Iranische Jugendliche beim Selfie-Machen mit Nils Schmid in Isfahan. Interessante Fakten über den Iran finden Sie in unserer Bilderstrecke. Foto: Martin Stollberg

Aus Baden-Württemberg ist als erstem Bundesland eine Wirtschaftsdelegation in den Iran gereist, um Kontakte zu knüpfen. Zwar sind die Sanktionen noch nicht aufgehoben, und der Markt ist nicht frei von Risiken. Doch die Firmen aus dem Land sind froh, schon jetzt einen Fuß in der Tür zu haben.

Isfahan - Ehrlich gesagt wirkt die Iranerin Yasra Ojrghi (33) nur ein bisschen bescheiden und kein bisschen unterwürfig, wenn sie von ihrer Karriere als Industrieingenieurin spricht. Der Islam, so heißt es oft, fordere demütige Frauen. Hausfrauen, die sich zurücknehmen und den Mann in Ruhe arbeiten gehen lassen. In der Islamischen Republik Iran, in der Frauen auf der Straße von Sittenwächtern zur Einhaltung der muslimischen Kleiderordnung gezwungen werden, sind wirtschaftlich völlig unabhängige Frauen wie Yasra Ojrghi nicht zwingend zu erwarten. Wie so vieles, das die baden-württembergischen Vertreter aus der Politik, von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden auf ihrer Reise in den Iran erleben.

„Ich bin von den wirtschaftlichen Perspektiven im Iran positiv überrascht“, sagt der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD). Die Reise habe gezeigt, dass Baden-Württemberg ein begehrter Geschäftspartner sei. „Jetzt ist die Zeit, Vorbereitungen zu treffen.“ Im Iran werden gerade viele Weichen neu gestellt. Wenn die Atomvereinbarung eingehalten wird, fällt im ersten Quartal 2016 ein Großteil der Sanktionen gegen das Land weg. Dann besteht die Chance, dass sich das Land weiter öffnet. „Der iranische Präsident Hassan Rohani hat gezielt Ämter mit Menschen besetzt, die für eine Öffnung stehen“, sagt Schmid.

Und etwas verändert hat sich das Land auch bereits. Das zeigt das Beispiel von Yasra Ojrghi, die neben anderen Unternehmensvertretern im Technologie-Park Isfahan Science & Technology Town (ISTT) einen Stand ihres Unternehmens Kavosh Niroo aufgebaut hat, damit sich die baden-württembergischen Unternehmensvertreter in Isfahan ein Bild machen können. Nicht nur bei diesem Treffen werden die Baden-Württemberger empfangen wie Freunde, die man schon zu lange nicht mehr gesehen hat.

Der Schnurrbart von Mojtaba Mansoorian hüpft auf und ab, während er spricht. Ein bisschen sieht der technische Leiter beim iranischen Unternehmen Nik Ceram Razi mit seiner Frisur aus wie ein Berliner Hipster. Meistens sagt er Dinge wie „kein Problem“, „keine Sorge“ und „Iraner finden eigentlich für alles eine Lösung“. Dazwischen lacht er ziemlich munter. Er ist optimistisch, dass in Zukunft alles leichter wird. An diesem Tag ist er zu der iranischen Handelskammer nach Isfahan gefahren. Weil die Deutschen da sind. Eigentlich hatten die Veranstalter mit bis zu 30 iranischen Firmenvertretern gerechnet, die kommen würden, um die Baden-Württemberger zu treffen. Tatsächlich sind es etwa viermal so viel. Sie drängeln sich vor den Tischen, auf denen die Namen der Firmen stehen, die mit Schmid in den Iran gereist sind.

Liebherr zum Beispiel. Die Firmengruppe hatte von 1984 an einen Lizenzvertrag mit dem iranischen Unternehmen Hepco. Dort wurden bis zum Embargo gegen den Iran Bagger und Planierraupen hergestellt. ­Darüber hinaus hat das Unternehmen auch andere Baumaschinen oder auch Hafenkräne in den Iran geliefert. „In den letzten Jahren exportierte Liebherr gar nicht mehr in den Iran“, sagt Hubert Deutsch, kaufmännischer Geschäftsführer in der Sparte Turmdrehkrane. „Seit der Atomeinigung laufen bei unserem iranischen Vertriebspartner ­Boron Marz jedoch mehr und mehr Anfragen ein.“ Nach dem Wegfall der Sanktionen sieht er Potenzial für Liebherr-Maschinen in der Öl- und Gasgewinnung und im Wohnungsbau.

„Festo verfolgt das Ziel, die Marktpräsenz im Iran weiter auszubauen und ein Wachstum zu realisieren, das deutlich über dem des Marktes liegt“, sagt eine Sprecherin des Maschinenbauers aus Esslingen. Bisher erziele Festo im Iran Umsätze in der Größenordnung eines einstelligen Millionenbetrages.

