Der katholische Bischof Gebhard Fürst und sein evangelischer Amtskollege Frank Otfried July wollen den Weg des Dialogs mit den muslimischen Verbänden weitergehen. Foto: Horst Rudel

Seit Jahren bemühen sich die christlichen Kirchen eifrig um den Islam-Dialog. Nur leider viel zu unkritisch und mit den falschen Ansprechpartnern, wenden Skeptiker ein. Viele der Verbände auf muslimischer Seite seien islamistisch eingestellt.

Stuttgart - Wenn Sie in ihrer Berufsvorbereitungsklasse im Schwäbischen vor ihren 11 Schülern steht – 10 Muslime und nur noch ein einziger Katholik aus Südeuropa – hat die evangelische Theologin im Ethik-Unterricht oft einen schweren Stand. So mancher junge Flüchtling sträubt sich da mit Haut und Haaren gegen alles, was nach Christentum riecht. So sprach die Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden will, jüngst über Martin Luther und dessen Bibelübersetzung. Verglich das mit dem Koran, der nach orthodoxer Lehre nicht übersetzt werden darf. Als sie ihre Konkordanz, den Textstellenvergleich, aus der Schultasche hervorholte, schleuderte ihr ein afghanischer Schüler entgegen: „Wenn eine Nicht-Muslimin Teile des Korans abschreibt, ist das Sünde“, erzählt die Lehrerin. Bei derlei Erlebnissen vertrete sie die säkularen, demokratisch und christlich-fundierten deutschen Werte immer „ganz offensiv“, betont die Pädagogin. Mit interreligiösen Dialog mit Muslimen kennt sie sich seit Jahren gut aus.

Von ihrer Amtskirche ist sie gerade in dieser Frage enttäuscht. „Da wird seit langem mit stramm konservativ-islamistischen Muslimverbänden geredet, deren Ansichten mit unserer Gesellschaft einfach nicht kompatibel sind“, sagt sie. Das Weltbild, das Organisationen wie Milli Görüs, Muslimbrüder oder die Gülen-Bewegung in ihren Moscheen und mit ihrer Bildungsarbeit vermitteln, schotte die Menschen nur ab und werde damit zu einem Integrationshemnis. Ihrer Landeskirche wirft sie vor, dass diese das nicht wahrhaben wolle. „Die verfolgen bei ihrem Islam-Dialog einen „illusorischen Ansatz“, die eigenen Positionen setze sie dabei „in Klammern“.

Seit mehr als 20 Jahren führen die Kirchen im Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK) den interreligiösen Dialog mit muslimischen Verbänden. Daraus entstand im Frühjahr 2016 auf Landesebene ein „Gemeinsames Wort“, mit dem sich Christen und Muslime dazu verpflichten, „gemeinsam bei uns und weltweit für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, für die Respektierung der Menschenwürde und der Religionsfreiheit einzutreten“.

Antidemokratisch und türkisch-nationalistisch

Das Problem, das Kritiker des Islam- Dialogs haben, ist weniger mit dem Inhalt der Erklärung als mit den Ansprechpartnern auf muslimischer Seite. So gehören zu den Unterzeichnern des Gemeinsamen Wortes der wegen seiner engen Verbindungen zur türkischen AKP-Regierung in Verruf geratene Islamverband Ditib, die Gesellschaft für den Dialog (GfD), die der umstrittenen Gülen-Bewegung zuzurechnen ist, die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg (IGBW), unter deren Dach sich die von Baden-Württembergs Verfassungsschutz beobachtete türkische Organisation Milli Görüs, die Muslimbrüder und die türkischen Rechtsnationalisten der Atib versammeln. Und zuguterletzt der Landesverband des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), der wiederum mit Ditib, Milli Görüs und den Muslimbrüdern organisatorisch kooperiert. Allesamt Organisationen, die antidemokratische, antiwestliche, türkisch-nationalistische und auch antijüdische Positionen vertreten.

„Das sind Islamisten“, unterstreicht der protestantische Theologe und Islamwissenschaftler Wolfgang Schwaigert. „Mit denen kann man genauso wenig diskutieren wie mit christlichen Fundamentalisten“, fügt der pensionierte Pfarrer aus Blaubeuren hinzu. Für konservative Muslime sei der Islam-Dialog nichts anderes als der Versuch, ihren Islam weichzureden. „Letztlich wollen die Islamisten uns nur ihre Sicht der Dinge überstülpen.“ Diese akzeptierten keine Trennung von religiösem und weltlichem Recht, von religiöser und politisch-sozialer Ordnung. „Das steht unserer säkularen Gesellschaftsordnung diametral entgegen.“ Auch gingen die stramm konservativen Islamverbände, so Schwaigert, von einer wortwörtlichen Gültigkeit des Korans aus. Er verweist etwa auf Sure 3, Vers 110. Dort steht: „Ihr seid die beste Gemeinschaft.“ Daraus leiteten viele Muslime – von konservativen Moscheen und Verbänden dazu verleitet – ab, dass sie der hiesigen Gesellschaft überlegen seien. Sie glaubten, dass sie von der sie umgebenden Mehrheitsgesellschaft nichts lernen können und grenzten sich ab. „Für die Integration in unsere Welt ist das Gift.“

Seiner Amtskirche wirft er mit Blick auf den Islam-Dialog mit den Vertretern eines nicht aufgeklärten Islam „fatales Versagen“ vor. „Meine Kirche ist wahrlich naiv.“Viele Protestanten wollten nicht wahrhaben, was Islamismus überhaupt sei. Schwaigert weiß, dass er nicht für den Mainstream der Protestanten spricht. Den charakterisiert er als „typisch evangelisch“: Da wolle man fast um jeden Preis „mit allen gut sein“ . Hinzu komme ein großes Maß an Harmoniestreben gepaart mit der Furcht, die Integration der Muslime könnte scheitern.

