Muslime beten in der Mannheimer Ditib-Moschee. Foto: imago stock&people

Die Strategie „Wandel durch Nähe“ im Umgang mit Ditib und Co. ist gescheitert, sagt der Islam-Experte Eren Güvercin – auch mit Blick auf das Tübinger Islamzentrum. Doch was sollte man jetzt tun?

Der Islam-Experte Eren Güvercin fordert eine religionspolitische Zeitenwende: Die Islamverbände vertreten die politische Agenda ausländischer Autokraten wie des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan, meint der Autor. Die Bedürfnisse deutscher Muslime kämen dabei unter die Räder.

 

Herr Güvercin, was sagen Sie zu den Recherchen unserer Zeitung zum Einfluss von Ditib am Tübinger Zentrum für Islamische Theologie (Zith)?

Ditib versucht, sich als Religionsgemeinschaft und in verschiedenen Bundesländern auch als Kooperationspartner beim bekenntnisorientierten Religionsunterricht zu etablieren. In Tübingen sind die Beziehungen offenbar besonders intensiv: Frühere und aktuelle Funktionäre wie der Ditib-Chef Muharrem Kuzey pflegen sehr enge Kontakte zur islamischen Theologie dort. Da müssen Politik und Universitätsleitung schon der Frage nachgehen, ob es bei diesen Beziehungen um mehr geht als nur um die Auseinandersetzung mit islamischer Theologie.

Der Autor Eren Güvercin: „Ich bin ein deutscher Muslim“. Foto: privat

Sind die anderen Verbände denn unbedenklicher?

Wenn wir uns etwa die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) oder das größte Mitglied im Zentralrat der Muslime, die türkisch-nationalistische Atib, anschauen, sind sie nicht weniger problematisch. Necmettin Erbakan, die Führungsfigur des politischen Islam in der Türkei, ist in der IGMG noch sehr präsent. Er ist ja schon einige Jahre tot, aber seine Ideologie, insbesondere der Antisemitismus, ist immer noch hoch aktuell.

Sie betonen, sie seien ein „deutscher Muslim“. Warum?

Deutschland ist meine Heimat. Ich bin ein deutscher Muslim. Mein Vater ist Ende der 60-er Jahre als Gastarbeiter gekommen. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Das hat mich auch in religiösen Fragen geprägt. Gleichzeitig spielt die türkische Kultur auch eine wichtige Rolle, weil meine Eltern aus der Türkei kommen. Das ist in der Gesellschaft noch immer nicht selbstverständlich. Deutschlands Anspruch sollte es aber sein, eine Heimat für alle deutschen Staatsbürger zu sein, egal welchen Glaubens.

Sie sagen, die Probleme der Islamverbände in Sachen Islamismus, Antisemitismus und Verbindungen zu Autokraten im Ausland sind keine Einzelfälle. Sondern?

Antisemitische, islamistische oder türkisch-nationalistische Aussagen etwa sind keine Einzelfälle im Ditib-System, wie Verbandsfunktionäre immer betonten. Das ist ein Strukturproblem. Ditib ist strukturell, personell und finanziell von der Türkei abhängig. Sein mächtigstes Vereinsorgan ist der religiöse Beirat. Dort sitzen türkische Beamte und der Chef der Religionsbehörde Diyanet. Der Beirat bestimmt, wer im Vorstand sitzt, und die Ausrichtung von Ditib. Die Organisation orientiert sich also nicht an den Bedürfnissen der deutschen Muslime, sonder an der politischen Agenda der Erdogan-Regierung. Diese kümmert sich intensiv um die Türkeistämmigen in Deutschland. Aber viele Muslime sehen sich nicht als Anhängsel Erdogans.

Der Ditib-Aussteiger Murat Kayman hält die Verbände für ein Integrationshemmnis. Hat er recht?

Absolut. Die türkische Regierung forciert ihre Einflussnahme vor allem über die Religion, unter anderem über Ditib. Laut deren Erzählung sind „die“ deutsche Gesellschaft, „die“ deutsche Politik und „die“ deutschen Medien latent „islamfeindlich“. Vermittelt wird eine Art Wagenburgmentalität. Da wird ein türkisch-identitäres Islamverständnis präsentiert, das die jungen Türkeistämmigen stark machen soll, um sich – aus der Sicht Ankaras – gegen die negativen Einflüsse in Deutschland zu wehren.

