Vergangenes Jahr hatte auch das Erlebnisbad F3 in Fellbach mit der Ausbreitung von Nilgänsen zu kämpfen. Mittlerweile sollen die Tiere dort von Jagdhunden vertrieben worden sein. Foto: Holger Strehlow

Seit zehn Jahren breiten sich Nilgänse in den Stadtbädern Stuttgarts aus. Das Schwimmbecken und Gelände des Freibad Rosental sind von dem Kot der Tiere massiv verschmutzt. Die Stadt zeigt noch immer keine Initiative.

Eine Gruppe Nilgänse überquert die Liegewiese des Freibads Rosental und hüpft ohne Scheu vor den Besuchern in das Schwimmerbecken. Die braun-weiß gefiederten Vögel sind mittlerweile Dauergäste in dem Stadtbad in Vaihingen – und von den Betreibern sowie vielen Besuchern nicht gern gesehen. Mit ihren Hinterlassenschaften verschmutzen die Tiere massiv das Freibadgelände und stören den laufenden Badebetrieb. Die vielen Kothaufen setzen sich nicht nur auf der Liegewiese, den Gehwegen und Kinderspielbereichen ab: Auch der Grund der Schwimmbecken ist damit belegt. Je nach Verschmutzungsgrad müsse das Freibadpersonal zwei bis acht Arbeitsstunden am Tag anwenden, um die Verunreinigungen während des Betriebs zu entfernen, erklärt Jens Böhm, Sprecher der Stuttgarter Bäder.

 

Die Hygienevorschriften werden eingehalten

Doch der extremen Menge an Kot scheint das Personal nicht entgegenwirken zu können. Einige Badegäste sind wegen der Verschmutzungen um die Hygiene und ihre Gesundheit besorgt. Böhm versichert jedoch: „Mit den umfangreichen Reinigungsarbeiten, der Wasseraufbereitung sowie der ständigen Kontrolle der Wasserqualität können wir die Einhaltung der Hygienevorschriften bestätigen“. Bei der gleichen Auskunft belässt es das Gesundheitsamt der Stadt Stuttgart. „Das sind Zustände, die für ein öffentliches Schwimmbad nicht akzeptabel sind“, klagt ein Kunde. Er und einige weitere Gäste haben sich bereits bei der Stadt beschwert. Die hat aber nach eigenen Angaben neben vermehrter Reinigung an betroffenen Stellen keine weiteren Maßnahmen geplant. Die Nilgänse würden bereits seit zehn Jahren in Stuttgarter Bädern störend auftreten und seien ein gesamtstädtisches Problem, so Böhm.

Dass sich die ursprünglich aus Afrika stammenden Tiere seit 2010 zunehmend an Gewässern in Stuttgart ausbreiten, bestätigt die Ornithologin Frederike Woog. Allein am Max-Eyth-See in Mühlhausen seien letztes Jahr 150 Nilgänse gezählt worden, berichtet Bezirksvorsteher Ralf Bohlmann. Auch das Gebiet um den Feuersee in Vaihingen ist von den Exkrementen der Tiere verschmutzt. Von hier aus fliegen die Nilgänse immer wieder in das nahegelegene Freibad Rosental. Ebenfalls betroffen seien laut eigener Auskunft das Leuze, das Mineralbad Berg, das Inselbad Untertürkheim, das Freibad Möhringen und das Höhenfreibad Killesberg. Das Filderado in Filderstadt hat mit dem Problem nicht zu kämpfen.

Die Stadt zeigt keine Initiative bei der Nilgansbekämpfung

Weil das Regierungspräsidium Stuttgart bisher keine Lösungen lieferte, ergriffen die betroffenen Parteien Eigeninitiative. Der Mühlhausener Bezirksvorsteher Bohlmann leitete vergangenes Jahr ein Treffen mit den städtischen Ämtern ein, in dem die gesetzlichen Grundlagen für Maßnahmen diskutiert wurden. Konkrete Schritte seien noch nicht identifiziert worden, ein weiteres Treffen ist in Planung.

Auch die Stadtbäder warten vergeblich auf Unterstützung der Stadt. So beauftragten sie Christian Schwenk von der Stadtjäger GmbH, ein Managementkonzept für die Nilgänse zu erstellen. Seit vergangenem Jahr berät er sie auf Basis der Richtlinien der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg zum Thema Nilgänse. Die von Schwenk ausgearbeiteten Vorschläge müsse man nun mit dem städtischen Wildtierbeautragten Dominic Urschler diskutieren. Bisher sei es noch zu keinem Austausch gekommen, räumt Böhm ein. Also versuchen die Beschäftigten der Freibäder momentan unter Berücksichtigung des Tierwohls, die Nilgänse zu vergrämen und die geschlossenen Mülleimer regelmäßig zu entleeren, damit die Tiere nicht an zusätzliche Nahrung gelangen. Außerdem wurden „Füttern verboten“-Schilder angefordert, um die Badegäste an das Fütterungsverbot zu erinnern. Nilganszählungen in den Bädern sollen Erkenntnisse über die Entwicklungen der Population liefern. Auch eine Vergrämung mithilfe eines Jagdhunds wurde durchgeführt, habe aber nichts geändert. Aus dem Fellbacher Erlebnisbad F3 dagegen wurden die Nilgänse erfolgreich von Jagdhunden vertrieben, nachdem der damalige Chef wegen seiner tierquälerischen Maßnahmen entlassen worden war.

Den Stadtbädern bleiben nicht viele Möglichkeiten

Vorrangig seien nicht tödliche Vergrämungsmaßnahmen oder sonstige technische Maßnahmen zu ergreifen, teilt die Landeshauptstadt Stuttgart mit und zählt die Eientnahme in der Brutzeit dazu. Dies gestaltet sich nach Einschätzung von Ornithologin Woog allerdings aufwendig, weil Nilgänse in der Regel auf hohen Bäumen brüten würden. Außerdem sagt die Stadt, eine Bejagung der Tiere könne nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Grundsätzlich ruhe die Jagd in jagdrechtlich befriedeten Bezirken wie Freibädern und Stadtparks und könne nur in Ausnahmefällen von der Jagdbehörde genehmigt werden. Wegen der unübersichtlichen Gelände und des Besucheraufkommens sei eine gefahrlose Schussabgabe nur schwer möglich. „Die Nilgänse sind eine invasive Art, mit deren Anwesenheit wir umgehen müssen.“, heißt es von Seiten der Stadt. Wann konkrete Maßnahmen zur Nilgansbekämpfung ergriffen werden, bleibt auch in dieser Freibadsaison offen.

Nilgänse

Ausbreitung
Aus Afrika gelangten Nilgänse bereits vor über 300 Jahren durch Gefangenschaftsflüchtlinge nach Großbritannien und breiteten sich anschließend über die Niederlande nach Deutschland aus.

Invasive Art
Die Nilgans steht seit 2017 auf der EU-Liste der invasiven Arten.