Ein Server im Rechenzentrum des Softwarezentrums Böblingen-Sindelfingen sorgt für die erforderliche Rechenleistung für die IT-Firmen. Foto: Softwarezentrum/Gottfried Stoppel/

Große Übernahmen haben in den vergangenen Wochen die IT-Branche in der Region Stuttgart in den Fokus gerückt. Sie könnte in Krisenzeiten zu einem wichtigen Anker werden.

Stuttgart - Sie sind nicht so häufig, die ganz großen IT-Deals in der Region Stuttgart. Dass jedoch gleich zwei Unternehmen aus der Branche in den vergangenen Monaten Milliardenerlöse eingefahren haben, hat auch in der breiteren Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit auf die IT-Branche gelenkt. Vor wenigen Tagen ging RIB, ein Spezialist für Bausoftware, für rund 1,4 Milliarden Euro an den französischen Industriekonzern Schneider Electric. Erst im Januar hatte Volkswagen das Stuttgarter Softwareunternehmen Diconium mit seinen bald 1200 Beschäftigten vollständig übernommen. Und Anfang des Monats hat das Göppinger Unternehmen Teamviewer, das mit rund 850 Mitarbeitern Fernwartungssoftware entwickelt, für 2019, das Jahr seines Börsengangs, glänzende Zahlen vermeldet– etwa ein Wachstum um 41 Prozent und eine Gewinnmarge von 56 Prozent.

„Stuttgart hat eine pulsierende IT-Industrie in den Sektoren Softwareentwicklung, IT-Dienstleistungen und IT-Beratungsdienstleistungen. Insbesondere Softwareentwicklung ist in der Stadt sehr lebendig, zum Beispiel in den Bereichen mobile Apps, Bankensoftware und Softwareproduktentwicklung“, sagt Max H.-H. Schaber, Chef des IT-Dienstleisters Datagroup in Pliezhausen, wo 500 Mitarbeiter in der Region tätig sind. Das ist etwa ein Viertel der Gesamtbelegschaft.

Im Schatten der Automobilindustrie

Marika Lulay, Chefin des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT, sieht im Nachhinein die vor Jahren gefällte Standortentscheidung für Stuttgart und nicht Frankfurt als Glücksfall. Denn der bisherige IT-Anbieter für die Finanzbranche hat begonnen, bei Industrieanwendungen zu expandieren. „Und hier hat Stuttgart einen enormen Vorteil, weil hier die Kunden sitzen“, sagt Lulay. Sie sagt dem IT-Standort Region Stuttgart eine große Zukunft voraus: „Wenn Sie eine Kundenklientel aus der Industrie haben, kommen Sie in Deutschland um Stuttgart nicht herum“, so Lulay. „Die IT-Herzkammer von Baden-Württemberg ist Stuttgart“, sagt Hans-Ulrich Schmid, Leiter des Softwarezentrums Böblingen-Sindelfingen: „Hier spielt die Musik, auch wenn sie der eine oder andere nicht immer hört.“ Lulay stützt diese These: „Das Problem für die Wahrnehmung der Branche ist letztlich die stark dominierende Präsenz der Automobilindustrie.“

Die IT-Firmen hätten eine grundsolide Substanz, sagt Hans-Ulrich Schmid: „Unsere Softwareunternehmen machen zwar keine Schlagzeilen – aber die meisten verdienen von der ersten Minute an Geld.“ In seinem Zentrum sind heute 110 IT-Firmen mit rund 700 Mitarbeitern beheimatet, viele von ihnen junge Gründungen. Und natürlich spielen hier auch die seit Langem im Kreis Böblingen beheimateten Ableger der US-IT-Konzerne IBM und Hewlett-Packard eine Rolle. Die haben zwar im Zeitalter von Google oder Microsoft etwas von ihrer einstigen Strahlkraft in der Öffentlichkeit verloren. Doch angesichts eines Entwicklungszentrums mit mehr als 1000 Forschern und Entwicklern ist IBM immer noch eine Größe für die Region. „Es gibt immer wieder Mitarbeiter aus diesen Unternehmen, die zu Gründern werden“, sagt Schmid.

Im Deutschland-Ranking solide, aber nicht spektakulär

Bei den ganz großen Namen und beim Ranking in Deutschland schafft es Stuttgart nicht ganz nach oben. Laut dem Digitalisierungskompass des Forschungsinstituts Prognos aus dem Jahr 2018, in dem alle 401 Städte und Kreise in Deutschland verglichen werden, liegen die Stadt und der Stadtkreis München in Deutschland sowohl beim Arbeitsplatzpotenzial im Digitalbereich insgesamt als auch bei der Wirtschaftskraft der IT-Branche im Speziellen in Deutschland auf Platz eins. Die Stadt Stuttgart lag auf Rang acht bei den Arbeitsplätzen und auf Rang elf beim Potenzial der Branche, das etwa anhand von Patentanmeldungen und Neugründungen geschätzt wurde. Zum Vergleich: Der Rhein-Neckar-Kreis als Standort des IT-Weltkonzerns SAP schaffte es auf Rang drei bei den Jobs und auf Platz sechs beim Branchenpotenzial, Karlsruhe belegt hier die Ränge fünf und acht.

Rekrutierung von Fachkräften das größte Problem

Schmid nennt in seinem Böblinger und Sindelfinger Softwarezentrum eine Reihe von Erfolgsgeschichten aus den vergangenen Jahren: Compart ist ein Softwarehersteller, der mit mehr als 200 Mitarbeitern Software für das Management von Dokumenten erstellt. Der IT-Dienstleister Spirit/21 hat allein schon an diesem Standort 170 Mitarbeiter, das Unternehmen Crossbase programmiert mit 70 Mitarbeitern eine vollintegrierte Datenbank . Wichtiger als die Größenordnung sei aber die Widerstandsfähigkeit der Geschäftsmodelle: „Selbst in der Finanzkrise musste keines unserer Unternehmen dichtmachen.“ Ein Abschwung im Auto- oder Maschinenbau werde die Branche nicht in den Strudel ziehen: „75 Prozent der Firmen im Zentrum sind unabhängig von der Autoindustrie.“

Zudem lasse die Digitalisierung keine Branche unberührt, so dass man Ausfälle in einem Bereich problemlos in einem anderen kompensieren könne. Man werde in der Region weiterhin jährlich um die sechs oder sieben Prozent wachsen. Größtes Problem sei dabei die Gewinnung von Fachkräften, lautet unisono die Analyse der Experten. Dafür müsse die IT-Ausbildung in der Region gestärkt und Stuttgart für ausländische Fachkräfte attraktiver werden. Stuttgart müsse dabei aber gar nicht versuchen, so cool wie München oder Berlin zu werden, sagt Schmid: „Die Leute, die hierherkommen, sind technikorientiert – für die ist es wichtig, dass sie an einer interessanten Aufgabe arbeiten können.“

GFT-Chefin sagt noch mehr Übernahmen voraus

Die GFT-Chefin Marika Lulay ist überzeugt, dass es in der nächsten Zeit noch mehr Meldungen über Übernahmen von IT-Unternehmen aus der Region Stuttgart geben wird. Immer mehr Firmen wollten IT-Expertise näher an den Kern der Unternehmen anbinden: „Sie kaufen IT-Firmen, aber anders als die alten IT-Abteilungen sollen diese eigenständig agieren und die Digitalisierung im ganzen Unternehmen voranbringen.“ Die Erfahrung mit reinen Innovationslaboren sei gewesen, dass all die kreativen Softwareentwickler oft kein betriebswirtschaftlich messbares Ergebnis produziert hätten.

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