Schneller, besser, weiter – was für sportliche Wettkämpfe gilt, ist auch in der Arbeitswelt zum Credo geworden. Doch Hirnforscher warnen: Niemand kann mehrere komplexe Tätigkeiten gleichzeitig ausführen. Das macht das menschliche Gehirn nicht mit.

Schneller, besser, weiter – was für sportliche Wettkämpfe gilt, ist auch in der Arbeitswelt zum Credo geworden. Doch Hirnforscher warnen: Niemand kann mehrere komplexe Tätigkeiten gleichzeitig ausführen. Das macht das menschliche Gehirn nicht mit.

Bonn/Stuttgart - Wenn Joachim Bauer die Situation an einem typischen Arbeitsplatz beschreiben will, lässt er seine Gedanken bis in die Savanne schweifen: Da ist das Gnu, das von einem Löwen gejagt wird, während die Herde die Hetze mit großen Augen verfolgt. „Das Gnu, das sind die Arbeitnehmer“, so Bauer. Der Löwe wiederum ist der Druck, unter dem jeder steht – wegen schnell wechselnder Aufgaben und Zeitmangel. „Diese Faktoren lassen uns durch den Alltag hetzen wie ein gejagtes Tier.“

Joachim Bauer greift gerne auf solche bildhaften Vergleiche zurück, wenn er seine wissenschaftlichen Thesen verdeutlichen möchte. Er ist Neurobiologe und Psychotherapeut an der Uniklinik Freiburg und als solcher seit Jahren mit der Frage beschäftigt, was die zunehmende Beschleunigung der Gesellschaft mit dem Gehirn des Einzelnen macht. Die Antwort lautet schlicht: Es verändert sich. Und wenn es nach Joachim Bauer geht, nicht unbedingt zum Besseren.

Gerade unter dem von inzwischen vielen Menschen unternommenen Versuch des Multitasking – also dem möglichst gleichzeitigen Erledigen von verschiedenen Dingen. „Multitasking erfordert, dass unsere Aufmerksamkeit nicht fokussiert und vertieft auf eine Sache gerichtet, sondern breit gestreut und daher oberflächlich ist“, sagt er. „Wessen Gehirn sich permanent im sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Modus befindet, der macht vermutlich weder technische Erfindungen, noch entwickelt er philosophische Gedanken, schreibt keine Gedichte und komponiert keine Lieder.“

Der Leistungsabfall durch Multitasking gilt als belegt

Erst 2013 zeigte der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dass sich Beschäftigte am häufigsten durch Multitasking belastet fühlen, was sich auch negativ auf ihre Arbeitszufriedenheit auswirkt. Für den Psychotherapeuten Bauer keine Überraschung: „Zufrieden ist man in der Regel nur, wenn man etwas abschließt.“

Der Leistungsabfall durch Multitasking gilt als wissenschaftlich belegt: Forscher der Universität Michigan haben herausgefunden, dass das Gehirn um bis zu 40 Prozent weniger leistungsfähig ist, wenn gleichzeitig statt nacheinander gearbeitet wird.

Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Wie etwa die der BAuA: Forscher hatten ihre Testpersonen zwei Aufgaben bearbeiten lassen. Sie mussten am Bildschirm Pfeile erkennen und daraufhin eine bestimmte Tastenkombination drücken. Gleichzeitig wurden ihnen Wörter vorgelesen, und die Testpersonen sollten Synonyme erkennen. Dabei zeigte sich, dass die Testpersonen Fehler schlechter erkannten, wenn sie zwei Aufgaben bearbeiteten. Außerdem waren sie schneller, wenn sie nur eine Aufgabe lösen mussten.

Wer beim Autofahren telefoniert, tut nicht beides zur selben Zeit

Multitasking ist neurobiologisch eigentlich nicht möglich: Das Gehirn kann sich nur auf eine, maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren, wie Thomas Schläpfer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Bonn, bestätigt. „Auto fahren und dabei ein Hörbuch hören – das mag noch funktionieren“, sagt Schläpfer. Da wird die eine Tätigkeit ausgeblendet oder läuft automatisch ab. Wer aber beim Autofahren telefoniert, tut nicht beides zur selben Zeit. „Vielmehr wechselt das Hirn rasant zwischen den beiden komplexen Tätigkeiten hin und her“, sagt Schläpfer. Dabei sinkt die Hirnleistung. Das Ergebnis: Man bekommt nur die Hälfte des Gesprächs mit – oder aber gibt auf den Verkehr nicht wirklich acht.

Dass dies nicht nur in diesem Beispiel einen ungesunden Ausgang nehmen kann, weiß Joachim Bauer. Seiner Meinung nach leiden die Menschen darunter, dass das moderne Leben nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Privatleben immer mehr Zustände von breiter, flacher Aufmerksamkeit hineinbringt.

Die Ursache sieht Bauer vor allem in der zunehmenden Nutzung von Smartphones. Sie trügen entscheidend zu dem Druck bei, ständig erreichbar sein zu müssen. Und das bereits im Jugendalter. „Schon jetzt sehe ich in meinen Vorlesungen, wie es der ­Smartphone-Generation zunehmend schwerer fällt, in einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit zu kommen“, sagt Bauer. Weshalb er dazu rät, digitale Medien, solange es geht, von Kindern fernzuhalten. „Sonst lernen nachfolgende Generationen es nicht mehr, sich langfristig auf eine Sache zu konzentrieren.“

Experten raten zu mehr Disziplin im Umgang mit E-Mails

Doch ganz unvorbereitet sollte man der Herausforderung der Arbeitswelt nicht begegnen. Schließlich ist sie geprägt von Computern und Smartphones. Bauer weiß: Auch wenn Multitasking keine erstrebenswerte Form des Arbeitens ist, so sei Multitasking immer Teil des Lebens gewesen und werde es auch bleiben. Entscheidend wird sein, wie die Menschen damit umgehen.

Experten wie der Psychotherapeut Schläpfer raten zu mehr Disziplin: „Nicht die Technik ist schuld, dass wir uns schlechter konzentrieren können.“ Schließlich gehe die Digitalisierung durchaus mit einer Erleichterung von Arbeitsabläufen einher. „Wir selbst müssen uns eben angewöhnen, bewusster damit umzugehen“, sagt er. Beispielsweise indem man sich feste Zeiten für das Durchsuchen von E-Mails setzt und die Erreichbarkeit einschränkt. „Auch wenn es ungewohnt ist, sollten Arbeitnehmer den PC einfach einmal für eine Stunde ruhen lassen und das Handy abschalten, wenn sie ungestört eine Akte durchgehen wollen.“

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