Auch die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim gehört zum Moscheeverband Ditib. Foto: www.imago-images.de

Weshalb hofieren und fördern Politik und Kirchen die Verbände trotzdem, obwohl diese nur für eine kleine Minderheit der Muslime sprechen?

Das ist eine verfehlte Religionspolitik. Man hat lange gehofft, mit der Strategie „Wandel durch Nähe“ zu erreichen, dass sich die Verbände zu Religionsgemeinschaften im Sinne unserer Verfassung entwickeln. Jetzt können oder wollen Politik und Kirchenvertreter aber nicht erkennen, dass diese Strategie nicht dazu geführt hat, dass sich diese Organisationen in eine positive Richtung weiterentwickeln. Ich verstehe ja, dass man vor zehn, fünfzehn Jahren diese Hoffnung noch hatte. Ich hatte sie auch. Aber irgendwann muss man der Wirklichkeit ins Auge sehen. Die Bereitschaft dazu vermisse ich.

Und warum fördert die Politik nicht liberale Muslime?

Für den Staat ist das ein Dilemma: Einerseits organisieren sich die Muslime, die klar in Deutschland verortet sind, leider nicht offensiv. Andererseits motiviert auch die bisherige Religionspolitik mit ihrem Fokus auf den Islamverbänden die Muslime, die etwas anderes im Kopf haben, nicht sonderlich.

Sie fordern eine religionspolitische Zeitenwende. Was sollte die nächste Bundesregierung tun?

Sie sollte nicht allen Kontroversen aus dem Weg gehen, nur um auf die Befindlichkeiten der Verbände maximal Rücksicht zu nehmen. Man muss diese Organisationen einbinden, die – ob es gefällt oder nicht – einen bestimmten Teil der muslimischen Community repräsentieren. Wir brauchen aber eine Neuausrichtung der Deutschen Islamkonferenz. Dort müssen die schwierigen Themen mit der vielfältigen muslimischen Community diskutiert werden.

Können Sie diese schwierigen Themen benennen?

Seit dem Hamas-Terror sehen wir, wie islamistische Akteure den 7. Oktober 2023 perfide für ihre Agenda nutzen. Wie vor allem über die sozialen Medien junge Muslime mit Hilfe des Nahost-Themas emotionalisiert und islamistisch indoktriniert werden. Es muss offen und lösungsorientiert überlegt werden, was gegen antisemitische Haltungen unter Muslimen getan werden kann. Da sind auch die Verbände in der Verantwortung, die momentan klar ein Teil des Problems sind. Die scheidende Bundesregierung ist dem lieber aus dem Weg gegangen. Und es gibt viele andere Themen. Dabei ist es ein Scheinargument, die offene Diskussion sei nur Wasser auf die Mühlen der AfD oder anderer, die Ressentiments gegen Muslime haben. Wir Muslime müssen über diese Themen reden und sie nicht den radikalen Rändern überlassen.

Liberaler Autor und Gründer der Alhambra-Gesellschaft

Werdegang
Eren Güvercin, Jahrgang 1980, wurde in Köln als Sohn türkischer Eltern geboren und studierte Rechtswissenschaften in Bonn. Lange Jahre war er Autor der Islamischen Zeitung und publizierte auch für andere Medien in Deutschland. Güvercin war Mitglied der 4. Deutschen Islamkonferenz, er ist Mitgründer der Schriftstellervereinigung PEN Berlin und Gründer der Alhambra-Gesellschaft, die einen europäischen Islam fördern möchte. Mit Murat Kayman und Engin Karahan betreibt der Autor den Podcast „Dauernörgler“. Ehemals war Güvercin auch Mitglied des konfessionellen Beirats des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er verließ den ZIT-Beirat jedoch wegen Unstimmigkeiten mit der Universitätsleitung.

Buch
Neu erschien von Güvercin „Ditib und der ferngesteuerte Islam in Deutschland.“ Der Autor geriet umgehend wegen Plagiatsvorwürfen unter Druck. Der C. H. Beck Verlag nahm das Buch nun vorläufig aus dem Handel. „Eine nicht kenntlich gemachte Übernahme von Texten Dritter entspricht in keiner Weise den Qualitätsansprüchen des Verlages“, begründete der Verlag diesen Schritt.