Nationaltrainer Luis Enrique und die Spanier haben bei der EM bislang viel Grund zur Freude. Foto: dpa/Wolfgang Rattay

Roberto Mancini lässt Italien stürmen, Luis Enrique nominiert keinen Spieler von Real Madrid: Das EM-Halbfinale ist auch ein Duell der Trainer, die neue Wege gegangen sind.

London - An mangelndem Selbstbewusstsein leidet ganz offenkundig keiner der beiden Trainer, die im ersten Halbfinale der Europameisterschaft an diesem Dienstag in London aufeinandertreffen. Er habe sein Team schon immer als einen Mitfavoriten auf den Turniersieg gesehen, betonte Spaniens Coach Luis Enrique im Vorfeld des Spiels im Wembley-Stadion. Das Ziel sei das Endspiel, hatte Italiens Roberto Mancini sogar schon vor dem ersten Gruppenspiel in beharrlicher Regelmäßigkeit wiederholt. Man darf annehmen, dass es sich dabei nicht nur um bloße Worthülsen handelte – sondern um die überzeugten Feststellungen zweier Trainer, die in den vergangenen drei Jahren ihre Mannschaften ganz nach ihren Vorstellungen von Grund auf umgekrempelt und entwickelt haben.

 

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Sowohl Enrique als auch Mancini übernahmen das Nationalteam ihres Landes im Sommer 2018 und das in einem ziemlich dürftigen Zustand: Die einstige Fußballmacht Spanien war bei den vergangenen drei großen Turnieren nie über das Achtelfinale hinausgekommen. Italien hatte sogar mit der schmachvollen Peinlichkeit klarkommen müssen, sich gar nicht erst für die WM 2018 zu qualifizieren. Was folgte, war in beiden Fällen ein Neustart, ohne Rücksicht auf Namen und Befindlichkeiten. Und mit einem roten Faden: Am Anfang stand die Spielidee, nicht der Kader.

Mancini veranstaltete dafür ein in Italien nie dagewesenes Casting. Seit seinem Amtsantritt berief er 76 Spieler, von denen 65 zum Einsatz kamen. Irgendwann hatte der einst selbst versierte Offensivakteur jene Spieler gefunden, mit denen er sein favorisiertes 4-3-3-System umsetzen konnte. Hohes Verteidigen, schnelles Vertikalspiel, sofortiges Nachsetzen nach Ballverlust – Mancinis Fußball kam im Land des Catenaccio einer Kulturrevolution gleich, die von den Fans erst erstaunt und dann begeistert aufgenommen wurde.

Die Kritik an Luis Enrique war anfangs groß

Vielleicht ist der Enthusiasmus auch deshalb so groß, weil das Offensivfeuerwerk von zuvor unbekannten Profis aus der heimischen Liga praktiziert wird. Da die Spitzenteams der Serie A gewöhnlich eher ungeduldig im Umgang mit Talenten aus dem eigenen Land sind, suchte und fand Mancini wesentliche Teile seines Ensembles in der Provinz: In der Gruppenphase gegen die Schweiz wirbelten zum Beispiel mit dem Doppeltorschützen Manuel Locatelli und Flügelstürmer Domenico Berardi gleich zwei Spieler von Sassuolo Calcio nahezu nach Belieben.

Während Mancici in Italien die Herzen angesichts einer fast unheimlichen Siegesserie von Turnierbeginn an zuflogen, blies Luis Enrique der Wind zunächst heftig ins Gesicht. Auch er nominierte eine ganze Reihe unerfahrener Spieler – wagte aber darüber hinaus noch den ultimativen Tabubruch, erstmals überhaupt keinen Spieler von Real Madrid ins Aufgebot eines großen Turniers zu berufen. Als sich der offensive Ballbesitzfußball in den ersten beiden Gruppenspielen nicht in Siegen niederschlug, erreichte die Kritik in der Heimat gleich ihren Höhepunkt. Vor dem letzten Vorrundenspiel gaben in einer Umfrage der Madrider Sportzeitschrift „Marca“ 88 Prozent der Befragten dem Coach für das bisherige Abschneiden die Schulnote 6.

Beide Teams gehen mit viel Euphorie ins Halbfinale

Der Gescholtene blieb stur. Enrique hielt an seinem dominanten Ballbesitzfußball fest, ebenso an stark kritisierten Spielern wie seinem Mittelstürmer Alvaro Morata. Gegen die Slowakei platzte zum Abschluss der Vorrunde beim 5:0-Kantersieg der Knoten, seitdem sind die Spanier ins Rollen gekommen. „Seine Fähigkeit, Routinen den Kampf anzusagen, ist sprichwörtlich“, schrieb der frühere spanische Nationaltorwart Andoni Zubizarreta in einer Kolumne für die Zeitung „El Pais“ über Enrique, der vor zwei Jahren einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste: Seine neun Jahre alte Tochter Xana starb an Knochenkrebs, Enrique pausierte als Nationaltrainer und kehrte nach drei Monaten zurück. „Das Leben muss weitergehen“, sagte er damals. Öffentliche Diskussionen über Aufstellungsfragen oder Kadernominierungen prallen seitdem mehr denn je an ihm ab.

Durch die jüngsten Erfolge hat sich mittlerweile auch die Stimmung in Spanien grundlegend gewandelt: Die Euphorie ist beinahe so groß wie in Italien, auch Enriques persönliche Reputation hat sich merklich verbessert. Eigentlich, schrieb selbst die „Marca“ vor dem Halbfinale, müsste die Auswahl angesichts der klar erkennbaren Handschrift des Trainers „Luis Enrique FC“ heißen. An diesem Dienstag nun trifft Enriques Spanien in Wembley auf Mancinis Italien. Es ist das Duell zweier Kollektive ohne die ganz großen Stars, die maßgeblich von ihren offensiv denkenden Coaches geprägt werden.