Für die meisten Firmen war der Druck der Amerikaner zu groß

Der Automobilzulieferer Allgaier hat vergangenes Jahr einen Fünf-Millionen-Euro-Auftrag im Iran gehabt, so Thomas Oberer, Vertriebsleiter im Bereich Trocknungstechnik. Da ging es um Anlagen zur Herstellung von Düngemitteln. In Zukunft sieht die Firma aus Uhingen Potenzial etwa in der Mineralstoff- und Lebensmittelindustrie.

Auch der Naturkosmetikhersteller Annemarie Börlind aus Calw hat seine Geschäftsbeziehungen in den vergangenen Jahren nicht eingestellt. „Im Iran gibt es das beste Rosenöl“, sagt Börlind-Chef Michael Lindner. Das Unternehmen bezieht jährlich zwei Kilo Rosenöl aus dem Iran. Dazu kommen sieben Tonnen Rosenwasser im Wert von 35 000 Euro.

Für die meisten Firmen war jedoch der Druck durch die Amerikaner zu groß, die ­jedes Irangeschäft verhindern wollten. Hinzu kommt der hohe Aufwand bei der Finanzierung. Da der Iran vom internationalen Zahlungsverkehr abgekoppelt ist, laufen Überweisungen bisher nur über Drittländer.

Manchmal seien Kuriere mit Koffern voller Geld nach Dubai geschickt worden, sagt der Iraner Mojtaba Mansoorian, und dann wurde von dort aus das Geld nach Europa überwiesen. Wie gesagt: „Iraner finden eigentlich für alles eine Lösung.“ Aber das hat seinen Preis. Einige Unternehmen haben bis zum Vierfachen des regulären Preises verlangt, damit sie trotz des Embargos liefern. Wohlgemerkt selbst dann, wenn die Produkte gar nicht sanktioniert waren.

Wie sehr die Iraner daran interessiert sind, nach der Aufhebung der Sanktionen mit ­baden-württembergischen Firmen ins Geschäft zu kommen, zeigt auch der Rang der Menschen, die die Delegation getroffen hat.

Wie sonst eher bei Reisen von Bundesministern üblich, haben die Baden-Württemberger bei fast allen Institutionen und Ministerien mit den Chefs gesprochen. Was wohl auch daran liegt, dass Schmid als erster deutscher Landesminister vor Ort war. Die Firmen haben so bereits einen Fuß in die Tür gesetzt und sind bereit, wenn Anfang nächsten Jahres die Sanktionen fallen.

Die gute Infrastruktur, der schnell wachsende Binnenmarkt, die gut ausgebildete junge Bevölkerung: So optimistisch die meisten Unternehmen die Wiederbelebung des Exportgeschäfts sehen, so zurückhaltend sind manche noch bei den Investitionen vor Ort. Transparenz, Rechtssicherheit und Korruption sind die hier größten Themen.

Das Lebensgefühl in den Straßen Teherans und Isfahans transportiert nur wenig von der menschenrechtlich indiskutablen Situation im Iran und eigentlich nichts von den Verboten, mit denen die Bürger konfrontiert sind. Viele westliche Medien, Facebook, Twitter und Alkohol sind verboten. Trotzdem gibt es all dies auch im Iran. Die jungen Frauen mit ihren bunten Schals auf dem Kopf und den taillierten Mänteln zeigen selbstbewusst, was man aus der muslimischen Kleiderordnung alles machen kann.

So wie Mahrou Jahadi. Wie die Industrieingenieurin Yasra Ojrghi ist sie im Technologie-Park ISTT in Isfahan mit einem Stand vertreten. „Es ist für Frauen immer noch schwer, einen Arbeitsplatz zu finden“, sagt die Chemieingenieurin. Die hohe Arbeitslosigkeit zählt neben der Inflation zu den größten Problemen für die iranische Bevölkerung. „Also habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet“, so die 42-Jährige. Insgesamt haben 25 Prozent der 400 Firmen, die mit Hilfe von ISTT gegründet worden sind, weibliche Chefs.

Nachts wirken die Stadtparks im Iran wie nach außen verlagerte Wohnzimmer. Die Menschen sitzen auf Decken, essen zu Abend oder machen schon mal ein Nickerchen. ­Irgendwo im Stadtpark von Teheran wurde ein Zettel verloren. „Eine ruhige See macht niemals einen guten Seemann“, hat jemand mit Bleistift darauf notiert. Und es ist, als treffe dies auch auf den Iran zu: Die äußeren Umstände sind rau, aber die meisten Iraner versuchen, daran zu wachsen.

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