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Der Streit um den Bau von Minaretten wirft die Frage auf, welche Bedeutung man diesen Türmen allgemein zumisst. Verkörpern sie tatsächlich das weltliche Machtstreben des Islam?

Der Streit um den Bau von Minaretten in der Schweiz wirft die Frage auf, welche Bedeutung man diesen schlanken Türmen allgemein zumisst. Verkörpern sie tatsächlich das weltliche Machtstreben des Islam?

Kein Archetypus in der Baugeschichte ist so aus tiefstem Herzen bewundert oder gehasst, so intensiv interpretiert, beurteilt, verurteilt worden wie der Turm. Die höchsten Bauwerke der Menschheit erreichen bald die Kilometermarke, aber noch immer kann man keinen Turm oder kein Hochhaus bauen, das ein ganz normales Bauwerk wäre, ohne besonderen Anspruch und ohne besondere Bedeutung.

Am einfachsten ist es noch bei Feuerwehrtürmen. Darin werden die Schläuche zum Trocknen aufgehängt, das leuchtet jedermann ein. Auch Aussichtstürme haben ihre unverdächtige Funktion. Aber schon die Hochhäuser in unseren Städten? Warum will ein Gaskonzern in St. Petersburg die weltberühmte klassizistische Stadtsilhouette mit einem Wolkenkratzer malträtieren? Wozu ein Hochhaus in Davos, wo man dreihundert Meter entfernt auf gleicher Höhe zu ebener Erde bauen könnte? Wozu in Dubai ein 818-Meter-Turmhaus, wo es Platz im Überfluss gäbe, in menschlichen Maßstäben zu bauen? Den Beweggrund "Streben nach Aufmerksamkeit" zu nennen ist wohl purer Euphemismus.

Das "Erhebe dich über deinen Nächsten" war immer attraktiver als das Bedürfnis, sich ihm zu Füßen zu legen, und so wird der Mythos Turmhaus wohl immer gefeiert werden. Von den Zikkurats der Sumerer über die mittelalterlichen Kathedralen, die Belfriede in Flandern und die toskanischen Geschlechtertürme, den Eiffelturm bis hin zu den modernen Wolkenkratzern ist der Nutzen himmelstürmender Bauwerke immer auch, mal weniger, mal mehr, mal weitgehend, mit der Selbstdarstellung Einzelner oder der Gemeinwesen verbunden worden. Nicht selten werden in hoch aufgerichteten Türmen Phallussymbole gesehen, die dann keineswegs als Fruchtbarkeitssymbole verstanden werden, sondern in die ein Machtanspruch hineininterpretiert wird. Nur schmucklose Sendemasten sind von dieser Menschheitsobsession gänzlich frei, aber schon die Fernsehtürme in unseren Städten sind nicht nur zum Senden da.

Und die Minarette? Stehen sie für das weltliche Machtstreben des Islam, wie die Minarettgegner es wahrhaben wollen? Ein Blick in die Baugeschichte ist lehrreich. Die ältesten Moscheen hatten kein Minarett. Überraschenderweise haben die Minarette christliche Kirchtürme zum Vorbild und entstanden erstmals im frühen 8. Jahrhundert in Syrien. Der Name leitet sich vom arabischen manãra ab, was "Signalturm" bedeutet, also keineswegs eine symbolische, sondern eine rein funktionale Bedeutung beschreibt. Denn wie die Kirchtürme mit ihren Glocken das Signal zum Kirchgang gaben und noch heute tun, rief von der Höhe des Minaretts der Muezzin zum Gebet (und tut dies heute per Lautsprecher vom Band).

Minarette sollen keinen Machtanspruch verdeutlichen

Die weitere Entwicklung macht deutlich, dass das Minarett, und dies durchaus im Unterschied zum Kirchturm, nicht einen Machtanspruch verdeutlichen sollte und keine demonstrative Geste darstellt. Denn Minarette blieben schlank und bescheiden. Ihre schlanke Form mit Raketen gleichzusetzen, wie auf Plakaten in der Schweiz zu sehen, ist nicht semantische Deutung, sondern unverhohlene Demagogie. Ihr einziger Zweck war, den Muezzin in die Höhe zu bringen, auf dass seine Stimme so weit wie möglich trage. Höhenstreben ist bei Minaretten jedoch die absolute Ausnahme. Casablanca besitzt das welthöchste mit 210 Metern, König Hassan II. ließ die nach ihm benannte Moschee zum eigenen Ruhm errichten; in Algier soll eines mit 214 Metern entstehen, was in diesem Fall offensichtlich doch Konkurrenzdenken entsprungen scheint. Von den ansonsten in Superlativen badenden Potentaten der Golfregion ist derlei nicht bekannt; sie bauen zwar prächtige Häuser zum Lob Gottes, Macht und Herrlichkeit pflegen sie jedoch mit Wolkenkratzern, Museen und Flughäfen zu demonstrieren.

Bei christlichen Kirchen indes diente der Turm oft genug dazu, den Reichtum der Bürgerstadt, die Macht des Bischofs oder die Vorherrschaft der Kirche zu demonstrieren. Die Türme wuchsen in schwindelerregende Höhen und in machtvolle Breite. Und, wer wollte es leugnen, wer das größte Geläut besitzt, macht am meisten Eindruck,

Erst um das Jahr 1000 wurde das Minarett auch als architektonisches Element entdeckt und als Akzent in der Baugestaltung der Moscheen eingesetzt, dann auch zwei oder vier an einem Bau, in Einzelfällen wie der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul sechs oder in Mekka neun. Aber auch dann blieb es elegant und schlank, je schlanker, je lieber.

Naturgemäß wurde das Minarett im Lauf der Jahrhunderte und mehr noch als die Kuppel zum signifikanten Zeichen für Moschee. Als die Osmanen 1453 Konstantinopel erobert hatten, machten sie die Hauptkirche, die ab 532 errichtete byzantinische Hagia Sophia, zur Moschee. Insignien, Glocken, Bildwerke, alle christliche Ikonografien wurden eliminiert. Vor allem aber wurde der Kuppelbau mit vier beigestellten Minaretten ausgestattet. Erst dann war der Bau für jedermann als Moschee erkennbar.

Wenn Muslime heute in Mitteleuropa Minarette errichten wollen, dann in aller Regel mit dem berechtigten Anliegen, ihrem Gotteshaus die Insigne der Moschee beizugeben. Mit dem schlanken Turm wollen sie den Zeigefinger heben: "Hier sind wir" - und nicht die Faust recken. Grund zur Beunruhigung ist das sicher nicht, schon gar nicht für die Hüter des christlichen Abendlands, zu dessen höchsten Werten die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen gehört.

Unser Autor Falk Jaeger ist Architekturkritiker und Architekturtheoretiker. Im Jahr 2000 Professor an der Technischen Universität Dresden, lehrt er aktuell an verschiedenen Hochschulen in Deutschland.

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