Islamisten in Deutschland finanzieren sich mit Geld, das aus Bosnien-Krieg stammt.

Stuttgart - Was haben Attentäter des 11. September 2001 und militante Islamisten in Baden-Württemberg gemeinsam? Es sind ihre Geldquellen, ihre Verbindungen nach Bosnien und zu Hilfsorganisationen vor allem in Saudi-Arabien.

Der Bankauszug liest sich wie eine Einkaufsliste: Milchpulver ist zu besorgen, pulverisierte Eier, Mehl, Zucker und Salz. Der Kunde hat bereits alles bar bezahlt. Alles in allem hat er 1.483.600 Deutsche Mark berappt – die Ware ist nur noch zu liefern. Über den Hamburger Hafen.

Milchpulver ist gleich Munition

Der Kontoauszug der Ersten ÖSC Bank in Wien aus dem Jahr 1995 ist der erste Hinweis darauf, wie Terror finanziert wird. Es ist der Beginn einer langen Recherche, die wohl niemals abgeschlossen sein wird: Wer bezahlt den weltweiten islamistischen Terrorismus? Tom Corrigan, früherer Ermittler des New York Police Departement, entschlüsselt die harmlos klingende Einkaufsliste: „Mit Milchpulver ist Munition gemeint, mit den pulverisierten Eiern Handgranaten. Mehl, Zucker, Salz stehen für Schnellfeuergewehre, Maschinengewehre und Granatwerfer. Geordert für den damaligen Krieg in Bosnien.“ Bezahlt von einem ausgeklügelten System von islamischen Hilfsorganisationen, die zumeist auf der saudischen Halbinsel zu Hause sind.

In diesem Fall bestellte die in Wien ansässige Hilfsorganisation Third World Relief Organization (TWRA – Verein zur Unterstützung der Dritten Welt) das Waffenarsenal – für Dschihadisten in Zentralbosnien. Michael Scheuer, langjähriger Chef der CIA-Fahndungsgruppe nach Osama bin Laden, schockiert mit einer gewagten These: „Wer dem Weg des Geldes folgt, das in den 90er Jahren vor allem aus Saudi-Arabien auf die Kriegsschauplätze auf dem Balkan transferiert wurde, der weiß alles, wie sich islamistischer Terrorismus bis heute finanziert.“

Das bestätigt folgende Spur: Ein Bankauszug aus dem Jahr 1993 belegt, dass vom Konto 513-64476 der Wiener Ersten Bank 600.813,34 US-Dollar abgebucht wurden. Das Geld wird auf das Konto 258427034 der Verwaltungs- und Privatbank Vaduz in Liechtenstein überwiesen. Bezahlt werden sollen mit der Transaktion 20 Satellitentelefone der Firma Multicom Information Systems LTD in den USA. Angeblich sind die klobigen Apparate für die bosnische Staatsführung um Präsident Alija Izetbegovic bestimmt.

Das nährt den Verdacht: Das bar bei der Ersten einbezahlte Geld sollte gewaschen werden. Denn: Selbst zu Beginn der 90er Jahre kostete ein Satellitentelefon nicht mehr als 5000 US-Dollar. Wäre dem aber so, dann hätte die Erste das Geld gewaschen. Ein Sprecher der Bank bestätigt zwar, dass die TWRA „Kundin des Hauses gewesen ist“. Er dementiert aber heftig, dass das Kreditinstitut Geld für die suspekte Hilfsorganisation gewaschen habe. Unbewusst nickt er auf die Frage, ob das Geld vor allem aus Saudi-Arabien kam, das den TWRA-Konten bei der Ersten gutgeschrieben wurde.

War Saudi-Arabien an der Finanzierung beteiligt?

 Das deckt sich mit Informationen, die unsere Zeitung amerikanischen Gerichtsakten entnommen hat. Dort wird unter Leitung der in Philadelphia ansässigen Anwaltskanzlei Cozen-O’Connor ein Schadenersatzprozess der Hinterbliebenen und Opfer des 11. September 2001 gegen Saudi-Arabien geführt. Das Ziel des Verfahrens: Es soll beweisen, dass Saudi-Arabien unmittelbar an der Finanzierung der Anschläge in den USA beteiligt war – und bis heute islamistische Terrorgruppen finanziert.

Unserer Zeitung vorliegende Geheimdienstinformationen besagen, dass zu Beginn bis Mitte der 90er Jahre große Mengen Bargeld in schwarze Plastiktüten und Koffer verpackt direkt in die Geschäftsräume der Ersten Bank geliefert wurden. Der Pressesprecher des Institutes nimmt dies kommentarlos zur Kenntnis.

Nach unserer Zeitung vorliegenden Dokumenten hat alleine die TWRA mehr als 300 Millionen US-Dollar (213 Millionen Euro) direkt aus Saudi-Arabien, teilweise direkt aus dem Königshaus, als Hilfsgelder bekommen. Wer aber steckt hinter der Firma Multicom Information Systems LTD, die auf ihren Briefköpfen mit Firmensitzen in New York, London, Moskau, Berlin, Singapur, Vaduz und Zagreb vertreten war? Ein früherer bosnischer Geheimdienstmann war Miteigentümer des Unternehmens.