Kirchen verteidigen sich

Schützenhilfe für seine Sicht der Dinge erhält der schwäbische Theologe auch von der Schweizer Islamexpertin Saida Keller-Messahli: „Dass die Kirchen seit Jahren einen Dialog mit Vertretern islamistischer Organisationen führen ist unverständlich und irreführend. So verleihen sie einer antidemokratischen, frauenfeindlichen und vom Ausland gesteuerten Minderheit innerhalb der muslimischen Bevölkerung Deutschlands eine Legitimation, die ihr weder entspricht noch zusteht.“

Doch die Amtskirchen verteidigen den eingeschlagenen Kurs vehement. Zwar fand weder der katholische Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, noch sein Amtskollege Frank Otfried July von der württembergischen Landeskirche die Zeit, die Fragen unserer Zeitung zu beantworten. Die Verlautbarungen der für den Dialog mit den Muslimverbänden Verantwortlichen sprechen aber eine eindeutige Sprache: „Die Diözese Rottenburg Stuttgart führt keinen Dialog mit Islamisten“, erklärt der Domkapitular Heinz Detlef Stäps kategorisch. Beim Arbeitskreis Christlicher Kirchen habe man sich vielmehr mit den „Kräften im Islam verbündet, die sich gemeinsam mit den Kirchen für Frieden und Gerechtigkeit weltweit engagieren. Mit Blick auf Milli Görüs lässt er wissen, dass die Diözese – abweichend vom Nachrichtendienst des eigenen Bundeslandes – zur Einschätzung gelangt, dass die Gruppierung „tatsächlich nicht als islamistisch verfassungsfeindlich eingestuft werden“ kann. Die übrigen Gruppierungen hält er ebenfalls für unbedenklich.

Die Geisteshaltung der Diözese mit Blick auf die Muslimverbände geht aus einem Antwortschreiben hervor, das die Kirche bei kritischen Nachfragen verschickt. Ein Sprecher stellte es erklärend zur Verfügung. Darin stellt die Kirche die „Hermeneutik des Verdachts“, die Interpretation des baden-württembergischen Verfassungsschutzes ihren eigenen, „primär theologischen Gesichtspunkten“ gegenüber. „Der Glaube an die christliche Botschaft“ zeige „überzogenem Sicherheitsstreben“, heißt es da weiter, „drastisch die Grenzen auf“. Man mache im christlich-islamischen Dialog „seit Jahren großartige Erfahrungen“. Immerhin: Das Gespräch mit Ditib hat Bischof Fürst bis auf Weiteres ausgesetzt. Vom Weg des Dialogs wolle man sich aber nicht abbringen lassen.

CDU-Politikerin Akpinar: säkularer Islam nötig

Die württembergische Landeskirche stößt in dasselbe Horn. Man halte an der bisherigen Praxis des christlich-islamischen Austausches in „gegenseitiger Transparenz und Wertschätzung“ fest, erklärt der zuständige Oberkirchenrat und Ex-ACK-Vorsiztende Ulrich Heckel. Er nennt gravierende Gründe für den Ausschluss vom Dialog: „Gewaltgeneigtheit, religiöse Intoleranz und totalitäre Ziele.“ Also genau die Punkte, die Kritiker des bisherigen Islam-Dialogs in den islamistischen, Nichtmuslime herabsetzenden Ideenwelt etwa im Internet bei Dialog-Teilnehmern wie Milli Görüs oder Muslimbrüdern wiederfinden.

Birgül Akpinar, im Vorstand der Südwest-CDU zuständig für Integrations- und Sichergheitspolitik, findet die Haltung der christlichen Kirchen „blauäugig“. Die 40-jährige Alevitin mit türkischen Wurzeln versteht nicht, weshalb sich die Kirchen sogar über die Analysen der Experten vom Landesamt für Verfassungsschutz hinwegsetzen. Für sie darf die freiheitlich demokratische Grundordnung, inklusive Gleichheit von Mann und Frau und die säkulare deutsche Gesellschaftsordnung auf keinen Fall zur Disposition stehen. Sie versteht nicht, weshalb die Kirchen diese Verbände schon so lange hofieren: „Die vertreten ja maximal 20 Prozent der hier lebenden Muslime. Die große Mehrheit der Muslime findet sich gar nicht darin wieder.“ Entscheidend sei, an diese Menschen heranzukommen. Und wie diese Menschen sich in Deutschland integrieren können und wollen. „Dazu brauchen sie einen säkularen Islam, der sich in Deutschland einfügt“, sagt die CDU-Vorständlerin.

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