Nach dem Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt sind in Deutschland viele aufmerksamer und vorsichtiger geworden – das kann aber auch Probleme verursachen Foto: dpa

Wer Terrorverdächtiges beobachtet, muss sich an die Polizei wenden. Dabei sollte aber auch Vernunft walten, bevor großer Schaden entsteht.

Stuttgart - Der Fall einer Stuttgarter Schule zeigt, wie schnell so einiges kaputtgehen kann. An Vertrauen, an Unbekümmertheit. Zwei Jugendliche posieren auf einem Foto mit einer Geste, die allem Anschein nach ohne böse Absichten erfolgt ist, in der man aber, bei sehr großzügiger Auslegung, einen Hinweis auf IS-Terroristen vermuten könnte. Die Schule klärt den Vorfall auf, sieht sich aber dennoch mit der Polizei konfrontiert. Und muss jetzt all die Risse kitten, die in der Schulgemeinschaft entstanden sind.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der abstrakten und leider manchmal auch sehr konkreten islamistischen ­Terror-Bedrohung in Deutschland ist schwierig zu beantworten. Sicher ist es falsch, immer und überall Anschläge zu befürchten und sich im Haus einzuschließen. Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit kann aber sicher nicht schaden. Dazu gehört auch, der Polizei oder anderen beteiligten Institutionen Hinweise zu geben, wenn etwas verdächtig erscheint. Im Zweifel kann das Leben retten. Es ist aber angeraten, dabei Augenmaß walten zu lassen. Wenn wie im vorliegenden Fall die Schule die Sache klärt, scheint es unnötig, auch noch die Polizei einzuschalten. Das kann letztlich mehr kaputt machen als helfen.

Beruhigend wirkt allerdings, dass trotz der latenten Bedrohung extreme Reaktionen die Ausnahme bleiben. Die Menschen sind weiterhin auf die Weihnachtsmärkte gegangen. Sie feiern wie immer Fasching. Und sie zeigen nicht reihenweise bei der Polizei Unschuldige an, weil die Nervosität über die Vernunft siegt. Sippenhaft für alle Muslime scheint für viele keine angemessene Reaktion zu sein. Das ist, bei aller gebotenen Wachsamkeit, die gute Botschaft.

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juergen.bock@stuttgarter-nachrichten.de

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