotive aus dem Gleis zu werfen droht. Bürgerkrieg? Hungersnot? Ist la Germania unbemerkt zum Failed State geworden, mit bayrischen Warlords und mafiosen Oligarchen? Ich versuche dann zu erklären, dass das Problem vor allem darin besteht, dass die Deutschen mit Problemen nicht mehr umgehen, mit Krisen nicht mehr leben können. Man habe das irgendwie verlernt nach 1945. Es fehlt die resilienza, es regiert die Angst.
Bei den Italienern könnten die Deutschen in die Krisen-Reaktions-Schule gehen. Wichtigste Lektion: Das Wörtchen pazienza, wörtlich Geduld. Man kommentiert damit Situationen, die man momentan zwar nicht ändern kann, mit denen man sich aber pragmatisch abfindet. Stichwort Deutsche Bahn: Zug verspätet oder gestrichen? Pazienza, fährt man halt etwas später oder gar nicht. Stuttgart 21? Pazienza, wird halt erst überübernächstes Jahr fertig.
Aber die Deutschen wollen entweder die Besten sein oder untergehen. Der Gedanke, Zweit- oder Drittbester zu sein, erschüttert das Selbstvertrauen und leider auch die Ratio: Früher am Stammtisch, heute auf X. Und natürlich an der Wahlurne. Und zwar solange, bis der herbeigeredete Absturz tatsächlich eintritt. Götterdämmerung, Dritter Aufzug, das Personal dafür steht bereit. Würden die Italiener sich so gehen lassen, dann wäre dort, wo heute Italien ist, ein Loch im Mittelmeer, das langsam mit Wasser vollläuft.
Deutschland ist aus südlicher Perspektive trotz allem noch ziemlich gut. Wir haben nur mehr zu verlieren als andere. Das macht uns nervös und verzagt. Als haushaltsneutrale Sofortmaßnahme empfiehlt sich etwas italienische Resilienz und Gelassenheit. Wundern, nicht ärgern. Wir müssen ja nicht gleich Italiener werden. Bloß nicht! Kein Qualunquismo, kein Immobilismo. Nur ein bisschen Sistabenismo. Ein kleiner Spaziergang, ein Gläschen Wein. Und für die Kinder besser ein Studium als eine Wohnung. Es muss ja nicht Kunstgeschichte sein.