Ein Junge liest im Religionsunterricht in einem Buch über den Islam - das könnte bald an mehr Schulen Realität werden Foto: dpa

Wie lässt sich die Radikalisierung junger Muslime verhindern? Mit islamischem Religionsunterricht will die Landesregierung gegen den „religiösen Analphabetismus“ vorgehen. Doch dabei sind noch einige Hürden zu überwinden.

Stuttgart - Viele Hände schnellen in die Höhe. Auf die Frage ihrer Lehrerin, was zum Höflichsein gehöre, fällt den Mädchen und Jungen eine Menge ein: Spenden, sich die Hand geben, zuhören, andere ausreden lassen, trösten, die Tür aufhalten und noch einiges mehr zählen sie auf.

Im Islamunterricht an der Stuttgarter Schwabschule sprechen die Viertklässler über den Friedensgruß, mit dem sich viele Muslime begrüßen: „Salam aleikum – Aleikum salam“, „Gottes Friede sei mit dir – Gottes Friede sei auch mit dir“. Und darüber, wie ein friedliches Miteinander möglich ist. Dass dabei Höflichkeit eine wichtige Rolle spielt, habe schon der Prophet Mohammed betont, lernen die Schüler. Diese Botschaft sollen sie auch in ihren Alltag mitnehmen.

Seit dem Schuljahr 2006/07 gibt es in Baden-Württemberg islamischen Religionsunterricht – allerdings nur als Modellprojekt und in sehr überschaubarem Umfang. Im vergangenen Jahr boten im Südwesten gerade einmal 31 der rund 4000 Schulen das Fach an – für etwa 2000 der schätzungsweise 70 000 muslimischen Schüler; im laufenden Schuljahr sind es eine Handvoll Schulen mehr.

Doch jetzt will die Landesregierung aufs Tempo drücken. Bis zum Schuljahr 2017/18 hat sie das Modellprojekt verlängert, pro Jahr sollen bis zu 20 neue Schulen dazukommen, vermehrt Realschulen und erstmals auch Gymnasien. Angesichts von immer mehr jungen Islamisten aus Deutschland, die zum Kämpfen nach Syrien oder in den Irak ziehen, hoffen Politiker auf die positive Wirkung von ­Islamunterricht.

Dieser biete jungen ­Muslimen „eine Möglichkeit, sich mit ihrer Religion fundiert und konstruktiv auseinanderzusetzen“, schrieb Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) vor wenigen Tagen an die Schulleitungen im Land. Er appellierte an sie, religiöser Radikalisierung vorzubeugen beziehungsweise entgegenzuwirken.

Die Schwabschule gehört beim islamischen Religionsunterricht zu den Pionieren. Ihre Vorgängerin und das Kollegium hätten sich von Anfang an für das Projekt starkgemacht, weil sie wollten, dass die muslimischen Kinder wie ihre evangelischen und katholischen Mitschüler mehr über ihre Religion erfahren, sagt Schulleiterin Jana Bergemann.

Etwa ein Viertel der 320 Schüler sind Muslime, ihre Familien stammen aus dem Kosovo, der Türkei, Algerien, Pakistan und vielen anderen Ländern. Drei Viertel von ihnen besuchen den islamischen Religionsunterricht, der in deutscher Sprache erteilt wird. Das Verständnis der Schüler für die eigene, aber auch für andere Religionen wachse. Bei Schülern und Eltern komme das Fach gut an, so Bergemann.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie der Pädagogischen Hochschule (PH) in Karlsruhe. Bei einer Umfrage an 20 Modellschulen in Baden-Württemberg äußerten sich muslimische Schüler, Eltern und Lehrer überwiegend positiv zu dem Fach, viele sähen darin eine Wertschätzung ihrer Religion, sagt Jörg Imran Schröter, Lehr­beauftragter an der PH Karlsruhe. „Die ­muslimischen Kinder und Jugendlichen fühlen sich nicht mehr ausgegrenzt, wenn ihre christlichen Mitschüler im Religionsunterricht sitzen.“ Fast alle wünschten sich, dass das Projekt ausgebaut werde.

