Luftbild vom Calcione-Gebiet im Südosten der Toskana: In der Mitte das Schloss und der Lago di Calcione, dem Wasserspeicher für die Landwirtschaft. Foto: Olivella Pianetti

In der südlichen Toskana können sich Reisende auf dem Landgut einer Adelsfamilie erholen.

Calcione - Il Calcione ist ein Schloss. Es steht auf einer Kuppe in der toskanischen Hügellandschaft und hat zwei muskulöse Türme mit Zinnen. Der östliche Turm wacht über das ehemals sumpfige Chiana-Tal (Val di Chiana), der westliche Turm schaut bis auf den Monte Amiata, eine mehr als 1700 Meter hohe Erhebung vulkanischen Ursprungs südöstlich von Grosseto und von Siena, auf halber Strecke zwischen Florenz und Rom. Das Schloss, seit 1483 in Besitz der Familie della ­Stufa, bewacht von Pinien und Zypressen, ist von weit her sichtbar.

Nähert man sich dem stolzen Bau zu Fuß, verschwindet er zusehends hinter Hügeln und einem wilden Wald aus Steineichen, ­besenartigen Ginsterbüschen, Lorbeerbäumen und anderen, dem deutschen Landschaftsstreuner unbekannten Gewächsen mit ledrigen, oft stach­ligen Blättern. Die meisten toskanischen ­Wege, auf denen sich ein strenger Geher bewegen kann, enden auf privatem Grund. So kam es, dass er eines Juni-Nachmittags unversehens im 900 Hektar großen­­ Calcione-Gebiet­ Richtung Schloss marschierte, als ihm ein unscheinbares Auto mit länd­­licher Dame am Steuer nebst Hund entgegenkam. So gut es auf Italienisch ging, erkundigte er sich nach der Straße.

Dem italienischen Marchese entspricht im Deutschen der Markgraf

Die Frau wies ihm ruhig und freundlich den Weg. Gott sei Dank, sie sprach Deutsch. Eine knappe Stunde später, auf der Landstraße, kam sie mit dem staubigen Auto vorbei, neben ihr ein alter Herr mit einem ­unbestimmbaren Lächeln im Gesicht. Sie nötigte ihn sanft auf den Rücksitz und kutschierte ihn, der sich als „Mann aus Stuttgart“ vor­gestellt hatte, in das angepeilte Dorf. ­Monate später stellte er fest, dass ihm der Marchese und die Marchesa (im Italienischen ­kommen die Männer immer noch vor den Frauen) Bernardo und Nicoletta Pianetti ­Lotteringhi della Stufa behilflich waren. Dem italienischen Marchese entspricht im Deutschen der Markgraf.

Zwei Jahre später sitzt „der Mann aus Stuttgart“ am frühen Abend in einem Salon im Schloss Il Calcione auf einem ­Sofa, trinkt Weißwein und - kein Drink ohne Snack in Italien - knabbert Käsestangen. Olivella Pianetti, die Tochter, ist in ihrem Notebook unterwegs. Sie kümmert sich um die Gäste. Sie spricht außer Italienisch Französisch, Englisch und mehr als leidlich Deutsch. Olivella (in Italien ist es üblich, nicht völlig fremde erwachsene Menschen mit ihrem Vornamen anzusprechen und sie gleichzeitig zu siezen) wohnt in ­Florenz in einem historischen Palazzo der ­Familie.

Noch in den fünfziger Jahren wohnten dort die Bauern

Von März bis November stehen Gästen im Calcione-Gebiet vier Ferienhäuser, fast jedes im 18. Jahrhundert gebaut, mit je eigenem Charakter zu Verfügung. Die Namen gaben ihnen die Bäume ihrer Umgebung: Rosskastanie, ­Wal­nuss, Steineiche, Lorbeer und Maulbeere. Noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wohnten dort die Bauern, die das Land des Grundbesitzers bewirtschafteten.

Mezzadria heißt dieses System, in Deutschland ist es unter dem Begriff Halbpacht bekannt. Der Bauer bearbeitete das vom Landeigentümer, einem Großgrund­besitzer, zur Verfügung gestellte Land und musste dafür die Hälfte des Ertrags an den Landbesitzer abgeben. Der bot Haus, Hof, Arbeitsgeräte und Saatgut, der Pächter brachte seine Arbeitskraft ein und als Pachtzins die Hälfte dessen, was er erwirtschaftet hatte. Die Mezzadria hat die Landwirtschaft und die toskanische Landschaft geprägt. Vielleicht sieht sie deshalb, hier im Chiana-Tal, wenn man von oben auf sie schaut, wie ein großer Garten aus. Es wäre ein Garten Eden, wenn nicht auch hier von Jahr zur Jahr mehr Häuser hineingepflanzt würden.

Im Calcione leben heute noch vier Personen

Im Calcione lebten um 1956/57, erzählt der Marchese, noch 340 Einwohner, heute sind es vier. Das Ende dieses Systems führte zur Landflucht. Die Bauernhäuser verfielen. Noch in den achtziger Jahren sahen entzückte Touristen die Ruinen dieser Landhäuser auf den Hügeln verstreut und hielten es für typisch italienische Romantik. Die meisten dieser aus Natursteinen und Tonziegeln erbauten, grundsoliden und zweckdienlichen Häuser mit Stallungen und Taubenschlag auf dem Dach sind inzwischen sorgfältig renoviert und modernisiert worden. Agriturismo ist das werbewirksame Wort - Ferien auf dem Bauernhof, einschließlich Frühstück oder Mittagessen.

