Islamist Harry M. posiert Anfang 2011 in Hamburg in einem Park Foto: dapd

Harry M. hat mit brutalen Videos im Internet Nachschub für den Heiligen Krieg rekrutiert.

Schleswig - Harry M. sagt, was er denkt. Selbst wenn ihn das in Bedrängnis bringt. Wie vor dem Oberlandesgericht in Schleswig. Da erzählte der junge Mann den Rich­tern des 1. Strafsenats: „Der Dschihad ist dafür da, die Ungläubigen zu bekämpfen.“ Deutsche hätte er gerne bekämpft, in Afghanistan. Und die Morde des Frankfurter Flughafen-Attentäters Arid U., die fand er „auch sehr gut“. Die Richter sind erstaunt. Angeklagte versuchen eher, ihre Schuld herunterzuspielen, Reue zu heucheln. Harry M. ist anders.

In 200 Texten und Videos habe er in den vergangenen beiden Jahren islamistische und dschihadistische Propaganda im Internet verbreitet, wirft ihm die Bundesanwaltschaft vor. In einem Streifen wird die brutale Hinrichtung irakischer Polizisten gezeigt. Harry M. schrieb darunter: „Es ist schön zu sehen, wie die Kuffar alle Stück für Stück vernichtet werden.“

Kuffar, Ungläubige, ist ein innig geliebter Begriff für den gerade 20 Jahre alt geworden Computerexperten. Bis heute verschickt er offenbar aus dem Gefängnis Briefe und Botschaften, in dem er Nichtmuslime beschimpft, beleidigt, bedroht: „Die Kuffar haben vergessen, mit wem sie sich anlegen. Die legen sich nicht mit einer Organisation an, sondern mit Allah.“

„Der ist naiv“

Und in dessen Auftrag ist Harry M. unterwegs, der sich auf der von ihm betriebenen Website der Islamischen Hacker-Union den Namen Isa al-Khattab gab. Die Polizei hat die Seite inzwischen gesperrt. Elf Filmchen haben die Ermittler gezählt, die der Islamist in Internet stellte, um Mitglieder und Unterstützer für die Terrorgruppen Islamische Bewegung Usbekistan und Islamischer Staat Irak zu rekrutieren. Al-Khattab, wie auch Umar hieß, der enge Weggefährte des Propheten Mohammed. Oder Ibn, der 2002 in Tschetschenien gefallene, legendären Kommandeur der Mudschaheddin.

So gewieft und mutig wie seine Vorbilder ist Harry M. nicht. Auch nicht annähernd. Einen unreifen Eindruck macht der Schulabbrecher auf Joachim Hagen, der als Terrorismus-Experte für den ARD-Hörfunk den Prozess beobachtet: „Der ist naiv.“ 16 Jahre war der Pinneberger alt, als ihn sein Schwager mit in die Hamburger Taiba-Moschee schleppte, in der auch schon 9/11-Terrorpilot Mohammed Atta betete. M. konvertierte und bekannte sich fortan zum Salafismus, einer besonders fundamentalen Auslegung des Islam. Starprediger der Szene wie Pierre Vogel und Ibrahim Abou-Nagie habe er persönlich kennengelernt. Genau die Männer, die gerne über das islamische Recht Scharia, über Hände- und Kopfabhacken vor Massen begeisterter junger Menschen schwadronieren.

Respektspersonen, die Isa al-Khattab gaben, wonach er ein kurzes Leben lang suchte: klare Aussagen, Orientierung, Werte. Aus dem Gefängnis heraus forderte er jüngst, jeder Muslim müsse „seinen Besitz, seine Kraft und sein Leben für diese Religion geben“.

Harry M. sei nicht klar, „in welcher Bredouille er steckt“, glaubt Reporter Hagen. Fünf Jahre Haft drohen dem geständigen Salafisten. Ein Strafmaß, das die Richter angesichts der andauernden Hasstiraden Mitte März nach sechs Verhandlungstagen ausschöpfen dürften. Auf der Empfängerseite des Internets weiß niemand, ob der Absender naiv, unreif und einfach nur blöd ist. Da kommen nur Botschaften und Aufforderungen an. Wie die, die Harry M. aus der Untersuchungshaft virtuell verbreiten ließ: „Subhan’ Allah, gepriesen sei Gott, was für eine Angst werden“ die Ungläubigen „haben, wenn der Todesengel sie einholt“.

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