Einer der Initiatoren der neuen „Initiative für einen säkularen Islam“: Cem Özdemir Foto: dpa

Cem Özdemir gründet mit prominenten liberalen Muslimen eine neue „Initiative säkularer Islam“. Diese sieht sich als Stimme der modernen Muslime in Deutschland und übt an den konservativen Islamverbänden deutliche Kritik.

Stuttgart - Viele Muslime in Deutschland sind weit weniger religiös konservativ und traditionell eingestellt, als es den Anschein hat. Der Grund: Konservative Islamverbände beherrschen die öffentliche Debatte – vom Kopftuch bis zum Islamismus. Doch dies will eine neue „Initiative säkularer Islam“ jetzt ändern.

Zahlreiche führende liberale Muslime in Deutschland, darunter die Anwältin Seyran Ates, der Politologe Hamed Abdel-Samad oder die Soziologin Necla Kelek, haben sich in einem bundesweiten Netzwerk zusammengetan, um den modernen, aufgeklärten Islam sichtbarer zu machen. „Ich wünsche mir einen modernen, aufgeklärten Islam“, sagte der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir (Grüne) unserer Zeitung. Er wandte sich gegen das „totalitäre Religionsverständnis“ der konservativen Islamverbände: „Religion sollte nicht die Steinzeit ins Jetzt holen.“ Die Gruppe will überparteilich auftreten: Neben Özdemir zählt auch der CDU-Politiker Ali Ertan Toprak aus Nordrhein-Westfalen und die Ex-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) zu den Initiatoren.

„Wir wollen uns nicht abfinden mit der wachsenden Macht eines demokratiefernen, politisierten Islams, der die Deutungshoheit über den gesamten Islam beansprucht. Die Muslime sind selbst in der Pflicht, den Bedenken der nichtmuslimischen Bevölkerung entgegenzuwirken, nämlich durch die Entwicklung eines Islams, der mit den Menschenrechten voll umfänglich vereinbar ist“, heißt es im Gründungspapier.

Von konservativen Verbänden eingeschüchtert

Dazu zählen die Initiatoren die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Anerkennung von Kinderrechten und die Akzeptanz von Homosexuellen. „Das ist unserer Ansicht nach der beste Schutz vor Islamfeindlichkeit“, heißt es in dem Papier weiter. Das Problem: Bisher sahen viele moderne Muslime in Deutschland wenig Notwendigkeit, sich zu organisieren, betrachteten Religion als ihre Privatangelegenheit, oder fühlten sich von den konservativen Islamverbänden eingeschüchtert – und überließen diesen so das Feld.

Ganz neu ist der Versuch nicht, liberale Muslime zu organisieren, um ihnen mehr Gehör zu verschaffen: Schon 2015 gründeten prominente liberale Muslime, darunter einige, die auch die neue Initiative unterstützen, das „Muslimische Forum Deutschland e.V.“. „Das hat sich aber nicht weiter entwickelt.“ Und anders als früher wolle man nun nicht nur publizieren und in Talkshows auftreten, sondern auch breitere Bevölkerungsgruppen ansprechen, erklärt der Sprecher der Initiative, Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland.

Großen Wert legt die Muslim-Initiative auf ihren säkularen Anspruch: „Die weitgehende Trennung von Staat und Religion ist uns existenziell wichtig“, so Toprak weiter, „nur so kann es ein friedliches Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft geben. Das Problem hier: In islamischen Ländern gibt es diese Trennung nicht. Deshalb kennen sie auch die in Deutschland agierenden Islamverbände nicht, die oft von ausländischen Regierungen und Organisationen unterstützt werden. In Abgrenzung dazu wollen die liberalen Muslime einen „zeitgemäßen deutschen Islam“. „Wir leben in Deutschland“, betont Toprak .

CDU-Politikerin Akpinar kritisiert bisherige „Gutmenschenpolitik“

Für Skeptiker lautet die große Frage: Ist diese blutjunge liberale Initiative der Auseinandersetzung mit den großen Islamverbänden überhaupt gewachsen? Diese sitzen in vielen Gremien, haben Fürsprecher in Parteien und Kirchen. „Säkulare Muslime haben es jetzt selbst in der Hand, mehr daraus zu machen“, appelliert Toprak. Er hofft auf 100 weitere Unterstützer bis zum Jahresende. Für 2019 ist eine Tour durch deutsche Städte geplant, für Werkstattgespräche über einen zeitgemäßen Islam. Dann könnte aus der Initiative auch ein Verband werden und ein geeigneter Ansprechpartner, den sich die deutsche Politik seit langem wünscht.

Der Zeitpunkt des Schritts an die Öffentlichkeit ist wohl gesetzt: Für kommende Woche ist die vierte Deutschen Islamkonferenz geplant, für die der verantwortliche Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) einen Neustart versprochen hat – zum Dialog nicht nur mit den Islamverbänden, sondern auch mit nicht organisierten Muslimen. Die neue Initiative nimmt teil.

Birgül Akpinar, im CDU-Landesvorstand Baden-Württemberg für Integration zuständig, begrüßt den neuen Vorstoß: „Diese Initiative muss die Unterstützung der Politik erfahren, die sich leider durch ihre Gutmenschenpolitik heillos in einer Sackgasse verrannt hat.“ Die bisherige falsch verstandene Toleranz fördere letztlich nur die Extreme und nicht die gemäßigte Mehrheit der hier lebenden Muslime. Akpinar fordert, „die Einstellung zu den Verbänden grundlegend in Frage zu stellen, bis hin zur Gemeinnützigkeit“. Denn: „Welcher Gemeinde und welcher Gesellschaft nützen sie“, fragt die CDU-Politikerin rhetorisch.

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