Wie viele hatten schon Corona? Das lässt sich zumindest schätzen. Foto: imago/Manuel Geisser

Mehr als 20 Millionen Coronainfektionen wurden in Deutschland bislang gezählt. Dazu kommt eine erhebliche Dunkelziffer. Gibt es mehr Infizierte oder mehr (noch) nicht Infizierte? Wir haben nachgerechnet.

Die Coronainzidenz erreicht in der sechsten Welle Höchstwerte. Werte knapp unter 2000 bedeuten, dass die Infektion Woche für Woche bei zwei Prozent der Bevölkerung mit PCR-Test nachgewiesen wird. Mehr als 4,3 Millionen Menschen gelten aktuell als „aktive Fälle“, also akut infiziert – auch dieser Wert war noch nie so hoch.

 

Angesichts der vielen Infizierten im privaten Umfeld könnte der Eindruck entstehen: Wer noch nie Corona hatte, ist in der Minderheit. Jeder dürfte inzwischen mehrere Menschen kennen, die eine Infektion durchgemacht haben – und viele haben angesichts von mehr als 128 000 Verstorbenen auch eine nahe stehende Person an das Virus verloren.

Jeder Vierte war nachweislich infiziert

Schaut man auf den Anteil der bestätigten Infektionen seit Pandemiebeginn, hat sich hierzulande jeder Vierte nachweislich angesteckt. Wie viele Reinfektionen darin enthalten sind , kann nicht gesagt werden; er wird für diesen Beitrag daher ausgeklammert. Menschen mit positivem PCR-Test sind in jedem Fall noch in der Minderheit – hier mag der Eindruck der letzten Wochen täuschen.

Zu bestätigten Infektionen kommt die Dunkelziffer. Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte kürzlich von einem Faktor 2 gesprochen: Er vermutet, dass es tatsächlich doppelt so viele Infizierte gab wie per Labortest bestätigt. Das liegt am unteren Ende dessen, was das Robert-Koch-Institut zusammenfassend für mehrere entsprechende Studien berichtet. Für Erwachsene gilt ein Wert von 2 zumindest vom Winter 2020/21 an mittlerweile als realistisch, für Kinder und Jugendliche wird ein höherer Wert angenommen – weil sie oft gar keine oder nur wenig eindeutige Symptome zeigen.

Unsere Modellrechnung

Hatte also die Mehrheit schon Corona? Für die Antwort haben wir eine Modellrechnung erstellt und eine niedrige sowie eine hohe Dunkelziffer angenommen. Der kleinere Faktor 1,4 ist der (in Berlin-Mitte ermittelte) niedrigste aus der 2020 durchgeführten Studie „Corona-Monitoring lokal“, an der auch der Kreis Kupferzell teilnahm. Als höheren Faktor haben wir 2,4 gewählt. Er ergibt sich aus den Ergebnissen einer zwischen Juli 2020 und Februar 2021 durchgeführten Helmholtz-Studie in mehreren Landkreisen, darunter Reutlingen und Freiburg.

Das Ergebnis: einschließlich nicht offiziell diagnostizierter Infektionen hatte mindestens jeder Dritte Corona, vermutlich aber mehr als die Hälfte der Einwohner. Mit dem höheren Faktor ergibt sich ein Anteil von knapp 60 Prozent Infizierten seit Februar 2020.

Die Annahmen zur Dunkelziffer beruhen wie beschrieben auf Daten, die bis Februar 2021 gesammelt wurden. Die bislang größte Studie zur Untererfassung wird derzeit noch vom Robert-Koch-Institut ausgewertet. Ergebnisse der RKI-Studie „Corona-Monitoring 2021“ sollen bis Ende Juni veröffentlicht werden. Die Daten dafür wurden im Winter 2021/22 erhoben, sind also näher am aktuellen Infektionsgeschehen mit hohen Fallzahlen als die Studien aus dem Winter 2020/21, als noch mit einschneidenden Maßnahmen möglichst viele Infektionen verhindert werden sollten.

Höchstwerte in Bayern und Sachsen

Bereits zum Beginn der Pandemie waren die Infektionszahlen regional sehr unterschiedlich. In einigen Hotspots ermittelte das RKI im Frühsommer 2020 einen Anteil von 14 Prozent Infizierten. Auch bei der Dunkelziffer wurden 2020 sehr deutliche Unterschiede berichtet: In Berlin-Mitte lag der Faktor wie beschrieben bei 1,4 ermittelt, im Coronahotspot Kupferzell (Hohenlohekreis) bei 5.

Daraus ergeben sich für einzelne Bundesländer und Landkreise vermutlich große Unterschiede bei der Frage, wie hoch der Anteil der bislang bemerkt oder unbemerkt Infizierten ist. Eine Modellrechnung wie die obige ist auf regionaler Ebene daher kaum seriös zu leisten. Um die Unterschiede deutlich zu machen, zeigen wir daher nur den Anteil der nachweislich infizierten Personen:

In Schleswig-Holstein hatten seit März 2020 demnach bislang 16 Prozent der Bevölkerung einen positiven PCR-Test, in Sachsen jeder Dritte. Nimmt man für die „Spitzenreiter“ Sachsen und Bayern den Faktor 2,4 bei der Dunkelziffer an, hätten dort bereits drei von vier Einwohnern eine Infektion durchgemacht.