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Sobald sich über Italien ein Tief zusammenbraut und die Meteorologen heftigen Regen ankündigen, geht die Angst um. Immer häufiger sind Menschenopfer zu beklagen.

Mailand - Sobald sich über Italien ein Tief zusammenbraut und die Meteorologen heftigen Regen ankündigen, geht die Angst um. Immer häufiger sind Menschenopfer zu beklagen. Es scheint, die Natur schlägt zurück - mit Erdrutschen oder Überflutungen.

Erst vor wenigen Tagen begrub eine Schlammlawine auf Ischia eine 15-Jährige unter sich. Guido Bertolaso, seit 2001 Leiter des Technischen Hilfswerks in Italien, machen solche Vorfälle "wütend und traurig", wie er sagt. "Alles, was wir gemacht haben, war und ist ungenügend, wir müssen mehr Prävention betreiben. Seit diesem Frühjahr ist er ununterbrochen im Erdbebengebiet von L' Aquila in den Abruzzen vor Ort. In dem Gebiet waren die wenigsten Häuser statisch für solche Naturgewalten ausgerüstet.

Italien ist geprägt von einer wundervollen Landschaft. Das reizt zu Immobilienspekulationen und waghalsigen Baumaßnahmen. Nährboden für diese Umweltsünden ist ein träger Verwaltungsapparat, der in vielen Fällen korrupt und mafiös ist. "Wir haben hier weltweit das höchste, naturgegebene Risiko", warnt Bertolaso. 60 Prozent der Grundfläche seien erdbebengefährdert, insgesamt neun Vulkane seien aktiv oder könnten jederzeit ausbrechen, große Teile des Landes sind überschwemmungsgefährdet, weil Flussläufe begradigt oder zubetoniert wurden. Die Waldbrände im Sommer gehen oft auf mangelnde Pflege der Landschaft oder aber auf Brandstiftung zurück.

Wird das Schicksal bewusst herausgefordert? In den vergangenen zwölf Monaten sei durch Naturkatastrophen in Italien ein Schaden von fünf Milliarden Euro entstanden, sagt Bertolaso. Für die Prävention habe ihm der Staat nur 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. "Wir haben uns jahrelang über die Gesetze der Natur hinweggesetzt", sagt er. Nahezu keine Region werde mehr verschont. Im Juni haben verheerende Regenfälle in Apulien, Lazio und der Toskana erhebliche Schäden angerichtet, im Juli dasselbe Bild in Venetien und Ligurien. Jedes Mal starben Menschen. Im Oktober setzte ein Unwetter Rom unter Wasser, Bäume wurden entwurzelt, auch hier gab es Tote. Auf Sizilien kamen über 20 Menschen bei einem Erdrutsch ums Leben, ein ganzer Stadtteil von Messina wurde nach tagelangem Regen weggespült.

"Die Natur verzeiht die Bausünden nicht mehr." Das geologische Gleichgewicht sei aus den Fugen geraten. "Zehn Prozent der Fläche unseres Landes sind bei starkem Regen gefährdet", mahnt Roberto Menia, Staatssekretär im italienischen Umweltministerium. Was kann man dagegen tun? Laut Experten würden etwa 44 Milliarden Euro zur Sanierung von versiegelten Flächen im Land benötigt. Doch dafür gibt die Regierung Berlusconi bisher kein Geld.

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