Die Zentralmoschee der Ditib in Köln Foto: dpa

Islamkritik steht rasch im Verdacht, eine ganze Religion abzuwerten. Falsch, meint eine neue Studie der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW). Die Denkfabrik nimmt den Dialog der Kirchen mit den Islamverbänden kritisch unter die Lupe.

Stuttgart - Demokratische Islamkritiker sehen sich in Deutschland schnell dem Vorwurf ausgesetzt, Rechtsextremen bloß die Argumente zu liefern. Eine besondere Rolle spielen dabei die christlichen Kirchen. Dort ist die Sorge groß, durch eine zu offene Auseinandersetzung mit den Repräsentanten des organisierten Islam, eine ganze Religion abzuwerten, Muslime zu stigmatisieren. Zudem fürchten christliche Kreise, eine konsequent säkulare Haltung gegenüber den konservativen Islamverbänden könnte auch die Privilegien der Kirchen infrage stellen.

 

Umso bemerkenswerter ist es, dass Kritik an der bisherigen Praxis des Islamdialogs nun auch aus den Reihen der Kirche selbst kommt – von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungen (EZW), der Denkfabrik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). So konstatiert eine neue EZW-Studie, die unserer Zeitung vorliegt, der interreligiöse Dialog, der Austausch zwischen den christlichen Kirchen und dem organisierten Islam, stecke in eine tiefen Krise: „Die zunehmende Entfremdung zwischen vormaligen Dialogpartnern ist nicht zu übersehen.“ Als Hauptgründe dafür nennt die Untersuchung die Haltung der orthodox-konservativen Islamverbände und die fortgesetzte Einflussnahme der islamisch-nationalistisch türkischen Regierung auf die in Deutschland lebenden Türken.

Mit Blick auf die Türkei spricht die EZW von einem „neo-osmanischen Paradigmenwechsel“ unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan und sieht eine „offen positive Haltung gegenüber islamistischen Bewegungen“ von der palästinensischen Hamas bis zu den Muslimbrüdern. In der Türkei werde eine neue, antiwestliche Republik aufgebaut. Kein Wunder, dass dies Folgen für die türkisch dominierten islamischen Verbände in Deutschland hat. Die Spionagevorwürfe gegen den größten Verband, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) liefern nur den augenfälligsten Beleg.

Kritik ernst nehmen

Auch bei den übrigen Islamverbänden ist die Liste problematischer Inhalte und Verhaltensweisen lang: Mit Ditib seit 2007 im Koordinationsrat (KRM) zusammengeschlossen: der Islamrat (IRD) wird von Milli Görüs dominiert, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird; der für seine erzkonservative Pädagogik umstrittene Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und der Zentralrat der Muslime (ZMD), der Muslimbrüder und die türkischen Rechtsnationalisten von Atib in seinen Reihen hat. Die Muslimbrüder werden ebenfalls von Verfassungsschützern beobachtet.

Bei den Organisationen, deren Struktur und politischen Verflechtungen die EZW-Studie analysiert, beklagt Friedmann Eißler, der Autor, eine mangelnde „innere Akzeptanz der demokratischen Verfassung“. Zudem kritisiert er die Abschottungstendenzen: „Anstatt Integration wird unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit oder anderer demokratischer Freiheitsrechte die Distanz zur Mehrheitsgesellschaft gepflegt.“ Scharianormen würden nicht im Kontext der deutschen Gesellschaft interpretiert, sondern als unveränderlich bewahrt.

Daher müsse man Kritik an den Vertretern des orthodoxen Islam ernst nehmen, dürfe sie nicht gleich in die rechte Ecke stecken. „Wasser auf die Mühlen der Rechten ist es, wenn die notwendigen Debatten nicht geführt werden“, so Eißler. Als Beispiele für problematische Einstellungen der Verbände nennt er die mangelnde Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder die Diskriminierung von Frauen. Er verweist darauf, dass die innerislamische Debatte schon weiter sei. Viele Muslime, die gut integriert seien, stellten sich den Konservativen entgegen. Und: Die Verbände, so die Studie, vertreten nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime – etwa 20 Prozent.

Zuspruch liberaler Muslime

Eißler plädiert nicht für ein Ende des Dialogs. Er will aber künftig „kritische Aspekte nicht ausblenden“, sondern offen ansprechen: „Wir brauchen Brücken gerade auch in konservative islamische Milieus.“ Jedoch ohne Rechtebonus: „Die Anerkennung und positive Identifikation mit der säkularen Ordnung Deutschlands ist Grundvoraussetzung für ein gelingendes Miteinander.“