Edgar Jakob (links) und Rainer Becker haben Spaß beim Schrauben. Als Mitglieder der „Computertruhe“ leisten sie einen aktiven Beitrag für die digitale Teilhabe sozial schwacher Menschen und für den Umweltschutz. Foto: Gaby Weiß

„Wir möchten sozial benachteiligten Menschen digitale Teilhabe ermöglichen“, sagt Edgar Jakob vom Verein Computertruhe Esslingen-Nürtingen. Der Verein arbeitet gespendete Laptops, Tablets und Smartphones auf und gibt sie kostenlos an Menschen weiter, die sich solche Geräte nicht leisten können.

Computer, Laptops und Smartphones werden in immer kürzeren Abständen durch aktuelle Modelle auf dem neuesten technischen Stand ersetzt. Wohin mit den alten, meist noch funktionstüchtigen Geräten? Im Mai vergangenen Jahres haben sich einige technikaffine Herren zusammengetan und den Computertruhe-Standort Esslingen-Nürtingen gegründet, den mittlerweile zehnten in Deutschland. Die Vereinsmitglieder setzen gespendete Geräte wieder instand und geben sie anschließend kostenlos an bedürftige Menschen und gemeinnützige Organisationen weiter.

 

„Ältere Computer lassen sich ohne Weiteres nachhaltig weiternutzen. Für die allermeisten Anwendungen braucht man die neueste Prozessor-Generation überhaupt nicht: Um Texte zu erstellen, für die Schule zu arbeiten oder Youtube-Videos zu gucken, reichen unsere gespendeten Geräte, die maximal 15 Jahre alt sind, wirklich aus“, erklärt Rainer Becker, der sich ehrenamtlich in dem Verein engagiert.

Langsame Festplatten auf SSD-Datenspeicher umrüsten

Zuerst werden sämtliche vorhandenen Daten datenschutzkonform gelöscht, dann wird die Hardware gesäubert und überprüft. Rechner mit sehr langsamen Festplatten werden auf die schnelleren SSD-Datenspeicher umgerüstet, ein einfach zu bedienendes Linux-Betriebssystem samt Anwendungssoftware wird aufgespielt. „Das sind Open-Source-Programme ohne Lizenzkosten, die benötigen viel weniger Ressourcen als Windows“, betont Edgar Jakob vom Team. Umfragen der Computertruhe zeigten, dass die Empfänger damit gut zurechtkämen, berichtet Christian Joachim. „Auf dem Desktop liegt immer auch eine kurze Anleitung, die die allerersten Schritte erklärt.“

Digitale Teilhabe: Laptop für die Hausaufgaben

Edgar Jakob betont, dass es bei der Computertruhe nicht darum gehe, Leute mit einem Luxus-Laptop auszustatten: „Wir möchten sozial benachteiligten Menschen, die ihre Berechtigung auch nachweisen müssen, digitale Teilhabe ermöglichen: Damit ein Bürgergeldempfänger Bewerbungen schreiben kann, damit ein Kind aus einer sozial schwachen Familie einen eigenen Laptop für seine Hausaufgaben erhält, damit ein Geflüchteter einen Online-Deutschkurs besuchen kann.“ Wer heute keinen funktionierenden Rechner besitzt, so heißt es auf der Webseite des Vereins, ist abgeschnitten – von der Kommunikation, im Job, bei der Terminvergabe, bei Aus- und Weiterbildung, von gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, von Kultur, Nachrichten und Unterhaltung.

Computer für Flüchtlinge

Eine Garantie geben die Computertruhe-Tüftler, die sich immer montags in den Räumen des Nürtinger Vereins „The-nt.space“ treffen, auf die überarbeiteten Rechner nicht. „Wenn einer mal kaputt geht, bringt man ihn einfach wieder vorbei. Dann schauen wir uns das an, reparieren oder tauschen ihn gegen ein anderes Gerät“, verspricht Edgar Jakob jedoch. Die wiederaufbereiteten Computer werden nach Absprache entweder persönlich abgeholt, per Post verschickt oder – wenn’s gerade am Weg liegt – auch mal direkt vorbeigebracht.

Da erleben er und seine Mitstreiter immer wieder wunderbare Momente, erzählt Jakob: „Ich habe einer ukrainischen Familie ein Gerät geliefert. Die Empfängerin hat gestrahlt und alle ihre Deutschkenntnisse zusammengenommen: ‚Jetzt bin ich glücklich.‘ Da weiß man: Das ist etwas Sinnstiftendes, was wir da tun.“

Windows 10-Support läuft aus: Viele Rechner werden ausgemustert

Darüber hinaus leisten die ehrenamtlichen Bastler auch einen aktiven Beitrag für den Umweltschutz: „Wenn in diesem Jahr der Support für Windows 10 ausläuft, werden viele Firmen und Privatleute ihre Rechner ausmustern und neue kaufen. Das ist eine Schande, denn diese Rechner funktionieren noch ohne jegliche Probleme“, wettert Rainer Becker. So viele Rechner stünden nutzlos im Keller, Smartphones lägen ungenutzt in der Schublade oder würden einfach entsorgt. „Beim Blick in den Elektroschrott-Container auf dem Recyclinghof kommen mir fast die Tränen, wenn noch Funktionierendes gedankenlos verschrottet wird“, sagt Christopher Oechsner.

Viele Altgeräte müssten nicht auf dem Schrottplatz landen. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Hersteller reduzieren Haltbarkeit der Computer künstlich

Das Team ärgert sich auch über die Tricks der Hersteller, die etwa Grenzen ins Betriebssystem einbauen, die die Haltbarkeit der Geräte künstlich reduzieren. „Wenn wir ein Gerät wiederherstellen, das man dann noch mehrere Jahre weiterverwenden kann, dann funktioniert das Geschäftsmodell der IT-Platzhirsche nicht mehr, und wir schlagen ihnen ein Schnippchen“, sagt Oechsner und freut sich.

Auch für Christian Joachim war der Umweltschutz ein Grund, sich bei der Computertruhe zu engagieren: „Es ärgert mich, wenn wertvolle Ressourcen verschwendet werden. Ich selbst habe meinen vorletzten Laptop, der entsorgt werden sollte, meiner Firma für 50 Euro abgekauft und noch zehn Jahre benutzt.“ Auch Rainer Becker nützt privat grundsätzlich wiederaufgearbeitete Rechner: „Es geht mir gegen den Strich, wenn man einfach Neues kauft, anstatt das Alte zu reparieren. Das ruiniert unseren Planeten.“

Informationen zur Computertruhe

Erhalten
Wer auf der Suche nach einem Computer ist, wendet sich auf der Computertruhe-Webseite an das Team wenden. Das Angebot richtet sich ausschließlich an hilfsbedürftige Personen, die die Berechtigung zudem nachweisen müssen.

Spenden
Wer Computer, Hardware-Komponenten oder Zubehör abzugeben hat, kann seine Spende ebenfalls über die Homepage anmelden. Besonders benötigt werden derzeit unter anderem Laptops, SSDs (größer als 120 GB) oder WLAN-Adapter mit USB- oder PCIe-Schnittstelle (lauffähig unter GNU/Linux).

Mitmachen
Bei der Computertruhe freut man sich über weitere Ehrenamtliche: „Es gibt hier verschiedene Tätigkeiten: Aufträge verwalten, E-Mails schreiben, Firmen anschreiben. Und rein technisch kann man vieles lernen: Einen Rechner plattzumachen und Linux aufzuspielen ist keine Raketenwissenschaft“, ermutigt Rainer Becker etwaige Interessierte.

Kontakt über die Seite www.computertruhe.de