Europa und Amerika lassen Bosnien allein

Während eines Treffens in den Bergen Colorados will er unerkannt bleiben. Aber er erklärt die Lage auf dem Balkan, der zum Sprungbrett der Terrororganisation El Kaida nach Europa geworden ist. Die muslimischen Bosniaken, berichtet der Ex-Agent, seien 1993 in größter Bedrängnis gewesen: Angegriffen von Serben und Kroaten, allein gelassen von Europa und Amerika, habe sich Präsident Izetbegovic auf die Suche nach verlässlichen Alliierten gemacht. In der arabischen Welt wurde er fündig. Kontakte seien vor allem in der bosnischen Botschaft in Wien geknüpft worden, „von dort wurde politisch und logistisch die Verteidigung Bosniens geplant und organisiert“. Darin habe Osama bin Laden persönlich eine wichtige Rolle gespielt.

Der spätere Drahtzieher der Terrorangriffe auf die USA vom 11. September 2001, so der Informant, genoss ein hohes Ansehen bei den muslimischen Jugendlichen im Kriegsgebiet. Und: Er finanzierte Ausbildungslager in Afghanistan, schickte weltweit rekrutierte, sogenannte Gotteskrieger und verfügte über scheinbar ständig sprudelnde Geldquellen. Vor allem ein enger Vertrauter Izetbegovics habe engsten Kontakt zu dem Terroristenchef unterhalten: Hassan Cengic.

Der Vize-Verteidigungsminister Bosniens schien mehr zu sein als ein Hilfsarbeiter in Izetbegovics Kabinett. John R. Schindler, ehemaliger Analytiker des US-Nachrichtendienstes NSA, bestätigt unserer Zeitung: „Er war das Superhirn in der bosnischen Regierung, mit besten Verbindungen nach Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, in die Türkei und den Iran.“

Die Rolle der Hilfsorganisationen

Und nach Deutschland: 22 Überweisungen ließ der graumelierte Bosnier mit der goldumrahmten Brille von Konten in Deutschland ausführen. Fahnder wurden bei der Deutschen Bank in Frankfurt/Main, der Hypobank und der Bayrischen Vereinsbank in München, der Dresdner Bank in Bonn fündig.

Und an zwei Orten in Baden-Württemberg, in Karlsruhe und Freiburg. Hier unterhielten zwei Hilfsorganisationen engen Kontakt zu Cengic – und versorgten ihn mit Geld. Das Amtsgericht Karlsruhe registrierte noch am 17. März 1995 – acht Monate vor dem Kriegsende in Bosnien – eine Filiale der weltweit operierenden Hilfsorganisation Muwafaq. Zahlreiche Dokumente und Gerichtsprotokolle beweisen: Sie schleuste von El Kaida rekrutierte Gotteskrieger zumeist über Frankfurt und Zagreb in das bosnische Kriegsgebiet, versorgte sie dort mit Waffen und Nachschub. So gelangten auch zwei Attentäter des 11. September, Nawaf al-Hazmi und Khalid al Mihdhar, als Mudschaheddin nach Bosnien.

In Freiburg unterhielt Cengic gute Beziehungen zu den Männern der Internationalen Humanitären Hilfsorganisation IHH e.V. Recherchen unserer Zeitung ergeben: Die im Islamischen Zentrum Freiburg in der Hugstetter Straße gegründete Organisation ist vielfach vernetzt. Der erste Vorsitzende der IHH, Abdurrahman Çigdem, war gleichzeitig Geschäftsführer des von der Islamischen Gesellschaft Milli Görüs betriebenen Selpa-Lebensmittelshandels GmbH in Köln. Milli Görüs wird bundesweit von Staatsschützern überwacht.

Ciftci: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen"

Die Freiburger IHH-Gruppe schleuste mehrere Männer als Kämpfer ins bosnische Kriegsgebiet: nach unserer Zeitung vorliegenden Unterlagen den wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilten Deutschen Aleem Nazir, den in Ulm lebenden Reda Seyam, der mit dem Terroranschlag in Bali im Jahr 2002 in Verbindung gebracht wird. Und Mohammed Seyfundin Ciftci aus Braunschweig, der nach Unterlagen der kroatischen Polizei vom Jahr 1993 an auf den kroatischen und bosnischen Schlachtfeldern unterwegs war. Die Nachrichtendienste aller drei am Krieg beteiligten Balkanländer beschuldigen ihn, Dschihadisten besonders nach Zentralbosnien geschleust, sie unterstützt und versorgt zu haben.

Heute nennt sich Mohammed Seyfundin Ciftci „Scheich Abou Anas“, versucht in sogenannten Islamseminaren in Moscheen und im Internet Menschen zum Islam zu bekehren. Und: Er hatte Kontakt zu allen muslimischen Terroristen, die seit Beginn der 2000er Jahre in Deutschland verurteilt wurden. Im Internet wirbt er unter anderem für seine regelmäßig stattfindenden Vorträge in Stuttgart-Zuffenhausen und in Pforzheim.

