Eine arabische Familie wollte den maroden ehemaligen Sitz des Hauses Baden in ein Hotel verwandeln. Doch es passiert wenig bis nichts, Bürger und Verwaltung verlieren die Geduld.
Baden-Baden - Seit 2003 ist das Neue Schloss in Baden-Baden, ehedem einmal Wohnsitz der badischen Markgrafen, in Privatbesitz. Eine Investorenfamilie aus Kuwait hatte das über der Kurstadt thronende Gemäuer seinerzeit gekauft. Mehrfach kündigte die in London lebende Firmenchefin Fawzia Al-Hassawi an, in dem Schloss ein Luxushotel einrichten zu wollen. Allerdings wurden bisher nur kleinere Renovierungen umgesetzt – und nun scheinen die Verwaltung und der örtliche Gemeinderat mit ihrer Geduld am Ende. Sie wollen den Bebauungsplan aufheben. Und weil sie nicht glauben, dass die Eigentümerin ihr Renovierungskonzept umsetzen kann, haben sie ihr offenbar ein Kaufangebot vorgelegt.
Das mächtige Anwesen erstreckt sich entlang einer rund 130 Meter langen Aussichtsterrasse oberhalb des Florentinerbergs und dem Baden-Badener Marktplatz. Mehr als fünf Hektar groß ist die sich nördlich anschließende Parkanlage. Unterhalb des Gemäuers entspringen die Thermalquellen, die unweit des Florentinerbergs das mondäne Friedrichsbad und die Caracalla-Thermen speisen. Deshalb ist der Schlossberg auch ein Thermal-Quellschutzgebiet.
Hochfliegende Pläne und die niedere Realität
Im Mai 2014, bei einem ihrer raren Auftritte in Baden-Baden, hatte Al-Hassawi angekündigt, das Schloss „aus dem Dornröschenschlaf“ erwecken zu wollen. Der Einstieg der Londoner Hyatt-Hotelkette wurde angekündigt, von einem Luxushotel mit 130 Zimmern war die Rede, zudem von einem ergänzenden Bau im Schlosspark, der auf rund 4000 Quadratmetern luxuriöses Wohnen ermöglichen sollte. Doch wer sich in diesen Tagen dem Zufahrtstor nähert, steht vor einem verschlossenen Stahltor. Der Hof darf nicht betreten werden. „Das wollen unsere arabischen Freunde nicht“, sagt eine Mitarbeiterin.
Getan hat sich etwas, aber eben nur wenig. Vor einigen Jahren wurde das Gebälk am Haupthaus ausgetauscht, die Orangerie ist teilweise saniert, aber eben nur teilweise, denn die Arbeiten wurden abgebrochen. Mehr als fünf Jahre lange waren große Teile des Gebäudes eingerüstet. Die Gerüste sind aber längst wieder abgebaut, das Schloss wirkt so heruntergekommen wie eh und je. Auch der Sprecher der Baden-Badener Stadtverwaltung, Roland Seiter, spricht von einem Trauerspiel. Dabei sei das Neue Schloss „ein das Stadtbild prägende Gebäude“.
Warten auf die Erklärung aus London
Anfragen an die Schlossherrin in London bleiben beharrlich unbeantwortet. Das Büro der FMH Group, wie das Familienunternehmen heißt, „werde sich im Laufe des Januar zu der Anfrage äußern“, teilt eine Mitarbeiterin mit. In diesem Monat allein deshalb, weil der Gemeinderat am 27. Januar über die Grundlage des Investorenkonzepts entscheiden will. Der seit 2010 gültige Bebauungsplan für ein Hotel steht dann zur Disposition. Die Baugenehmigung für das Prestigeprojekt ist erloschen. Der Baubürgermeister der Kurstadt, Alexander Uhlig, machte jüngst auch deutlich, dass „heute viel höhere Anforderungen beim Artenschutz und beim Quellenschutz“ gestellt würden. Er prognostiziert, dass im Fall eines neuen Verfahrens „alles wieder von vorne“ anfange – und damit weitere Zeit verstreicht.
Derzeit wird darüber gerätselt, ob die Schlossherrin das Gebäude bald wieder verkauft. Ein offenbar „lukratives Angebot der Stadt“ soll sie aber unlängst ausgeschlagen haben. Auch die Bürger der Stadt werden zunehmend unwillig. Es mehren sich Stimmen, die wieder einen freien Zugang zum Schlosspark fordern. Eine Bürgerinitiative hatte sich schon gegen die Bebauung des Parks gewehrt.
Dabei wäre ein rundum erneuertes Schlossareal auch ein Pluspunkt bei der seit Sommer 2014 laufenden Bewerbung Baden-Badens um die Aufnahme in das Unesco-Weltkulturerbe. Gemeinsam mit zehn weiteren europäischen Kurstädten schaffte es die Stadt unter dem Titel „Great Spas of Europe“ immerhin auf die „Tentativliste“, die Vorschlagsliste der Unesco.