Roms neuer Senatspräsident Ignazio La Russa pflegt einen skurrilen Hang zum Faschismus. Ist das nur eine verstörende Pose?
Es war die denkwürdigste Stabsübergabe, die Italiens kleine Parlamentskammer erlebt hat: Die 92-jährige Auschwitz-Überlebende Liliana Segre leitete als Alterspräsidentin die erste Sitzung des neu gewählten Senats und schilderte mit bewegten Worten, wie sie als siebenjähriges Mädchen 1938 in Mailand von den Faschisten von der Schulbank abgeführt und später nach Deutschland deportiert wurde. Dass sie jetzt, hundert Jahre nach der Machtergreifung von Benito Mussolini für einen Tag den Senat präsidieren dürfe, „lässt mich fast schwindelig werden“, erklärte die betagte Senatorin. Dann verkündete Segre den Namen des neuen Senatspräsidenten: Ignazio La Russa, Mitglied der postfaschistischen Fratelli d’Italia, der Partei von Giorgia Meloni. Als La Russa den Präsidentensessel erklomm, übergab er Segre einen großen Strauß weißer Rosen.
Sammlung mit Mussolini-Büsten
Ignazio La Russa ist ein Urgestein der italienischen Rechten und einer der schrägsten Vögel in dem an skurrilen Figuren nicht armen Römer Politikbetrieb. Der 75-jährige gebürtige Sizilianer und Wahlmailänder ist vor 30 Jahren zum ersten Mal ins Parlament gewählt worden, damals noch als Mitglied des postfaschistischen Movimento Sociale Italiano. Zusammen mit Gianfranco Fini gründete er kurz darauf die Partei Alleanza Nazionale. Unter Silvio Berlusconi war La Russa von 2008 bis 2011 Verteidigungsminister. 2012 gehörte er zusammen mit Giorgia Meloni zu den Gründern der Fratelli d’Italia. Von Beruf ist er Rechtsanwalt.
La Russas Markenzeichen sind seine kratzige Raucherstimme, sein Hang zu derben Scherzen und seine Lust an der Provokation. So hat er während der Coronapandemie vorgeschlagen, dass sich die Menschen, um Körperkontakt zu vermeiden, mit dem faschistischen „saluto romano“ begrüßen sollten, also mit ausgestrecktem rechtem Arm. Wirklich ernst gemeint war das wohl nicht. Seine Sammlung an Mussolini-Büsten in seiner Wohnung zeigt er gelegentlich auch den TV-Teams.
Nur ein Duce-Nostalgiker?
Die Affinität zum Diktator hat La Russa sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen: Sein Vater war in Catania lokaler Sekretär der faschistischen Partei und Kriegsfreiwilliger gewesen. Als zweiten Vornamen hat La Russa von seinem Vater den Namen Benito erhalten. Bei seinen eigenen Söhnen griff der neue Senatspräsident nicht in die faschistische Mottenkiste – vielmehr hat er sich von den nordamerikanischen Indianern inspirieren lassen: Seine Sprösslinge heißen Antonino Geronimo, Lorenzo Cochise und Leonardo Apache. Heute würde man das wohl kulturelle Aneignung nennen. La Russa hat es generell mit ausgefallenen Namen: Einer seiner Schäferhunde hieß Schranz. Vermutlich, weil es so deutsch klingt.
La Russas Gehabe wirkt auf ein nichtitalienisches Publikum hochgradig irritierend. Auch in Rom halten ihn nicht wenige für problematisch und wenig staatstragend – der Senatspräsident ist immerhin die Nummer zwei nach dem Staatspräsidenten. Andererseits gilt La Russa als verlässlicher Demokrat. Dass er nicht als unverbesserlicher Duce-Nostalgiker wahrgenommen wird, belegt auch die Tatsache, dass mindestens 17 Parlamentarier der Opposition für ihn gestimmt haben. In seiner Antrittsrede versicherte er, dass der 25. April, der Tag der Befreiung vom Nazifaschismus, auch unter der neuen Regierung gefeiert wird. Das hatte sich Liliana Segre zuvor ausdrücklich gewünscht.