Dem Verein „Einladung zum Paradies“, dessen Verbot das Bundesinnenministerium in Berlin durchsetzen will, gehört er als geistlicher Berater an. Er wirbt auf einer Website für Pilgerfahrten nach Mekka – im November dieses Jahres will er eine solche Hadsch-Reise zusammen mit den Stars der deutschen Salafisten-Szene – Pierre Vogel, Sven Lau und Efstathios Tsiounis – antreten.

Ein Braunschweiger Gewerbegebiet, roter Klinker, zwei Garagen. Hinten in der Ecke das angebaute Wohnhaus. Ciftci geht humpelnd voran ins Wohnzimmer. Eine Kriegsverletzung aus Bosnien sagen die Nachrichtendienste auf dem Balkan. Ein Unfall, sagt Ciftci. Warum er Kontakt zu den Sauerland-Attentätern gehabt habe? „Ich bin Seelsorger. Da muss ich mich um alle kümmern, die zu mir kommen und den wahren Weg beschreiten wollen.“ Wie erklärt er sich, dass die Zünder für die Bomben der Sauerland-Attentäter von dem damals 14 Jahre alten Aladine T. im unmittelbaren Umfeld seiner Moschee übergeben wurden? „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wir haben dem Jungen sofort Hausverbot für unsere Moschee gegeben.“ Was er in Bosnien gemacht habe? „Humanitäre Hilfe geleistet.“

Geplante Ziele: Gaststätten, Pubs und Flughäfen

Die Sauerland-Attentäter hatten laut Bundesanwaltschaft geplant, Sprengstoffanschläge insbesondere gegen amerikanische Staatsbürger und US-amerikanische Einrichtungen mit einer möglichst hohen Opferzahl zu begehen. Mögliche Tatorte seien unter anderem Frankfurt am Main, Ramstein, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Stuttgart und München gewesen. Als Ziele habe die Gruppe Gaststätten, Pubs, Discotheken und Flughäfen in Betracht gezogen. Die Anschläge hätten vor der Entscheidung des Bundestages über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr am 12. Oktober 2007 stattfinden sollen. Das Trio war am 4. September 2007 in einer spektakulären Aktion im sauerländischen Medebach-Oberschledorn festgenommen worden.

Im Rausgehen wird Ciftci redselig. Er habe gute Kontakte in die Türkei. So gute, dass er von der türkischen Hilfsorganisation Insan Hak ve Hürriyetleri ve Insani Yardim Vakfi – IHH – gebeten worden sei, die „geistliche Begleitung der diesjährigen Gaza-Flottille zu übernehmen“. Er habe abgelehnt – weil er kein mutiger Mann sei und absehbar sei, „dass es da zu Gewalt kommt“.

Die türkische IHH? Recherchen unserer Zeitung ergeben, dass auch diese Hilfsorganisation während des Krieges in Bosnien aktiv war. Mit engen Kontakten zu den Brigaden der Gotteskrieger besonders im Raum Zenica. Ex-NSA-Mann John R. Schindler sagt: „Die waren auf der ganzen Bandbreite aktiv: Finanzierung, Rekrutierung, Bewaffnung, Nachschub.“

Besonders ein Mann fiel während des Krieges auf: Osman Atalay, der im vergangenen Jahr die Gaza-Flottille organisierte, die angeblich nur Hilfsgüter in den von Israel abgeriegelten Gaza-Streifen bringen wollte. Bei Durchbrechen der Seeblockade wurden neun Zivilisten getötet, eine unbekannte Anzahl Aktivisten sowie sieben israelische Soldaten verletzt. Videoaufnahmen einer Bordkamera eines Schiffes zeigen, wie sich einige Aktivisten mit selbst gebauten Zwillen, Stangen, Schutzwesten und Gasmasken auf die erwartete Enterung vorbereiten.

Ein Szenario, dass Mohammed Seyfundin Ciftci erspart blieb, aber neue Spuren liefert. Denn Ciftci hat auf dem Balkan eine Organisation gegründet, die für den besonders konservativen Islam, den Salafismus, missionieren will. Es ist eben jene „Einladung zum Paradies“. Mit von der Partie: sogenannte Gotteskrieger aus dem Bosnienkrieg, denen inzwischen zum Dank für ihre Verdienste die bosnische Staatsangehörigkeit verliehen wurde. Unterstützt von Veteranenverbänden, die aus Saudi-Arabien finanziert werden, auch vom Königshaus.

„Saudi-Arabien ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für die westliche Welt. In diesem Land regieren wahre Imperialisten. Sie wollen eine islamische Welt nach ihrem Vorbild, nach ihren Regeln. Und sie haben die Macht, es umzusetzen“, sagt NSA-Mann Schindler.

Über weitere Kontoauszüge, neue Zeugenaussagen führt die Spur des militanten Islamismus und seiner Geldströme von der saudischen Halbinsel über den Balkan nach Europa, nach Deutschland. Aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Heute und hier.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: