„ISIS ist nicht die Stimme des Islam“ steht auf einem Plakat bei einer Demonstration im indonesischen Jakarta Foto: dpa

Islamverbände in Deutschland wollen am Freitag gegen Extremismus in Stuttgart und anderen Städten demonstrieren. Die Stuttgarter Nachrichten haben nachgefragt: Was sagen deren Vertreter zum IS-Terror?

Islamverbände in Deutschland wollen am Freitag gegen Extremismus in Stuttgart und anderen Städten demonstrieren. Die Stuttgarter Nachrichten haben nachgefragt: Was sagen deren Vertreter zum IS-Terror?

Welche Gefahren sehen Sie für die Bundesrepublik Deutschland im Zusammenhang mit dem Islamischen Staat (IS)?

Aiman Mazyek (45), Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD): Wir befürchten, dass die Trennschärfe zwischen Islam und Extremismus weiter aufgeweicht wird. Und das geht zulasten des gesellschaftlichen Friedens in Deutschland. In den vergangenen Wochen wurden vermehrt Anschläge auf Moscheen verübt. Die Islamfeindlichkeit steigt leider weiter an. Die Muslime ächten die barbarischen Akte des Islamischen Staats in aller Klarheit. Und wir brauchen Signale aus der Politik, die deutlich machen, dass sich die Gesellschaft hier nicht auseinanderdividieren lassen darf und dass die Gewalt gegen Muslime hier strikt verurteilt wird.

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der größte islamische Dachverband in Deutschland. Zu den Fragen unserer Zeitung wollte sich Ditib nicht konkret äußern und verwies auf Pressemitteilungen: „Sie werden hier viele umfassende Informationen finden und sehen, dass die Ditib sich bereits sehr früh mit diesem Themenkomplex beschäftigt und weitgehend schon längst beantwortet hat.“ Dort steht unter anderem: Binnen weniger Tage brannten in verschiedenen Städten drei Moscheen. In zwei Fällen nutzten die Täter Koranausgaben, um das Feuer im Gebetsraum zu verteilen. Somit zeigten sie, dass dieser Angriff vor allem dem Islam und den Glaubenswerten der Muslime galt. Gleichzeitig ist ein Anstieg bei der Zahl der Angriffe auf Moscheen und Muslime zu beobachten, was aus den jüngsten Zahlen hervorgeht, welche die Bundesregierung als Antwort auf eine Anfrage im Bundestag bekannt gab.

Michael Muhammad Abduh Pfaff (40), Vorsitzender der Deutschen Muslim-Liga (DML): Ich bin kein Experte in sicherheitsrechtlichen Belangen und kann die Sicherheitslage für Deutschland nicht beurteilen. Was wir derzeit erleben, ist die Frucht von jahrelangen Fehlentwicklungen in dieser Region. Ich sehe eine gewisse Parallele zur Zeit der Roten-Armee-Fraktion. Damals haben sich Jugendliche im vermeintlichen Wahn, der gerechten Sache zu dienen, radikalisiert und sind in eine Eskalation gegangen, die immer gefährlicher wurde und immer weiter um sich gegriffen hat. So ähnlich sind jetzt auch Jugendliche irregeleitet, die dann unter Umständen aus Deutschland in den Irak oder nach Syrien reisen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun, sondern mit gesellschaftlichen Prozessen, mit weltpolitischer Lage und orientierungslosen Jugendlichen. Der befürchtete „Re-Import“ des Terrors ist ein Thema. Ich kann mir schon vorstellen, dass dies irgendwann zurückschlägt.

Mustafa Yeneroglu, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), mit geschätzt 31 000 Mitgliedern die größte islamistische Organisation in Deutschland: Man muss davon ausgehen, dass einige Hundert Menschen von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien gezogen sind und dort an kriminellen Machenschaften des sogenannten Islamischen Staats teilhaben. Unsere Befürchtung ist, dass diese Menschen irgendwann wieder nach Deutschland zurückkommen und eine Gefahr für unsere innere Sicherheit darstellen. Da sind wir alle sehr besorgt. Wir Muslime besonders, weil diese Kriminellen ihr Tun immer wieder mit dem Islam in Verbindung bringen. Es ist grundsätzlich richtig, dass solchen terroristischen Organisationen wie dem Islamischen Staat das Handwerk gelegt wird. Aber ich hätte mir gewünscht, dass das nicht einzelne Staaten machen, sondern die internationale Gemeinschaft in einer gemeinsamen Aktion, unter der Hoheit der Vereinten Nationen – so, dass alle in die Pflicht genommen werden, gemeinsam gegen diese Bande vorzugehen.

Ali Dogan(32), Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AGD) – Dachorganisation der in Deutschland lebenden Aleviten: Ich sehe eine sehr große Gefahr. Ich wohne ja ganz in der Nähe von Bonn-Tannenbusch, eine Hochburg der Salafisten in Deutschland. Und zum Beispiel mein Friseur in Tannenbusch, ein Kurde, berichtet mir immer wieder von jungen Menschen, die verschwinden – und voraussichtlich in den Dschihad ziehen. Zuletzt hieß es, über 20 junge Menschen seien alleine aus Bonn im Dschihad. Bei dem, was ich höre, halte ich diese Zahl aber noch für untertrieben. Die Gefahr für Deutschland besteht nicht nur durch die Rückkehrer, sondern auch durch die gesamte Vorlaufphase der Radikalisierung dieser jungen Menschen. Sie haben dieses Gedankengut schon vor ihrer Abreise hier präsent – und es verbreitet sich rapide.

