Sie sind die neuen Herrscher im Land. Die Taliban kontrollieren auch Kabul. Foto: imago images/Bashir Darwish

Nach 20 Jahren sind die Islamisten zurück an der Macht. Während ihrer Herrschaft in den 1990er Jahren zeigten sie wenig Interesse an Staatsgeschäften, Finanzen und Verwaltung. Jetzt gibt sich die Führung staatsmännisch – und die Kämpfer essen Eis und schaukeln.

Kabul. - Es war ein triumphaler Empfang: Nach fast zwei Jahrzehnten ist Mullah Abdul Ghani Baradar, der Mitbegründer und stellvertretende Führer der Taliban, in seine Heimat Afghanistan zurückgekehrt. Am Flughafen der Stadt Kandahar begrüßte eine wartende Menge den als neuen Staatschef gehandelten Kämpfer mit Jubelgesängen und „Allah u Akhbar“-Rufen. Baradar war bislang das bekannteste Gesicht der Taliban, die nur wenig von sich preisgaben. Nun stehen sie im Rampenlicht.

 

Am Dienstag trat der geheimnisumwobene Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid erstmals in der Öffentlichkeit auf. Über ein Jahrzehnt lang kannte man nur seine Stimme. In einem Raum voller Reporter trug Mujahid ruhig seine Ansichten vor, gab sich offen und professionell und bat die Journalisten sogar höflich um weitere Fragen. Selbst die Anwesenheit von Frauen schien kein Problem für den freundlichen Herrn mit schwarzem Bart und Turban zu sein. „Wir haben allen verziehen, die gegen uns gekämpft haben. Wir wollen keine Konflikte mehr“, erklärte Mujahid.

Kämpfer auf Kinderschaukeln

Auf seinem Platz hatte zuvor Afghanistans Regierungssprecher Dawa Khan Menapal gesessen, der Anfang August von den Taliban ermordet worden war. „Niemand wird mit Rache behandelt werden“, beteuerte Mujahid. Die Rechte von Frauen sollten respektiert werden, sie sollten „studieren und arbeiten dürfen“, allerdings „in den Grenzen des islamischen Schariarechts“. Es ging um Frieden, Ordnung, Prosperität, ohne bluttriefende Rhetorik wie früher. Während sich die Taliban-Führung in Kabul staatsmännisch gab, streiften ihre Kämpfer durch die Stadt und genossen unschuldige Kinderfreuden. Gruppen von Aufständischen fuhren Karussell und Autoscooter, wurden auf Schaukeln und vor Eiscreme-Ständen gesichtet.

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Fast 20 Jahre lang haben die Taliban einen Aufstand gegen die westlichen Streitkräfte und die vom Westen gestützte Regierung in Afghanistan geführt. Nun dürfen sie sich als Sieger des blutigen Konflikts am Hindukusch fühlen. Zwischen 1996 und 2001 herrschten die Taliban in Afghanistan unter der Führung von Mullah Mohammed Omar, der als Gründer der Bewegung gilt. Der einäugige Mudschahedin-Kämpfer hatte sich seine Sporen im Kampf gegen die sowjetischen Truppen verdient.

Büchlein mit Benimmregeln

Die Gruppe bestand fast ausschließlich aus ethnischen Paschtunen, die im Süden Afghanistans beheimatet sind. Gebiete des Nordens, in dem ethnische Usbeken oder Tadschiken in der Mehrheit sind, beherrschten die Taliban damals nur in Teilen. Doch die Islamisten – in den 1990er Jahren eine finstere Truppe, die Menschen öffentlich hinrichteten und Frauen mit Nagellack die Finger abschnitten –, wollen ihr Image offensichtlich aufpolieren.

Als Taliban-Kommandeur ordnete Baradar 2009 seine Streiter an, ein kleines Büchlein mit Benimmregeln mit sich zu tragen. Anders als die Nato-Truppen, die ganze Dörfer in Schutt und Asche legten, schrieb Baradar vor, Gewalt nur gezielt und kontrolliert einzusetzen, um so die Sympathien der Afghanen zu gewinnen. Die neue Version der Taliban sollte volksnah und auch für Nichtpaschtunen salonfähig sein.

Kampf um internationale Anerkennung

Während ihrer Schreckensherrschaft in Afghanistan in den 1990er Jahren zeigten die Taliban wenig Interesse an Regierungs- und Verwaltungsgeschäften. Mullah Omar residierte weiter in Kandahar, verließ kaum sein Haus und besuchte nur zweimal die Hauptstadt Kabul. International waren die Taliban geächtet. Wie der britisch-pakistanische Journalist Ahmed Rashid schreibt, waren die Taliban unter Mullah Omar in traditionellen Stammesstrukturen gefangen und wollten keine wirkliche Staatsstruktur aufbauen.

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Die jetzige Taliban-Spitze strebt hingegen internationale Anerkennung an. Baradar, der acht Jahre in pakistanischer Gefangenschaft verbrachte und erst 2018 auf Drängen des früheren US-Präsidenten Donald Trump freigelassen wurde, um die Verhandlungen zwischen den USA und der Gruppe zu führen, hat Erfahrung als Diplomat gesammelt. Der etwa 53-Jährige war seit seiner Jugend mit dem 2015 verstorbenen Mullah Omar befreundet und soll sogar dessen Schwester geheiratet haben. Er ist mit seiner ruhigen, staatsmännischen Art das Gegenteil des öffentlichkeitsscheuen Omar, der sich als Guerillakämpfer und nie als Regierungschef sah.

„Die Taliban-Führung versucht ein Kabinett zu bilden, das für ihre vielen unterschiedlichen Fraktionen annehmbar ist, aber auch von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert wird“, glaubt der Konfliktforscher und Afghanistan-Experte Mike Martin vom King’s College in London. Einfach werde der Übergang von einer kriegerischen Organisation „zu einer Regierung, die in die Verantwortung genommen wird“, nicht, schreibt die Wissenschaftlerin Martine van Bijlert, Mitbegründerin der Organisation Afghan Analyst Network.

Die neuen Herrscher brauchen Geld

Entscheidungsstrukturen und Gliederung der Taliban waren stets von komplexen Loyalitäten geprägt. Die Interessen der mächtigen regionalen Führer decken sich nicht immer mit denen der Spitze. Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass Afghanistan nach islamischem Recht regiert werden soll. Die Taliban gehören der Deobandi-Schule des Islams an, für die die Purda, eine strenge Trennung der Geschlechter und die militante Ablehnung anderer religiöser Strömungen innerhalb des Islams, Programm ist.

Einer der Streitpunkte könnte der lukrative Opiumanbau sein, den lokale Herrscher kontrollieren. Die Taliban-Führung hat angekündigt, Afghanistan, das über 90 Prozent aller illegalen Drogen weltweit herstellt, zu einem drogenfreien Staat zu machen. Allerdings würde dies die ohnehin prekäre Finanzlage des Landes noch verschärfen. Der Großteil der Staatsreserven ist auf US-Konten eingefroren. Die wöchentlichen Lieferungen von US-Dollar wird für absehbare Zeit unterbleiben. Zugleich braucht die neue Taliban-Führung dringend Geld, um Kämpfer und Verbündeten bei Laune zu halten und zu disziplinieren.