Sonne, Strand und ­Schirme – so weit das ­Auge reicht.F Foto: imago/PantherMedia/Peter Ecker

Vom Ringel-T-Shirt damals zum Tattoo heute: Das italienische Küstenstädtchen Jesolo verbindet den Charme der 1960er mit der Coolness der 2020er Jahre.

Jesolo - „Wenn wir erst mal überm Brenner sind . . .!“, sagte Papa staatstragend. Aus dem Autoradio schepperte „Azzurro“ von Adriano Celentano. Die Hymne an Sommer, Sonne, Strand und den Lido di Jesolo. Jesolo war damals für die Deutschen noch ein Traum und nicht ein Reiseziel wie viele andere. Es herrschte eine fast abgöttische Italien-Sehnsucht! Roter Wein, rote Autos, rote Lippen – ein mondäner Lebensgenuss, üppig wie Zuckerguss und Schlagsahne, abgehoben wie „La Dolce Vita“, Fellinis zeitloses cineastisches Meisterwerk. Das Leben war heiter, kein Wölkchen trübte den Himmel.

 

Am Spiaggia d’Oro von Jesolo erzählt Bagnino Mauro Finotto vom Ringel-T-Shirt damals. „Alle Bagnini von Jesolo haben ihr Deutsch am Strand gelernt“, sagt Mauro, der die Hälfte seines Lebens Bagnino war und ist, inzwischen sogar als Chef aller 400 Bagnini von Jesolo.

„Bagnino sein ist viel besser als Skilehrer. Weil ein Bikini besser ist als ein Skianzug“, sagt der 62-Jährige. „Für italienische Verhältnisse waren die deutschen Mädchen sehr frei, für uns geradezu ungehemmt. Und unsere Jungs umschwärmten sie mit Vespa oder Alfa, mit allem, was sie hatten“, sagt Giuseppe Artesi, der die Chronik „Jesolo“ geschrieben hat.

Früher Fischerdorf, heute Touristen-Hochburg

Damals war Jesolo noch ein armes Gebiet, bewohnt von Fischern und Bauern. In den 1950er Jahren wurde die eigene Wohnung oder zumindest das Kinderzimmer im Sommer vermietet, um den Besuchern ein Bett anbieten zu können, während die Hausherren zeitweilig in die notdürftig möblierte Garage zogen.

In den 60er Jahren kam der erste Boom mit 800 000 Urlaubern pro Jahr. Die wohnten schon in Albergi. „Das Konzept von Jesolo war schon seit jeher, Hotelzimmer, Schirm und Liegestuhl zusammen anzubieten an unserem 15 Kilometer langen Strand“, erklärt Antonio Vigolo, der Chef aller Balnearios, der Badeanstalten, in Jesolo.

In den 90ern kamen das erste Mal mehr deutsche als italienische Gäste nach Jesolo. Luca Carboni sang „Mare Mare“: „Meer. Meer. Meer, was für eine Sehnsucht, bei dir zu sein . . .“. Doch dann hatte Jesolo auf einmal nicht mehr nur Rimini und Riccione als Konkurrenten, sondern die ganze Welt: Kroatien, Griechenland, die Dominikanische Republik und Thailand. Billigflieger machten auch ein anderes als das italienische „Mare Mare“ möglich.

Bella Italia

„Che bella!“ Zwei Bauarbeiter stützen sich an der Promenade am Spiagga d’Oro auf ihre Schaufeln, machen ein Päuschen und spendieren bewundernde Blicke. Die vorbeischlendernde Hübsche schaut verwirrt. Die Jungs glotzen doch tatsächlich nicht ihr nach, sondern hinaus aufs weite Meer.

Die Adria und die 15 Kilometer Strand sind natürlich bis heute der wichtigste Grund, in Jesolo seine Ferien zu verbringen. Doch Jesolo zeigt zum Ringel-T-Shirt-Charme heutzutage auch modische Tattoos und Piercings. Solarenergie lässt in so manchem Balneario die Sonnenschirme gleichzeitig öffnen und schließen.

