Islamische Rituale Statt im Sarg nur im Leichentuch zur ewigen Ruhe

Von Eva Funke 

Das muslimische Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof in Bad Cannstatt ist durch den Halbmond auf einem Grabstein schnell zu erkennen. Foto: Lleif Piechowski
Das muslimische Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof in Bad Cannstatt ist durch den Halbmond auf einem Grabstein schnell zu erkennen. Foto: Lleif Piechowski

Muslime wollen nach islamischem Ritual Abschied nehmen – Bestatter fürchten Einbußen bei Sargverkauf.

Stuttgart - Rund 90 Prozent der Stuttgarter Muslime lassen sich nach ihrem Tod in der Heimat begraben. Islamexperten sind überzeugt, dass diese Zahl rapide sinken würde, wenn hier islamische Bestattungsrituale erlaubt wären. Die zuständige Landesregierung plant nun einen Vorstoß in diese Richtung.

Viele ältere Muslime bezahlen bei ihrem islamischen Verband insgesamt 50 Euro pro Jahr für sich und ihre Familie in eine Sterbegeldversicherung. Dafür übernimmt der Verein nach dem Tod der Familienmitglieder deren Rückführung in die Heimat, kümmert sich um die Formalitäten, die mit der Beerdigung in heimischer Erde verbunden sind und transportiert den Leichnam zum Friedhof selbst des entlegensten Dorfes. „Aus Verbundenheit zur Heimat, aber auch aus Kostengründen lassen sich viele Muslime in ihren Herkunftsländern bestatten“, sagt der muslimische Bestatter Eyup Ilgün. So kostet die Überführung und Beisetzung in die Türkei laut Ilgün 1500 bis 2100 Euro. In Stuttgart ist man schnell bei mehr als dem Doppelten – ohne die Kosten fürs Grabnutzungsrecht.

Yavuz Kaznac, Vorsitzender der Stuttgarter Gemeinde des Verbands islamischer Kulturzentren, will dennoch „auf jeden Fall“ in der Landeshauptstadt beerdigt werden – allerdings nach islamischem Ritual. Das sieht vor, dass sein Leichnam nur in ein Leintuch gehüllt vor dem nächsten Sonnenuntergang ins Grab gelegt wird. Außerdem soll die letzte Ruhestätte in alle Ewigkeit bestehen bleiben.

Im Südwesten besteht Sargpflicht

Doch noch müssen die rund 600.000 Muslime in Baden-Württemberg, von denen rund 60.000 in der Landeshauptstadt leben, Abstriche bei der Bestattung hinnehmen. Denn in Baden-Württemberg besteht Sargpflicht. Außerdem muss nach dem Ableben eine Wartezeit von 48 Stunden bis zur Bestattung eingehalten werden. Und auf den Friedhöfen der Gemeinden ist die Nutzung der Reihengräber nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern auf 15 bis 20 Jahre beschränkt.

Eigene muslimische Friedhöfe wie sie sich Kaznac wünscht, gibt es nicht. „Solange der Islam mit Ausnahme der Aleviten in Deutschland nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, können Muslime keine eigenen Friedhöfe einrichten“, stellt Stuttgarts Integrationsbeauftragter Gari Pavkovic fest.

Auf dem Hauptfriedhof im Steinhaldenfeld in Bad Cannstatt ist für Muslime aber immerhin seit 1986 ein kleines Gräberfeld mit rund 700 Grabstätten reserviert. Pro Jahr werden dort etwa 35 Muslime nach Ablauf der Wartezeit beerdigt. Die Sargpflicht wurde vor zwei Jahren insoweit gelockert, dass der Sarg offen sein und der Deckel daneben gestellt werden kann. „Ohne Sarg geht es aufgrund hygienischer Vorsichtsmaßnahmen bisher nicht“, stellt Harald Aust vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt fest.

Lesen Sie jetzt