Alte und neue Moschee: In Stuttgart-Feuerbach plant der türkische Ditib-Verband einen Neubau. Foto: dpa

Die Landesregierung geht von mehr als 800.000 Menschen muslimischer Herkunft aus. Das sind deutlich mehr als noch vor Jahren erwartet.

Stuttgart - Die Frage, wie viele Muslime in Baden-Württemberg leben, ist politisch brisant. Für viele Menschen enzündet sich daran der Unmut über die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Doch diese simple Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Die Statistiker von Land und Bund winken schnell ab: eine genaue amtliche Statistik existiert nicht. Nur Schätzungen gibt es, Hochrechnungen und Umfragen.

Und weil diese Angaben selbst in der Landesregierung tendenziell auseinandergehen, bieten sie Raum für Zweifel – berechtigte und unberechtigte. Das Sozialministerium Manfred Luchas (Grüne) orientiert sich am Basiswert von 550 000 Muslimen im Land ( Zensus 2011). Und macht mit Blick auch auf den Flüchtlingszustrom folgende Rechnung auf: „Grob geschätzt dürften derzeit mehr als 600 000 Muslime in Baden-Württemberg leben“, sagt eine Sprecherin. Zwar seien 2015 und 2016 viele muslimische Flüchtlinge ins Land gekommen – knapp drei Viertel könnten dem Islam zugerechnet werden. „Allerdings gibt es auch Flüchtlinge, die Baden-Württemberg wieder verlassen haben.“ Die Zahl soll niedrig ausfallen, ohne falsch zu sein.

Thaddäus Kunzmann (CDU), der Demografiebeauftragter des Landes, hat andere Zahlen: Ebenfalls auf der Grundlage des Zensus 2011 geht er von 600 000 Muslimen aus; dazu zählt er noch rund ein Siebtel der rund 1,2 Millionen überwiegend muslimischen Flüchtlinge zwischen 2011 bis 2015. Letztere Zahl hat er vom Bundesamt für Migration (Bamf) entprechend der Aufteilung auf die Bundesländer gewonnen. Somit kommt er auf eine Gesamtzahl von 770 000 Muslimen im Land. Hinzu kommen noch die muslimischen Flüchtlinge von 2016 bis heute. Laut Innenministerium: rund 42 000. Macht derzeit rund 812 000 Muslime.

Politik mit Zahlen

Dies ist beinahe genau die Zahl, bei der auch Michael Blume landet, Antisemitismus-Beauftragter und Referatsleiter Nichtchristliche Religionen im Staatsministerium. Er geht von „circa 820 000 Menschen muslimischer Herkunft“ aus. Das ist ein Bevölkerungsanteil von rund 7,5 Prozent und deckt sich grob mit den Angaben aus dem Bamf von 2008/9, wonach 16, 6 Prozent der Muslime in Deutschland im Südwesten ansässig sind. Das Bundesamt schätzt die Zahl der Muslime Ende 2015 bundesweit auf 4,4 bis 4,7 Millionen.

Deshalb gehen andere Experten inzwischen von knapp fünf Millionen Muslimen in Deutschlands aus. Davon leben die meisten (33,1 Prozent) in Nordrhein-Westfalen. Baden-Württemberg (16,6 Prozent) landet auf Platz zwei. Das Kultusministerium schätzt die Zahl muslimischer Schüler auf 180 000. Darunter erhalten bisher nur 6000, also drei Prozent, islamischen Religionsunterricht.

Hundert Prozent exakt weiß niemand, wie viele Menschen islamischen Glaubens in Baden-Württemberg oder in ganz Deutschland leben. Und Experten weisen darauf hin, dass die Definition „Muslim“ nicht unproblematisch ist: Zählt man alle Menschen, die aus einem islamisch geprägten Land stammen, „Kulturmuslime“, die es ähnlich wie „Weihnachtschristen“ mit dem Glauben nicht so genau nehmen, oder nur konfessionsgebundene Muslime.

Islam wird vielfältiger

Zudem wird der Islam vielfältiger. Zwar stammt eine Mehrheit der Muslime aus der sunnitisch dominierten Türkei. Ihr Anteil ist aber auf zuletzt auf 50,6 Prozent gefallen. 2015 stammte laut Bamf schon jeder zweite Muslim aus dem Nahen und Mittleren Osten oder Südosteuropa.

Aus historischen Gründen ist laut Grundgesetz (Artikel 140) niemand verpflichtet, seine Religionszugehörigkeit anzugeben. Und anders als bei den christlichen Kirchen, Körperschaften des öffentlichen Rechts, gibt es im Islam – die zweitgrößte Religion in Deutschland – keine Tradition, selbst genau Buch darüber zu führen, wer zu den Gläubigen zählt. Auch die Mitgliedschaft in einem Islamverband oder einer Moscheegemeinde ist eher die Ausnahme. „Weniger als 20 Prozent gehören einem Verband an“, erklärt Michael Blume.

Das Sozialministerium sieht kein Problem, weil niemand genau weiß, wie viele Muslime im Land leben. Andere Experten dagegen sprechen sich für mehr Klarheit aus. „Ich wünsche mir für die Zukunft verlässliche Zahlen“, meint der Demografiebeauftragte Kunzmann, der sich schwerpunktmäßig um die alternde Gesellschaft kümmert. Die erste Gastarbeitergeneration werde jetzt „hochaltrig und zunehmend auch pflegebedürftig“. Auch der CDU-Rechtspolitiker Bernhard Lasotta wünscht sich für eine bessere Planung in der öffentlichen Verwaltung genauere Informationen. „Das gilt für Kindergarten, Schule, Krankenhausseelsorge bis zur Pflege.“ Sein Wunsch, die Frage nach der Religion im nächsten Zensus von 2021 zu berücksichtigen, wird aber wohl kaum in Erfüllung gehen. Zu hoch scheinen die rechtlichen Hürden, macht das Bundesinnenministerium deutlich.

Pflegebedürftige Gastarbeitergeneration

Dort favorisiert man daher eine andere Lösung: Das Bamf werde noch in dieser Legislaturperiode für die Deutsche Islamkonferenz „die Datenlage zu muslimischem Leben in Deutschland aktualisieren“, kündigt ein Sprecher an. Diese werden zur Versachlichung der Debatte dringend gebraucht. Nach einer Umfrage der Meinungsforscher von Ipsos 2016 schätzen Befragte den Anteil der Muslime in Deutschland viel höher ein als die reale Zahl: auf 21 Prozent – 17 Millionen geschätzte Muslime.

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