Im Schirmständer ist ein kleines Schließfach untergebracht, es gibt Kindergärten und Spielplätze am Strand und im Jesolo Design District lockt ein Hotel wie das Falkensteiner mit stilsicherem Purismus unter Verwendung von viel Glas und Weiß: Das war den federführenden Architekten Richard Mair und Matteo Thun wichtig. Ein Fünf-Sterne-Hotel für Ästheten, in dem sich auch Familien wohlfühlen. „Einfach etwas komplett anderes“, wie Alessandro Fichera, der Hoteldirektor, sagt.

Coole Häuser im Design District

Gerade zu einigen der 1970er-Jahre-Gebäude sind die so coolen und weißen, mit viel Glas gebauten Häuser im Design District sowohl Kontrast als auch Brücke zur Anfangszeit des Tourismus. 2021 verteilen sich 372 Hotels und ein paar Tausend Apartments auf die 15 Kilometer Strand und bieten den mittlerweile 5,5 Millionen Touristen pro Jahr reichlich Auswahl.

„Mehr als zehn Prozent der Strandfläche sind frei begehbar, die ersten fünf Meter vom Meeressaum sowieso und überall“, sagt Bürgermeister Renato Martin. Die Holzhäuschen als Umkleidekabinen gibt es immer noch, dazu auch ein paar ansprechende Wolkenkratzer wie den 73 Meter hohen Torre Aquileia oder das etwas kleinere G-House.

Walk of Fame von Jesolo

Der Abschnitt Lungomare de Stelle, der Walk of Fame von Jesolo, beweist, dass sich auch die italienische Prominenz die Ehre gibt: Gina Lollobrigida, Sophia Loren, Andrea Bocelli oder Ex-Fußballstar Alessandro Del Piero haben in Jesolo ihren Stern bekommen. Es gibt nicht mehr Hotels als früher, aber Service und Komfort sind auf internationales Niveau gestiegen, ohne dass das Freundschaftliche darunter gelitten hätte.

Sechs Stadtparks mit Pinien sind entstanden und 500 Kilometer Radwege, fünf Golfplätze sind in der Nähe. „Wir sind eine Stadt, die die Zeit herausfordert, indem sie versucht, ihr mit ihren Ideen und Innovationen zuvorzukommen“, meint Chronist Artesi. Bürgermeister Renato Martin gibt zu: „Wir sind alle ein wenig stolz auf unser modernes Jesolo.“ Und die Italian Allstars 4 Life bringen es auch in Coronazeiten auf den Punkt: „Ma il Cielo è sempre blu“ – „Aber der Himmel ist immer blau“ – „Azzurro“-blau wie damals, als es über den Brenner ging . . .

Info: Anreise

Mit dem ÖBB Nightjet über Nacht ab München, www.nightjet.com.

Unterkunft

Das Hotel Falkensteiner ist das beste Haus am Platz – neu, modern, puristisch weiß, direkt am Strand, eigenes Balneario, Pools, DZ/F ab 225 Euro, www.falkensteiner.com/hotel-spa-jesolo. Im Hotel Ute wohnt man einfach, aber sauber. Es gibt einen Pool, 200 Meter zum Strand, DZ ab 60 Euro; www.hotelute.com.

Essen und Trinken

Im Hoku trifft italienische Cucina auf japanische Aromen, direkt am Lido, https://hokurestaurant.com. Gelateria Lovat ist die erste und beste Eisdiele seit 1951, www.gelaterialovat.it.

Aktivitäten

Kostenfreie Fahrräder; www.visitjesolo.it/de/jesolo-bike-sharing.html.Ausflug nach Venedig: Ab Punta Sabbioni per Fähre für 10 Euro hin und zurück; www.vivovenetia.de/punta-sabbioni-nach-venedig.

Allgemeine Informationen

www.visitjesolo.it

Reise