Sophia Schäfer und Heidi Veigel haben ihre Gärten diesen Sommer kaum genutzt – eine gemeinsame Aktion mit der Gemeinde scheint aber geholfen zu haben. Foto: Simon Granville

Nachdem Hessigheimer (Kreis Ludwigsburg) diesen Sommer täglich mit der Beseitigung einer Ameisenart beschäftigt waren, kehrt langsam Ruhe ein. Das liegt vor allem an einem Ratschlag.

Zwei Monate ist es her, dass Sophia Schäfer und Heidi Veigel Bürgermeister Günther Pilz durch ihre Gärten in Hessigheim geführt haben und dabei Steine anhoben, gegen den Putz klopften, ihn unter in Essig getränkte Tücher schauen ließen. Die invasive Ameisenart Tapinoma magnum, die vermutlich in der Erde mediterraner Gartenpflanzen nach Deutschland transportiert wurde, hat ihre Grundstücke befallen und den Weg bis in ihre Wohnzimmer und die Küchen gefunden.

 

Die Insekten bilden Superkolonien, die sich rasend schnell vergrößern – der Versuch, ihre Ausbreitung zu stoppen, wurde für die Nachbarinnen zur Tagesaufgabe. Wochenlang haben sie es mit Haushaltsmitteln und Schädlingsbekämpfung aus dem Baumarkt versucht. Wirklich langfristig geholfen hat nichts. Dabei hat sie die Sorge um ihre Häuser auch psychisch belastet. Wie geht es ihnen heute?

Gemeinde und Bewohner starten gleichzeitig mit Bekämpfung

Heidi Veigel ist frisch aus dem Urlaub zurück und auch wenn der erholsam war, der Gedanke, wie es wohl mit den Ameisen weitergeht, hat sie bis nach Österreich verfolgt. Denn währenddessen ist in ihrer Straße eine Großaktion gestartet. Ein von der Gemeinde beauftragter Schädlingsbekämpfer hat angeleitet, zeitgleich gemeinsam mit der Bekämpfung zu starten und dabei das gleiche Mittel zu verwenden. „Wenn alle Bewohner gleichzeitig anfangen, haben die Ameisen keine Ausweichmöglichkeiten. Ansonsten sind sie nach ein paar Monaten bei allen zurück“, sagt Patrick Gerlach, Schädlingsbekämpfer von defensia, ein Unternehmen aus der Pfalz, das mittlerweile Dutzende Kommunen in Deutschland betreut – unter anderem Hessigheim.

Anders als andere Ameisen-Arten haben Tapinoma magnum mehrere fortpflanzungsfähige Königinnen – die Ausbreitung zu stoppen, ist entsprechend schwierig. Foto: Simon Granville

Für die Bekämpfung hat die Gemeinde Löcher in den Asphalt gebohrt, damit das Schädlingsmittel das Erdreich erreicht. Auf ihren Grundstücken haben die betroffenen Hessigheimer entfernt, was den Weg zu den Ameisen bremst: Kieselsteine entlang ihrer Häuserwände, Pflanzen, denen die Insekten eh längst die Versorgung gekappt haben, Steinplatten. Bei Heidi Veigel haben das ihre Kinder und ihre Nachbarin übernommen – „wir hätten sonst aus dem Urlaub zurückkommen müssen“.

Problem zu 90 Prozent erledigt

Mittlerweile habe sich das Problem größtenteils gelegt, erzählt die Hessigheimerin. „Es ist ganz komisch, dass es so ruhig ist, wir trauen der Sache noch nicht ganz“, sagt Veigel. Die zwei täglichen Runden um das Haus gehen ihr Mann und sie noch immer, auch weil alle paar Tage wieder wenige Ameisen auftauchen. Sobald jemand in der Nachbarschaft das Granulat verstreue oder damit gieße, schicke er eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe, damit die umliegenden Bewohner ihre Katzen drin behalten und die Hundebesitzer anderswo spazieren, erzählt Veigel.

150 Euro Kosten pro Eimer

150 Euro kostet ein Eimer des Mittels, sechs Stück hätten sie in drei Wochen verbraucht. Die Bekämpfung ist nicht billig – weder für die Betroffenen, noch für die Gemeinde, die regelmäßig die öffentlichen Wege kontrolliert. „Manche Kommunen werden nicht aktiv, weil es der Haushalt nicht hergibt – die Schäden, die Ameisen über Jahre anrichten, sind aber deutlich teurer“, sagt Schädlingsbekämpfer Gerlach. In Hessigheim und Sachsenheim erlebe er engagierte Mitarbeiter, die sich direkt mit dem Thema befasst hätten.

Drei Mal auf der Terrasse gegrillt

Über den Winter lässt Heidi Veigel ihren Garten im jetzigen Zustand. Mit der Bepflanzung halte sie sich erst einmal zurück. Auch weil sie im Blick behalten möchte, ob die Ameisen nicht einfach nur vertrieben wurden. „Wir haben den Eindruck, an den Randgebieten wurden es mehr.“ Und noch eine Sorge treibt sie um: Was passiert, wenn die Ameisen an kalten Tagen wieder vermehrt den Weg ins Haus suchen und wie viele werden es im Frühjahr sein, wenn der Winter erwartbar mild war? Denn ihre Hoffnung, im kommenden Sommer häufiger auf ihrer Terrasse sitzen zu können, gibt sie nicht auf. Dieses Jahr seien sie nur drei Mal zum Grillen draußen gewesen, bis ihnen die Ameisen über die Beine und auf den Tisch gelaufen wären.

Die Ameise richtet Schäden an, aber auch die Bekämpfung hinterlässt kein schönes Bild. Foto: Veigel

Die letzten Monate waren mühsam und nervenaufreibend für die betroffenen Hessigheimer – doch immerhin etwas Gutes hat die Ameise gezeigt. „Die Nachbarschaft hält zusammen“, sagt Veigel. Man melde sich beieinander, wenn man bei umliegenden Anwohnern Ameisen sieht und habe dadurch mittlerweile auch mit Nachbarn Kontakt, die eine Straße weiter wohnen. „Wir machen ein großes Ameisenfest, wenn das vorbei ist“, sagt Veigel.

Tapinoma magnum

Tipps
Schädlingsbekämpfer Gerlach empfiehlt Futter wie Fallobst, Efeu und Blattläuse zu entfernen, den Zugang zu Mülltonnen zu limitieren und bei importierten Pflanzen die Wurzelballen vor dem Einpflanzen zu kontrollieren.

Schäden
Die Ameisenart unterhöhlt Spielplätze, Straßen, Gärten, hat bereits für Stromausfälle gesorgt und sucht sich den Weg auch ins Innere. Manche Versicherer zahlen zwar jährlich bis zu 500 Euro für die Beseitigung durch eine Fachfirma – das reicht laut Gerlach aber nicht aus. Schäden werden fast nie übernommen.