Isabell Werth und Jessica von Bredow-Werndl gehören in Versailles zu den Favoritinnen auf Olympia-Gold – noch aber wird über ein anderes Thema diskutiert.
Die Geschichte könnte so schön sein, so spannend, glamourös und interessant. Zwei deutsche Dressurreiterinnen, die ab diesem Dienstag im sonnendurchfluteten Schlossgarten von Versailles fünf Tage lang darum kämpfen, erneut den olympischen Thron zu besteigen – das wäre bester Lesestoff. Doch das Duell zwischen Isabell Werth und Jessica von Bredow-Werndl wird überschattet von einer Diskussion, die den Pferdesport schon wieder erschüttert: es geht um Tierquälerei.
Die Bilder, die 2021 in Tokio entstanden, sind immer noch präsent. Die deutsche Fünfkämpferin Annika Schleu war auf dem Weg zu Gold, doch beim Springreiten verweigerte ihr verunsichertes Pferd. Am Rande des Parcours stand Bundestrainerin Kim Raisner und rief: „Hau richtig drauf!“ Und Schleu schlug zu, ihre Peitschenhiebe gingen um die Welt, was weitreichende Konsequenzen hatte – in Paris gehört das Springreiten letztmals zum Programm des Modernen Fünfkampfs. Es wird durch einen Parcours im Stil der Ninja-Warrior-Wettbewerbe ersetzt.
Drei Skandale in der Dressur
Auch von vielen Reitern aus den Disziplinen Vielseitigkeit, Dressur und Springen gab es vor drei Jahren Kritik, aber stets verbunden mit dem Hinweis auf die besonderen Umstände im Fünfkampf, in dem Athleten ihnen unbekannte Tiere zugelost bekommen. Mittlerweile fürchten jedoch auch die Pferdesport-Profis um ihre olympische Zukunft.
Schließlich gab es zuletzt allein in der Dressur drei neue Skandale, alle aufgedeckt durch verdeckt aufgenommene Videos. Eines zeigt, wie der für die USA startende Cesar Parra Pferde im Training auspeitscht und tritt. Anschließend wurden verstörende Bilder aus dem Stall des dänischen Spitzenreiters Andreas Helgstrand veröffentlicht. Bereiter des weltweit agierenden Pferdehändlers züchtigen und knebeln Pferde, behandeln sie ruppig und rücksichtslos. Helgstrand wurde für zwei Jahre gesperrt und aus dem Olympia-Kader Dänemarks gestrichen. Dann folgte der Fall von Charlotte Dujardin.
Die britische Olympiasiegerin, das belegt ein kurz vor den Sommerspielen in Paris aufgetauchtes Video, hat vor vier Jahren ein Pferd, auf dem eine Schülerin von ihr saß, mit zwei Dutzend Peitschenhieben malträtiert. Der Weltverband FEI schloss Dujardin („Ich schäme mich“) aufgrund dieser Gewalteinwirkung aus dem Olympia-Wettbewerb aus, die Kritik der Konkurrenz war unmissverständlich. „Im ersten Moment sind wir alle in Schockstarre und danach eigentlich nur noch wütend gewesen“, sagte Jessica von Bredow-Werndl, die Doppel-Olympiasiegerin von Tokio 2021, „das alles wirft ein wahnsinnig schlechtes Licht auf unseren Sport. Es ist ein absolutes No-Go. Es ist scheiße!“ Und Isabell Werth, die sieben mal Olympia-Gold gewonnen hat und vor ihren siebten Sommerspielen steht, meinte gegenüber der ARD-„Sportschau“: „Es ist so sinnlos und etwas, was ich überhaupt nicht erwartet habe oder in irgendeiner Form verstehen kann.“
Gibt es Konsequenzen?
Die Skandale führen nun unweigerlich zu zwei Fragen: Wie lange können sich Pferdesportler noch glaubhaft darauf berufen, bei dieser Art der Tierquälerei handle es sich lediglich um immer neue Einzelfälle? Und wie viele solcher Videos darf es noch geben, ehe die Olympia-Macher Konsequenzen ziehen? „Unser Sport ist ernsthaft in Gefahr“, steht in einem Brief, den eine Gruppe namhafter Athleten – darunter Isabell Werth – an den Weltverband FEI geschrieben hat. Und da war von den Misshandlungen durch Charlotte Dujardin noch nichts bekannt.
Vorerst bleibt Olympioniken wie Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth nur die Hoffnung, dass die Bilder, die in den nächsten Tagen in Versailles entstehen, diese existenzbedrohende Diskussion überstrahlen. Und dass, zumindest für eine Weile, wieder sportliche Geschichten im Fokus stehen. Zum Beispiel jene, die davon handelt, wie zwei deutsche Dressur-Königinnen in Paris um den Platz auf dem Thron kämpfen.