Was tun Sie gegen die Kriegsreisenden?

Was tun Sie aktiv gegen die Kriegsreisen von Muslimen aus Deutschland nach Syrien und in den Irak?

Aiman Mazyek (45), Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD): Wir reden von ein paar Hundert – aber jeder Einzelne ist einer zu viel. Diese Leute verkehren aber nicht in den Moscheen. Die wenigen, die in den Gemeinden sind, geben sich nicht zu erkennen. Und die Anführer haben keine Möglichkeit, in den Moscheen zu predigen. Man muss das System vorher anpacken – damit diese Menschen überhaupt nicht erst nach Syrien und in den Irak gehen. Das gesellschaftliche Klima erlaubt den friedliebenden Muslimen in den Moscheen aber kaum, damit effektiv und nachhaltig umzugehen. Man steht sofort am Pranger: Anstatt die muslimischen Gemeinden im Kampf gegen extremistische Ränder zu stärken, hält man denen durch fehlende Trennschärfe zwischen Islam und Extremismus noch vor, dafür allein verantwortlich zu sein. Dabei sind wir alle mitverantwortlich und müssen das Problem ganzheitlich angehen.

Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib): Alle Muslime und die gesamte Menschheit sind gefordert, sich diesen unmenschlichen Übergriffen und Brutalitäten mit einer gemeinsamen, starken Stimme entgegenzustellen. Die Öffentlichkeit darf nicht in eine Zuschauerrolle verfallen. Unsere Erwartung ist, dass in dieser Lage schnellstmöglich einen nachhaltigen Frieden schaffende Lösungen gefunden werden.

Michael Muhammad Abduh Pfaff (40), Vorsitzender der Deutschen Muslim-Liga (DML): Wir sind eine Anlaufstelle für Konvertiten, die neu zum Islam übertreten wollen. Da bremse ich manchmal den Übereifer, wenn junge engagierte Menschen kommen. Beim Islam geht es um die Einheit von Herz und Hirn. Zentrale Aussage ist: Die Theologie des Islam verbietet Gewalt gegen Zivilpersonen. Ich freue mich, wenn das Herz dabei ist, aber das Hirn darf man nicht ausschalten. Man sollte sich erst mal mit dem Islam beschäftigen, unsere Gemeinschaft und andere Muslime kennenlernen, beten und in die Moschee gehen, bevor man sich mit falschen Propheten solidarisiert. Wir versuchen mit gutem Beispiel voranzugehen, uns vom Missbrauch der Religionen zu distanzieren und unsere Mitglieder positiv zu beeinflussen. Mitglied bei uns kann man nur werden, wenn zwei bestehende Mitglieder denjenigen empfehlen. Da sind wir vorsichtiger geworden.

Mustafa Yeneroglu, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG): Unser Einfluss ist darauf beschränkt, dass die großen islamischen Religionsgemeinschaften präventiv und immunisierend gegen Gewaltneigung und gegen Gewaltverherrlichung vorgehen. Die jungen Menschen, die in diese brutale Abschlachtungsmaschinerie verstrickt sind, durchlaufen in den allermeisten Fällen über einen Crashkurs den ideologischen und gewaltverherrlichenden Salafismus. Nur so sind sie in der Lage, überhaupt daran zu denken, im Irak oder in Syrien für diese Bande zu kämpfen. Wenn wir uns mit der Struktur der Menschen beschäftigen, die dort hinreisen, erkennen wir, wie wichtig die tägliche Arbeit in den Moscheegemeinden ist. Deren Arbeit ist präventiv, schon aus ihrer islamischen Lehre heraus – nicht weil es irgendjemand möchte oder weil es hier Probleme geben könnte, sondern weil sie den Menschen einen Weg der Mäßigung predigt und Gewalt ablehnt.

Ali Dogan(32), Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AGD): Mir sind nur vier junge Menschen bekannt, die sich von Salafisten haben überzeugen lassen. Einzelfälle. Dennoch wollen wir aktiv etwas gegen Extremismus tun und haben zahlreiche Projekte gestartet. Auch wenn wir nicht die betroffene Klientel sind, sind wir trotzdem die Einzigen aus dem muslimisch geprägten Raum, die sich überhaupt bereiterklären, solche Projekte umzusetzen. Bei den anderen Verbänden bleibt es oft bei Lippenbekenntnissen. Doch in den Moscheen und Gemeinden findet keine Problembehandlung statt. Die Gefahren, die von Homophobie, Antisemitismus und Ungleichwertigkeitsvorstellungen gegenüber Minderheiten ausgehen, werden nicht ausreichend angegangen. Auch findet keine Vergangenheitsbewältigung statt – beispielsweise werden Jugendliche nicht aufgeklärt, wenn die eigene Glaubensgemeinschaft mal als Täter fungiert hat in Genoziden oder Massakern.

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