Mehr ausgebildete Lehrer als Stellen

Das hoffen auch einige der Lehrer, die in den vergangenen Jahren an den Pädagogischen Hochschulen in Ludwigsburg, Karlsruhe, Weingarten und Freiburg ein Erweiterungsstudium absolviert haben, um das Fach unterrichten zu können, bisher aber kein entsprechendes Angebot erhielten. Die Landesregierung hat den zögerlichen Ausbau unter anderem damit begründet, dass es an qualifizierten Lehrern fehle.

Dieses Argument überzeugt allerdings nicht alle. Die Zahl der Absolventen liege deutlich über der der eingesetzten Lehrer. Im laufenden Wintersemester sind nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums 92 Studenten in den Erweiterungsstudiengängen Islamische Theologie/Religionspädagogik eingeschrieben, sogar mehr als 100 waren es in den beiden Jahren zuvor. In den Schulen eingesetzt sind nach Auskunft des Kultusministeriums derzeit aber nur 45 ­Islamlehrer.

Vorwürfe aus muslimischen Verbänden, die Politik habe gar kein echtes Interesse, das Fach regulär einzuführen, weisen die Ministerien zurück. Das Land habe in die Lehrerausbildung eine Million Euro investiert, heißt es im Wissenschaftsministerium.

Im Kultusministerium weist man auf die schwierigen Voraussetzungen hin. Anders als etwa bei Christen oder Juden fehle bei den Muslimen ein institutioneller Ansprechpartner. Auch nach einer über 15 Jahre dauernden Debatte ist diese Frage noch nicht gelöst. Nach dem Gesetz sind für den Religionsunterricht die jeweiligen Glaubensgemeinschaften verantwortlich, für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht sind das die Kirchen. Sie erstellen den Bildungsplan und beauftragen Religionslehrer. Im Islam hingegen gibt es keine entsprechende Struktur, die verschiedenen religiösen und nationalen Strömungen müssten sich einigen.

Wie schwierig das ist, zeigte sich schon früh – jahrelang stritten sich muslimische Verbände darüber, was im Religionsunterricht vermittelt werden sollte. Deshalb entschied sich die frühere CDU-FDP-Regierung 2006 schließlich für einen Modellversuch. Einen solchen Ansprechpartner werde es auch in Zukunft nicht geben, ist Schröter überzeugt. Die Einstellungen und Interessen etwa der bosnischen Muslime, der türkischen Ditib und anderer Organisationen lägen weit auseinander.

Statt auf ihre Vorstellungen zu pochen, sollten sie Dachorganisation gründen, im Gegenzug solle die Landesregierung einer solchen Regelung zustimmen, fordert er. Andere Bundesländer seien in dieser Frage beweglicher. So hat etwa Niedersachsen einen Beirat gegründet, dem die muslimischen Verbände angehören. Damit ist die Frage des Ansprechpartners gelöst, an den Schulen kann regulärer Islamunterricht stattfinden.

Der Arbeit der islamischen Religionslehrer käme das entgegen. Ein Teil von ihnen unterrichtet derzeit noch an mehreren Schulen. Auch die Islamlehrerin an der Schwabschule hat diese Erfahrung gemacht. Dort gab sie Religionsunterricht, an einer anderen Schule Deutsch und Englisch. Seit sie nur noch an der Schwabschule arbeitet, sind die Beziehungen zu den Schülern und Kollegen enger geworden. Mit den katholischen und evangelischen Religionslehrerinnen arbeitet sie regelmäßig zusammen.

Das wirkt sich auch positiv auf das Schulklima aus. Den Weihnachtsgottesdienst etwa besuchen auch viele muslimische Kinder, manche singen im Chor mit. Und wenn die Muslime ihre Feiertage haben, nimmt die Schule darauf Rücksicht. Im vergangenen Jahr etwa sollte nach dem Ende des Ramadan ein Schulfest stattfinden.

Gerade noch rechtzeitig stellten die Planer fest, dass die Muslime dann ihr Zuckerfest feiern – und verlegten den Termin, damit alle kommen konnten. „Wir feiern am zweiten Weihnachtstag ja auch mit der Familie“, sagt Bergemann. Auch eine Form des Höflichseins.

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