Irrtümer über Stuttgart Versunken im Nesenbach

Von Arnold Rieger 

Wuchtig und doch harmonisch: Was heute vom Alten Schloss zu sehen ist, stammt aus dem 16. Jahrhundert – die Ursprünge liegen jedoch viel tiefer. Foto: Leif Piechowski
Wuchtig und doch harmonisch: Was heute vom Alten Schloss zu sehen ist, stammt aus dem 16. Jahrhundert – die Ursprünge liegen jedoch viel tiefer. Foto: Leif Piechowski

Archäologen fördern erstaunliche Erkenntnisse über Stuttgarts Anfänge und das Alte Schloss zutage.

Stuttgart - „Schauen Sie dort, man sieht noch genau, wie die Mauer gekippt ist.“ Der Archäologe Hartmut Schäfer steht im Keller der Dürnitz, das ist der Hauptflügel des Alten Schlosses, und deutet auf einen Steinhaufen. Was heißt hier Keller! Das Gewölbe ist spektakulär, und das nicht nur wegen seiner titanischen Ausmaße.

An einer Stelle lässt sich nämlich erkennen, dass hier einmal eine ganz andere Burg gestanden haben muss – versetzt und um 45 Grad gedreht. Doch irgendwann im 12. Jahrhundert hat man sie abgebaut, geschleift. Um sie dann in einem spitzen Winkel wieder aufzubauen. Aber warum?

Historiker können auf solche Fragen keine befriedigende Antwort geben. Sie sind auf schriftliche Quellen angewiesen, und die setzen für Stuttgart erst im 13. Jahrhundert ein. Archäologen jedoch leuchten auch das frühe Mittelalter aus und haben eine Erklärung dafür, warum die Schlossherren einen neuen Anlauf nehmen mussten: „Die erste Burg ist Opfer des Nesenbachs geworden“, sagt Schäfer.

Erstes Stuttgarter Schloss ist in 1272 einer Überschwemmung zum Opfer gefallen

Wer nun an das dünne Rinnsal denkt, das überdeckelt in Richtung Neckar fließt, verkennt die Kraft des Gewässers in früheren Jahrhunderten. „Was wir heute kennen, ist die Folge von wassertechnischen Maßnahmen seit der Renaissance“, sagt Schäfer. Zuvor jedoch muss der Nesenbach bisweilen ein reißender Fluss gewesen sein, wie zeitgenössische Schilderungen über Hochwasser bezeugen. „Es gab Überschwemmung, da stand das Wasser auf dem Marktplatz mannshoch“, sagt Schäfer.

Einer solchen Katastrophe, vermutlich im Jahr 1272, ist nach Meinung der Fachleute das erste Stuttgarter Schloss zum Opfer gefallen. Ein klassischer Planungsfehler, denn man hatte den Bau in einem ungünstigen Winkel zum Bachlauf gestellt, wie die Mauern noch heute klar erkennen lassen. „Die Südostecke stand dem über die Ufer getretenen Bach gleichsam im Weg, die Mauern wurden unterspült und stürzten um“, sagt Schäfer.

Wie man sich dieses Ur-Gebäude vorstellen kann, wie die Archäologen seine Überreste freilegten und welche Schlüsse sie für die frühe Stadtgeschichte ziehen, ist nun erstmals in einem Buch über Stuttgarts Anfänge dokumentiert.

Doch nicht nur das. Der Autor Hartmut Schäfer, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Mittelalter-Archäologie des Landesamts für Denkmalpflege, legt damit auch eine Gesamtschau vor über die Anfänge der Stadt. Und die liegen exakt dort, wo es noch heute die Touristen und Weindorf-Besucher hinzieht: In Stuttgarts malerischstem Winkel zwischen Stiftskirche, Schillerplatz, Alter Kanzlei und Altem Schloss.

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