Kalabrien ist ein perfektes Urlaubsziel: Viele Buchten mit tollen Stränden, hübsche Städtchen und jede Menge kulinarischer Versuchungen. Foto: Schmidt

Auf einer Entdeckungsreise am Capo Vaticano erlebt man ein Stück Italien, wie es früher einmal war.

Pizzo - Tartufo ist die schiere Sünde. Zartschmelzend wie ein süßer Kuss. Aus einer großen Kugel Nusseis, gefüllt mit flüssiger Schokolade, auf den Punkt weich gefroren, bepudert mit Kakao. Und nirgendwo so köstlich wie in den zwölf Gelaterias von Pizzo. Ein kleines Städtchen am Capo Vaticano, an der Stiefelspitze Italiens. „Wir haben Tartufo in den 40er Jahren kreiert zu Ehren des Prinzen von Savoyen aus Piemont. Es sollte ihn an die Trüffel, Haselnüsse und Schokolade in seiner Heimat erinnern“, doziert stolz Franco di Irogi, Besitzer der Gelateria Ercole und Kalabrese reinsten Blutes. Sein Vater sei bei dieser Erfindung mit dabei gewesen, sagt er und legt dramatisch seine Hände auf die Brust.

Oh ja, er habe schon viele Angebote bekommen, aus Barcelona, Miami, Rom. Alle habe er abgelehnt. Es bleibe dabei: Das Original-Tartufo, handgemacht, gibt es nur in Pizzo. Wegen eines Riesen-Eistrüffels fährt doch kein Mensch bis nach Kalabrien, dem südlichsten Zipfel Italiens vor Sizilien. Schade. Wer die kulinarische Versuchung gekostet hat, wird garantiert auf den Geschmack der Gegend kommen. Keine zwei Stunden braucht der Flieger von Frankfurt bis zum Flughafen Lamezia Terme. Und von dort sind es noch 50 Kilometer bis zum Capo Vaticano, Kalabriens kleinster Provinz an der schmalsten Stelle des Stiefels. Ein perfektes Urlaubsziel - auch nur für ein paar Tage.

Pizzo erfüllt sämtliche süditalienischen Klischees

Pizzo zum Beispiel hat nicht nur das Tartufo-Eis. Es erfüllt auch sämtliche süditalienischen Klischees. Allein schon, wie das Örtchen theatralisch auf einem Tuffsteinfelsen thront und hinabblickt aufs tiefe Blau des Tyrrhenischen Meers. Dazu die mittelalterliche Piazza in Form eines Medaillons: eine perfekte Bühne. Alte Palazzi gruppieren sich darum, protzen mit Stuck, rosa und vanillefarbenen Fassaden. Schadhafte Stellen verstecken geschickt Glyzinien und Geranien. Hemden und Unterwäsche flattern auf Wäscheleinen. Und da tritt ja auch der Monsignore auf, schnurstracks stolziert er aus der Kirche in eines der Eiscafés, gefolgt von Carabinieri mit gewienerten Stiefeln, geschwellter Brust und verspiegelter Pilotenbrille. Sie setzen sich hin, schlagen die Beine übereinander, machen den fremden Signoras schöne Augen und rufen „Bella Bionda“.

Darauf einen Limoncello am Capo Vaticano. Nein, mit dem Vatikan hat das Kap am Stiefelrist rein gar nichts zu tun. Zu Zeiten, als die Griechen noch in Süditalien weilten, lebte in einer Grotte dieser steil ins Meer stürzenden Felsen ein weissagendes Orakel, genannt Vaticano. Heute kommen Urlauber wegen der tollen weißen Strände und des kristallklaren Wassers zu seinen Füßen. Und alle strömen zum Sonnenuntergang hinauf auf das Plateau mit Restaurant und Aussichtsterrasse. Der Blick ist umwerfend. So viele Inseln erheben sich da aus dem Meer! Schmaucht da rechts nicht der Stromboli vor sich hin, und ist dieser rauchende Berg ganz im Hintergrund etwa der Ätna? Oh ja, heute sei eine prima Sicht, erklärt eine Italienerin fröhlich. Sie komme gerne hierher mit ihrer Vespa von Tropea aus, Pizzos nicht minder attraktiven Schwesterstadt.

„Hier beginnt die Küste der Götter. Und hier warf der einarmige Riese aus Wut Felsen herum. Sehen Sie nur, die Meerenge von Messina und daneben die Äolischen Inseln.“ Die Besucher knipsen ein Bild nach dem anderen und sind völlig aus dem Häuschen. Ob sie nicht eine „antipasti“, einen Vorspeisenteller wollten, fragt fürsorglich die Bedienung. Vielleicht eine Portion Nduja, eine Art scharfe Salamistreichwurst, oder Ricotta mit Zwiebelmarmelade? Den Käse testet man beim Bauern Carmelo Arena. Er wohnt in einem Weiler am Fuße des Monte Poro im hügeligen Hinterland, wo Bergamotte, Olivenbäume, Esskastanien und rote Zwiebeln gedeihen. Schnell gelangt man vom Meer auf serpentinenreichen Sträßchen dorthin. Mit jedem Kilometer ins Landes­innere zeigt sich die Stiefelspitze rauer, einsamer und spröder. Noch heute sieht es auf dem Hof der Familie Arena aus, als sei die Moderne daran vorbeigezogen. Seit 40 Jahren sitzt Bauer Carmelo am frühen Morgen in einem schmucklosen, weiß gekachelten Raum und rührt mit einem langen Schilfrohr eine Dreiviertelstunde lang Schafsmilch mit Lab, bis sie gerinnt und zu Ricotta wird. „Ist doch viel besser als der industriell hergestellte. Wir Kalabresen legen eben Wert auf Tradition“, sagt der Bauer stolz. Die Besucher nicken mit vollem Mund. Eine schiere Köstlichkeit.

Infos zu Kalabrien

Anreise
Air Berlin ( www.airberlin.de ) fliegt nach Lamezia Terme. Von dort etwa 70 km zum Capo Vaticano.

Unterkunft
Eine gute Ausgangsbasis ist das Hotel Rocca Netuno Tropea am Meer, Ü/all-incl. ab 48 Euro p. P.www.roccanettuno.com ; etliche neue Boutiquehotels in Tropea, z. B. Donnaciccina, DZ ab 70 Euro, www. donnaciccina.com , auch ländliche Unterkünfte mit guter Küche, z. B. Agriturismo Tenuta Ruralia in S. Domenica di Ricadi, Ü/F ab 26 Euro p. P. www.agriturismoruralia.com

Eine Woche kulinarische Rundreise durch Kalabrien hat neu im Programm der Reiseveranstalter FTI, Tel. 089 / 25 25 10 14, www.fti.de , ab 1099 Euro p. P.; die Sprachschule Piccola Universitá Italiana in Tropea organisiert auch Ausflüge, 1 Woche mit Unterkunft ab 393 Euro p. P., buchbar über LAL Sprachreisen, www.lal.de

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall , bevor es dunkel wird, auf dem Corso des Städtchens Tropea flanieren. Das ist süditalienisches Flair wie im Bilderbuch.

Auf keinen Fall in der Zeit von Mitte Juli bis Ende August kommen. Es sei denn, Sie haben nichts gegen von Italienern überflutete Sandstrände.

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