Der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, warnt vor dem wachsenden Einfluss des IS im Internet. Foto: dpa

Beim Verfassungsschutz gibt es Erkenntnisse, dass die Terrormiliz IS zunehmend virtuell aus dem Internet ihre Strippen zieht. Der Täter von London reiht sich damit ein in eine Serie anderer Attentäter. Anleitungen für Anschläge kommen aus dem Netz.

Hannover - Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) baut nach Erkenntnissen des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) ihre Präsenz im Internet weiter aus. „Der IS ist mittlerweile ein digitales Kalifat geworden, er nutzt seine Möglichkeiten dort in brillanter Weise“, warnte BfV-Chef Hans-Georg Maaßen am Donnerstag auf der Technologiemesse CeBIT in Hannover. Er betonte: „Der IS ist eine virtuelle Gemeinschaft, er verlagert sich mehr und mehr in ein virtuelles Kalifat.“ Im Internet bleibe es aber schwierig, die Radikalisierungstendenzen etwa der in Deutschland auf rund 10 000 Anhänger geschätzten Salafisten-Szene zu beobachten.

Die vielen Präventionsprojekte im Lande griffen da noch nicht gut genug. Maaßen: „Trotz aller Anstrengungen sind wir noch nicht da, wo wir hin wollen.“ Die radikalen Anwerber gingen im Internet „wie Harpunenjäger“ auf die Suche nach geeigneten Einzeltätern. Die Sicherheitsdienste stünden angesichts geschlossener Foren dabei oft wie vor Betonwänden, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Für die Behörden werde es somit immer schwieriger, solche Einzeltäter früh genug aufzuspüren. Oft erhielten sie aus dem Internet regelrechte Anleitungen bis hin zur konkreten Frage, mit welchen Mitteln wo ein Attentat verübt werden soll. Beim jüngsten Anschlag in London gibt es nach bisherigen Erkenntnissen des deutschen Inlandsgeheimdienstchefs aber keinen Deutschland-Bezug.

Rasante Zunahme an Cyber-Attacken

Es gelte aber, sich von einer gewissen digitalen Naivität zu befreien, dass der Cyberraum nur eine Echokammer des Guten sei. Auch die Wirtschaft müsse das beim Kampf gegen Spionage und Sabotage begreifen und bei der IT-Sicherheit nachrüsten. Es gebe eine rasante Zunahme an Cyber-Attacken auf die zunehmend vernetzten Maschinen.

Digitale Wirtschaftsspionage, -sabotage oder Datenklau verursachen der deutschen Wirtschaft nach Branchenschätzungen Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe. Zunehmend seien dabei auch ausländische Nachrichtendienste im Spiel. Das gelte zunehmend auch für die Politik. Mit Blick auf die US-Wahlen meinte der Geheimdienst-Chef: „Aus meiner Sicht können heute politische Wahlen offline nicht mehr gewonnen werden.“ US-Präsident Donald Trump sei ein Beispiel dafür: „Trump hat gezeigt, was Twitter-Politik ist.“ Die Schlagzahl der Informationsgesellschaft habe zugenommen, Manipulation geschehe heute über Emotionen, die auch mit Falschinformationen geschürt würden.

Zudem zeige sich, dass autoritäre Staaten wie etwa Nordkorea für Diskreditierungskampagnen größeren Spielraum hätten als offene Gesellschaften. „Der Cyberraum ist mittlerweile ein neuer Gefechtsraum“, so Maaßen. Dabei gebe es kein Gleichgewicht des Schreckens, da die Waffen nicht wie bei einer Militärparade zur Schau gestellt würden. Der Verfassungsschutz setze bei der Stärkung eigener Strukturen auf die Rekrutierung junger IT-Nachwuchskräfte. Im Vorjahr bewarben sich bei ihm 22 000 Menschen.

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