Die Calcione-Häuser sind mit Möbeln aus dem Schloss bestückt. Das Essen bereitet man selbst zu oder bestellt bei Olivella eine Köchin. Auf dem Höhenweg könnte man die knapp sieben Kilometer nach Lucignano erwandern und in einem von acht, inzwischen vielleicht auch neun Lokalen je nach Gusto ­es­sen. Im Umkreis von etwa sieben bis maximal 40 Kilometern erreicht man Städte wie Arezzo, Siena, Perugia, Cortona, Montepulciano, Montalcino oder Castelnuovo Berardenga im wirklich nahe gelegenen Chianti-Gebiet.

Auch Stachelschweine leben in den Wäldern

Kanadier, Amerikaner, Südafrikaner, Holländer haben Calcione für sich entdeckt. Nicht die eiligen, flüchtigen Touristen - Gäste mit Ruhebedürfnis. Doch Stille ist anders. An glühenden Nachmittagen sägt das Zikaden-­Orchester sein metallisches Konzert. Irgendein Tier macht immer Lärm - Hunde, Vögel, Frösche, Pfauen, Gänse, Esel. Gehölze wie Pinien, Wacholder, Ginster atmen in der Nachmittagshitze balsamische, herbe, honigsüße Düfte aus. Die Luft riecht anders hier.

Il Calcione ist eine Azienda faunistica. Der Besitzer verfügt über die Jagderlaubnis, Fasane, Hasen, Wildschweine, Rehe zu schießen. Auch das Stachelschwein lebt im Dickicht der Wälder, sein Fleisch ­werde von Kennern geschätzt, sagt die Marchesa. Im Winter hinterließ erstmals ein Wolf seine Spuren im Schnee. Sie sind in den Bergen des Casentino, einem der größten Wälder Italiens, dem ­Nationalpark Foreste Casentinesi nördlich von Arezzo, zu Hause.

Eine Landschaft wie man sie sonst nur aus Märchenfilmen kennt

Olivella hat inzwischen die erste Land­karte der südlichen Toskana aus der Vogelperspektive im Notebook gefunden. Leo­nardo da Vinci hat sie um 1502 für den Renaissancefürsten Cesare Borgia ­gezeichnet, der den Bau eines Schiffskanals vom Arno nach Pisa plante. Mit der Lupe ­finden wir Il Calcione. Das Original ist in der Sammlung von Windsor Castle vorhanden, die Royal Library verzeichnet das Dokument unter der Nr. 12278.

Der Marchese überreichte dem Besucher ein Geschenk. Es war der Sonderdruck eines Vortrags - Bernardo Pianetti Lotteringhi della Stufa nennt es eine Plauderei -, den er in der Florentinischen Akademie für Ackerbau, der Accademia dei Gorgofili, gehalten hat. Er ist 1931 in Florenz geboren, studierte, ging nach Afrika, arbeitete in Rom als Journalist, bei der Europäischen Kommission in Brüssel; er veröffentlichte Bücher über das europä­ische Bürgertum, über die italienische Kultur, schrieb Gedichte. Im eleganten, wasserklaren Italienisch eines gebildeten und geistvollen Mannes schaut er, wehmütig und schmunzelnd, auf die Epoche der Mezzadria zurück. Das Italienische hat einen schönen Fluss, wenn es heißt: „Le ­fasi della luna e loro influenza nei lavori di campi“ - die Mondphasen und ihr Einfluss auf die Feldarbeit.

Ein Blick in die Schlosskapelle zum ­Abschied, vorbei an Regalen mit Büchern, durch eine Küche, wie man sie sonst nur in Märchenfilmen sieht. Olivella öffnet dem Mann aus Stuttgart die Tür in den Sonnenuntergang. Der Himmel ist klar. Wie in einem Relief treten die Sterne hervor. Echt wahr.

Infos zu Calcione

Anreise
Die nächstgelegenen Flughäfen sind Perugia (45 Minuten), Florenz (1 Stunde), Pisa (1,45 Stunden), Rom (2 Stunden). Die nächstgelegenen Bahnhöfe sind Arezzo (30 km), Siena (35 km) und Chiusi (50 km).

Häuser
Vier Häuser stehen den Feriengästen im Calcione-Gebiet zwischen März und November zur Verfügung. San Pietro teilt sich in die Casa del Castagno (10 Personen), die Casa del Noce (4 Personen, die Casa dei Lecci (2 Personen) und La Casetta (2 Personen). Zum Anwesen Fontegiannelli gehören die Casa della Pergola (6 bis 8 Personen), die Casa dell’Alloro (4 bis 6 Personen) und die Casa dei Gelsi (2 Personen). La Fornace bietet 8 Personen, San Giuseppe insgesamt 17 Personen Platz. Kontakt: Tel, 00 39 05 75 / 83 71 53. www.calcione.com

Umgebung
Im Umkreis zwischen 7 und maximal 40 km finden sich die Städte Arezzo, Siena, Perugia, Cortona, Lucignano, Montepulciano, Montalcino und Castelnuovo Berardenga im nahen Chianti-Gebiet.

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