Giovanni Sabatini Foto: EBF

Italiens Geldhäuser kommen nicht raus aus der Krise – Berge von faulen Krediten haben sich aufgehäuft. Verbandschef Giovanni Sabatini erklärt, wie sie es dennoch schaffen können. Ein Auftrag an die Politik.

Rom - Italiens Geldhäuser leiden unter Bergen an faulen Krediten, die sich wegen der Wirtschaftsschwäche des südeuropäischen Landes aufgetürmt haben. Als Generaldirektor des italienischen Bankenverbandes beobachtet Giovanni Sabatini die Entwicklung ­genau. .

Herr Sabatini, der italienische Staat hat den Banken Ende 2016 ein Hilfspaket von 20 Milliarden Euro bereitgestellt. Was läuft schief im italienischen Bankensystem?
Der Ausgangpunkt ist die wirtschaftliche Situation, unter der Italien in den vergangenen acht Jahren gelitten hat. Es ist die schwerste und längste Wirtschaftskrise unseres Landes seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewesen. Wir haben nahezu zehn Prozentpunkte unseres Bruttoinlandproduktes verloren und hatten einen dramatischen Einbruch, was Konsum, Nachfrage und Investitionen angeht. Das muss man berücksichtigen, wenn man über den Gesundheitszustand des italienischen Bankensystems spricht.
Wie haben die italienischen Banken in der Krise reagiert?
Der italienische Bankensektor hat diese Krise im Grunde ohne Staatshilfen ausgehalten, ohne schlimmere Auswirkungen, wie das in anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Irland oder Spanien der Fall war. Kredite für die Wirtschaft und für private Haushalte konnten weiterhin bereitgestellt werden. Und auch die die Kapitalbasis konnte erhöht werden. Aber das schlimme wirtschaftliche Unwetter hatte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Firmen und dadurch übertragen eben auch auf die italienischen Banken. Und manche Banken haben unter den Auswirkungen der Krise mehr gelitten als andere.
Das Hauptproblem der italienischen Banken ist das Volumen notleidender Kredite – Ende 2016 war von insgesamt 270 Milliarden Euro die Rede. Wie wird man so einen Berg wieder los?
Das geht nicht von heute auf morgen. Ich glaube, eines der Probleme der notleidenden Kredite ist der externe Zeitdruck, der insbesondere von der europäischen Bankenaufsicht auf die Banken ausgeübt wird. Es ist doch ein klarer Fakt, dass der Marktvorteil beim Verkauf eines Vermögenswerts unter enormem Zeitdruck auf der Seite des Käufers liegt. Der Preis, den die Banken erhalten, ist viel niedriger als er es wäre, wenn man ihnen einfach mehr Zeit für den Verkauf geben würde.
Die Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena hat am meisten mit den faulen Krediten zu kämpfen.
Die Bank Monte dei Paschi ist ein bekanntes Beispiel, wo sich die Auswirkungen der Krise mit von der Bankführung verursachten Problemen aufsummiert haben. Diese Probleme wurden jetzt aber erkannt und werden nun angegangen. Was die geforderte Rekapitalisierung im Zuge der extremen Voraussetzungen des letzten Stresstests angeht: Weil andere Marktlösungen nicht umzusetzen waren, hat die italienische Regierung im Dezember entschieden, die von Ihnen angesprochenen 20 Milliarden Euro bereitzustellen. Damit will sie eine vorsorgliche Rekapitalisierung entsprechend der durch die BRRD (die EU-Richtlinie zur Sanierung und Abwicklung von Finanzinstituten, die Redaktion) festgelegten Normen unterstützen.
Wie viele Banken werden das in Anspruch nehmen?
Monte dei Paschi ist die einzige Bank, die von dieser Hilfe für die vorsorgliche Rekapitalisierung Gebrauch machen wird. So könnte man sagen, im Durchschnitt bestätigt sich unser Bankensektor trotz der Wirtschaftskrise als ziemlich stabil.
Wird diese Hilfe vom Staat das Problem lösen oder wird es dadurch nur aufgeschoben?
Das Problem wird dadurch gelöst. Und zwar aus einem einfachen Grund: Monte dei Paschi war bereits wieder auf einem guten Weg – dank der harten Arbeit des Managements, das zum Beispiel Personal abgebaut und die Filialen reduziert hat. Der aktuelle Bedarf an vorsorglicher Rekapitalisierung ist das Resultat des Stresstests vom vergangenen Sommer. Ein Kapitaldefizit existiert nur im Worst-Case-Szenario dieses Tests, der nach den Anforderungen der europäischen Bankenaufsicht durchgeführt wurde.
Mal abgesehen von der finanziellen Hilfe durch den Staat, sollte diese denn von der Europäischen Kommission genehmigt werden: Welche politischen Reformen müssten angegangen werden, um die Probleme des Bankensektors in Italien zu minimieren?
Wie Sie wissen ist das Hauptproblem das große Volumen an notleidenden Krediten in der Bilanz italienischer Banken. Ich glaube, einer der Gründe dafür ist die Ineffizienz der Ziviljustiz. In Italien liegt die Durchschnittsdauer eines Prozesses um die Herausgabe der Garantien bei 1200 Tagen. Das ist mehr als doppelt so lange wie der Durchschnitt in Europa, der bei etwa 500 Tagen liegt. Das reduziert natürlich auch den Marktwert dieser notleidenden Kredite weiter. Man könnte die Prozedur der Zivilprozesse vereinfachen, aber auch über alternative Maßnahmen außerhalb des Justizsystems nachdenken, diese Rechtsstreitigkeiten zu klären.
Die vorherige Regierung unter Ministerpräsident Matteo Renzi hatte ja bereits einige Reformen angestoßen. Warum greifen diese nicht?
Es wurden bereits Maßnahmen ergriffen, diese Prozesse zu beschleunigen. Aber diese Maßnahmen werden erst in der Zukunft zu Resultaten führen. Sie werden nicht das Problem mit den Beständen an notleidenden Krediten lösen können. Wir brauchen weitere Anstrengungen, die die Prozeduren der Zivilgerichte vereinfachen. Unser Verbandspräsident Antonio Patuelli hat vorgeschlagen, eine spezielle Abteilung des Zivilgerichtes für solche Fälle einzurichten. Ich glaube, eine Reform dieses Rechtsweges wäre auch wichtig, um die Rechtssicherheit in Italien zu bekräftigen. Das macht das Land auch attraktiver für Investoren. Eine Reform der Justiz würde also nicht nur den Banken, sondern der gesamten italienischen Wirtschaft zu Gute kommen. Das sind Maßnahmen die in kurzer Zeit vorgenommen werden könnten.
Italien steckt aber nicht nur in einer wirtschaftlichen, sondern nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum und dem darauf erfolgten Rücktritt Matteo Renzis auch in einer politischen Krise. Dauerthema sind mögliche Neuwahlen. Wären diese gut für den Bankensektor oder schlecht?
Unser Verband befasst sich gemäß Satzung nicht mit Politik. Wichtig ist die Fortführung des Reformprozesses. Das ist nicht nur für den Bankensektor enorm wichtig. Italien kommt gerade langsam heraus aus der Krise, wir haben nun ein Wachstum des Bruttoinlandproduktes um etwa ein Prozent. Der Reformprozess muss weitergehen, um die Gesundung unserer Wirtschaft weiter voranzutreiben.
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