Eine Bürgerwehr in Nigeria soll im Kampf gegen die erstarkenden Boko-Haram-Kämpfer helfen, nachdem diese immer öfter das Militär angreifen. Foto: AP

Die Islamisten der Terror-Miliz Boko Haram greifen immer öfter die Armee an. Einigen im Land kommt die neuerlich eskalierende Gewalt gerade recht.

Johannesburg - Der Mann schreit, wie nur ein wütender Nigerianer schreien kann. Mit seinem Handy filmend eilt der Soldat über ein staubiges Gelände, das er als Armeestützpunkt vorstellt: Verbrannte Hütten sind zu sehen, zerstörte Panzer, verstreute Kochutensilien, Patronenhülsen. „Mehr als hundert Soldaten sind hier gestorben“, schreit er. „Sie töten uns jeden Tag. Die Situation wird immer schlimmer.“

Es geht in dem Video um die Kämpfer der islamistischen Extremistengruppe Boko Haram. Sie werden von Nigerias Präsident Muhammadu Buhari schon seit Jahren als „gänzlich geschlagen“ bezeichnet. Doch das ist entweder ein frommer Wunsch oder eine glatte Lüge, wie sich in jüngster Zeit immer deutlicher herausstellt.

Präsident ist „schockiert“

Denn insgesamt 17 Mal haben die Extremisten in den vergangenen vier Monaten Militäreinrichtungen angegriffen. Die jüngste Attacke galt dem in dem Video festgehaltenen Camp Metele im äußersten Nordosten des Landes, bei dem Mitte November mindestens 40, vielleicht auch über 100 Soldaten getötet wurden.

Die Militärführung verlor zunächst kein Wort über den Vorfall. Erst, als das Video die Runde machte, wurde der Überfall bestätigt. Außerdem sah sich Präsident Buhari genötigt, Metele zu besuchen: Er sei „schwer schockiert“, ließ der einstige General wissen.  

Der anonyme Autor des Videos bringt auch jede Menge schrottreifes Militärgerät ins Bild: „Das Zeug ist nutzlos“, schimpft er, „sie haben es nur pro forma hierhergebracht.“ Dass sie unter schlechtesten Bedingungen bis zur Erschöpfung kämpfen müssen, beklagen die Soldaten seit Jahren. Immer wieder kam es zu Meutereien, Soldaten desertierten.

Die Islamisten sind gespalten

Buhari wechselte seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren bereits viermal die Militärführung aus – genutzt hat das offenbar nichts. Vor wenigen Tagen meldete sich der südafrikanische Chef einer Söldnertruppe zu Wort, die Buharis Vorgänger Goodluck Jonathan kurz vor der letzten Wahl engagiert hatte, um seine Chancen zu erhöhen. Er erhalte fast täglich Hilferufe von Soldaten, die seine Rückkehr wünschten, behauptet Eeben Barlow auf Facebook: „Sie sind völlig demoralisiert.“

Dem Chef der „Specialized Tasks, Training, Equipment and Protection“ genannten Privatarmee wird nachgesagt, die Extremisten so effektiv wie keiner zuvor bekämpft zu haben. Seine Söldner sollen die Boko-Haram-Kämpfer auf ein kleines Gebiet zusammengetrieben haben. Als Buhari die Wahlen gewann, kündigte er den Vertrag mit Barlows Truppe. Nigerias Militär werde mit dem Problem alleine fertig, hieß es.

  Indessen kam es in den vergangenen zwei Jahren bei den Extremisten zu folgenreichen Veränderungen. Ende 2016 spalteten sich die Boko-Haram-Milizionäre auf: in einen Flügel, der dem bisherigen Chef Abubakar Shekau loyal geblieben war, und den „Islamischen Staat in Westafrika“, der von Abu Musab al-Barnawi angeführt wird, nachdem dessen Vorgänger Mamman Nur von den eigenen Leuten umgebracht wurde.

Die Gewalt nutzt im Wahlkampf

Anders als Shekau – der sich auf Selbstmordattentate konzentriert, zu denen auch zehnjährige Mädchen gezwungen werden – sucht Al-Barnawi die Konfrontation mit den Streitkräften: Auf sein Konto sollen die 17 Angriffe auf das Militär gehen.

Die jüngste Eskalation des fast zehnjährigen Konflikts, der bereits über 27 000 Nigerianer das Leben und 1,8 Millionen ihr Zuhause kostete, kommt nicht allen ungelegen. Für Februar sind in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas Wahlen anberaumt: Die Tatsache, dass Präsident Buhari mit dem Extremistenproblem nicht fertig wird, stärkt die oppositionelle People’s Democratic Party und deren Kandidaten Atiku Abubakar.

Buhari wirft seinem Kontrahenten das Ausschlachten einer nationalen Tragödie für den Stimmenfang vor. Genau dasselbe hatte der Ex-General vor vier Jahren allerdings auch getan.

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