Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall mahnt zur Wachsamkeit gegenüber islamistischen Aktivitäten. Foto: dpa

Es muss nicht das Brandenburger Tor oder der Frankfurter Flughafen sein. Radikalisierte Einzeltäter oder geistig verwirrte Trittbrettfahrer könnten grundsätzlich überall zuschlagen.

Stuttgart - Terroranschläge radikaler Islamisten drohen nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden nicht nur in deutschen Großstädten, sondern auch auf dem Land und in der Provinz. „Jeder Ort in Deutschland“ könne zum Ziel von Einzeltätern oder Rückkehrern aus den Kampfgebieten in Syrien­ oder im Irak werden, warnt der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) .

Möglicherweise sei „alles, was rund ums Brandenburger Tor geschieht“, zunächst einmal medienwirksamer. Aber um eine Gesellschaft im Kern zu verunsichern, seien auch Szenarien abseits der Metropolen denkbar.

Wie der misslungene Kofferbomben-Anschlag im Jahr 2006 auf einen Regionalzug in Richtung Koblenz und ausländische Fälle wie in Dijon oder Brüssel zeigten, wählten Terroristen bevorzugt leicht zugängliche und stark besuchte Ziele aus, sagte Lewentz. Potenzielle Attentäter könnten zudem „in die Provinz“ ausweichen, weil etwa Berlin stark überwacht sei.

Auch im Südwesten könne man Attentate radikalisierter Einzeltäter nicht ausschließen, sagt Beate Bube, die Präsidentin des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, vor kurzem bei einer Fachtagung zum Thema Radikalisierung in Stuttgart.

Immer mehr – vor allem junge – Menschen, radikalisieren sich innerhalb kurzer Zeit auf islamistischen Seiten im Internet. „In manchen Fällen dauert es nur zwei oder drei Monate, bis jemand bereit ist, nach Syrien zu reisen und dort beispielsweise für die Organisation Islamischer Staat (IS) zu kämpfen“, sagt der Islamismusexperte Markus Kaiser vom baden-württembergischen Verfassungsschutz. Eine konkrete Aufforderung des IS zu Anschlägen in der deutschen Provinz gebe es derzeit nicht. Der Fokus der Dschihadisten liege auf den Kampfgebieten des IS in Syrien und im Irak, die Anhängern der Terrororganisation als endzeitliches Schlachtfeld gelten.

Mindestens 550 Menschen aus Deutschland haben sich dem IS bisher angeschlossen, davon etwa 30 aus dem Südwesten. In fünf Fällen konnte die baden-württembergische Polizei eine Ausreise verhindern. Die Dschihadisten sind im gesamten Schengen-Gebiet zur Fahndung ausgeschrieben und müssen bei einer Rückkehr nach Europa mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Dennoch sind etwa 180 Personen nach Angaben des Verfassungsschutz bundesweit inzwischen wieder zurückgekehrt, die Behörden rechnen mit einer hohen Dunkelziffer.

Rheinland-Pfalz’ Innenminister Lewentz hält die Rückkehrer für „tickende Zeitbomben“, die teilweise traumatisiert seien und an der Waffe oder im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet wurden.

Der Journalist Jürgen Todenhöfer, der kürzlich das vom IS kontrollierte Gebiet in Syrien und im Irak besuchte, warnt dagegen weniger vor Rückkehrern aus dem IS-Territorium als vor nicht ausgereisten Sympathisanten des Islamischen Staates. Rückkehrer würden innerhalb des IS als Verlierer gelten, schreibt Todenhöfer auf seiner Internet-Seite. Dennoch tötete ein ehemaliger Syrien-Kämpfer im Mai dieses Jahres vier Menschen bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel.

Die Gefahr, die von zunächst unauffälligen Einzeltätern, sogenannten lone wolves – „einsamen Wölfen“ – ausgeht, ist bisher kaum abschätzbar, so der Islamismusexperte Kaiser. Attentäter, die teils mit primitiven Waffen oder Fahrzeugen Menschen angriffen, seien ein relativ neues Phänomen, das noch nicht abschließend beurteilt werden könne.

Handelt es sich dabei eher um wahnsinnige Trittbrettfahrer, die ihre Gewalttaten ideologisch verbrämten oder um fanatisierte Einzelkämpfer? Es scheint beides zu geben.

Für Schlagzeilen hatte vor kurzem die Geiselnahme eines Mannes in Sydney gesorgt, bei der drei Menschen ums Leben kamen, ebenso der Angriff eines Autofahrers auf Fußgänger in Dijon.

Bei der Tat in Frankreich konnte die Staatsanwaltschaft schnell einen islamistischen Hintergrund ausschließen, obwohl der Attentäter „Allahu Akbar“ – „Gott ist am größten“, gerufen haben soll. Der Geiselnehmer von Sydney ergriff Partei für den IS, hatte aber nicht einmal eine Fahne der Terrororganisation dabei.

Für die Sicherheitsbehörden stellt sich die Gefahrensituation deshalb als unübersichtlich dar. Wie einem potenziellen Attentäter auf die Schliche kommen, wenn der keinen Kontakt zu Terrororganisationen hat oder sich spontan zu einem Anschlag entscheidet?

Für Beate Bube vom baden-württembergischen Verfassungsschutz kann nur eine engere Zusammenarbeit zwischen Behörden und nichtstaatlichen Akteuren helfen. „Eine Radikalisierung findet normalerweise in einem sozialen Kontext statt.“

Auch Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) setzt auf bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden unter anderem mit Moschee-Vereinen und rät zu erhöhter Aufmerksamkeit: „Wir müssen überall wachsam sein und Anzeichen für islamistische Aktivitäten begegnen.“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) verlangt, die Sicherheitsbehörden sollten stärker das Gespräch mit Internetprovidern und sozialen Netzwerken ­suchen.

Der militärische Erfolg des IS führt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes zu einem starken Zulauf für die salafistische Szene in Deutschland. Aktuell werden ihr etwa 7000 Menschen zugerechnet.

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