Was zieht junge Muslime am fundamentalistischen Islam an? Mit Religion habe das wenig zu tun, sagt der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide im Interview. Es gehe um das Gefühl der Überlegenheit.
Berlin - Islamisten ködern junge Muslime, weil sie ihnen eine Opfererzählung anbieten und so ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, sagt der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Das kann gefährlich werden. Dagegenhalten könnten die Moscheegemeinden, aber das gelinge in den wenigsten Fällen, sagt der Leiter des Münsteraner Zentrums für Islamische Theologie.
Herr Khorchide, zuletzt schien es, als sei der islamistische Terrorismus etwas zur Ruhe gekommen. Jetzt spüren wir eine Welle – und reagieren überrascht. Warum ist das so?
In Europa hatten wir seit den Anschlägen vom 11. September 2001 immer wieder mit solchen Anschlägen zu rechnen. Mit dem Aufkommen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ und dem wachsenden Phänomen des Islamismus ist das Problem unterm Strich kontinuierlich gewachsen. Wir müssen zwischen Ursache und Anlass unterscheiden. Im aktuellen Fall sind die Karikaturen des Propheten Mohammed der Anlass für Terror, die Ursache ist aber eine antiwestliche Ideologie.
Warum sind junge Männer, die im Westen sozialisiert werden, für diese Ideologie so ansprechbar?
Weil der fundamentalistische Islam sie über eine Opfergeschichte anspricht. Gerade junge, frustrierte Männer, die irgendwie den Anschluss an die Gesellschaft nicht gefunden haben, finden in dieser antiwestlichen Erzählung ein Ventil um ihrem Frust freien Lauf zu lassen. Sie radikalisieren sich. Das muss nicht, kann aber in Gewalt münden.
Das klingt wie eine Parallele zur Radikalisierung durch andere identitäre Bewegungen beispielsweise im rechtsextremistischen Bereich – auch hier versammeln sich junge, oft frustrierte Männer, die auf der Suche sind.
Ja, der politische Islam ist ja auch eine identitäre Bewegung, er verkörpert einen Anspruch der Überlegenheit, sieht sich als das Gute gegen den Westen als das Böse. Rekrutiert werden die jungen Männer durch einen Opferdiskurs: Man macht sie glauben, der Westen erniedrige die Muslime, er hat sie einst kolonialisiert und heute diskriminiere er sie weiterhin. Am Ende ist es ein identitärer Kampf, in dem Muslime dargestellt werden, als seien sie im Besitz der absoluten Wahrheit.
Welche Rolle spielt das Internet?
Jugendliche gehen auf die Suche nach religiösen Antworten, aber vor allem nach einem Gemeinschaftserlebnis. In den einfach gestrickten Angeboten von Fundamentalisten finden sie das Gefühl dazuzugehören und eine starke antiwestliche Rhetorik, die in ihrer Schwarz-Weiß-Malerei identitätsstiftend wirkt. Man gibt ihnen das Gefühl dazu zu gehören, spricht sie emotional an. So rutscht der Mensch in fundamentalistische Milieus – nicht über Religion, sondern über Emotion und Identitätssuche. Die meisten sind religiöse Analphabeten und auch gar nicht an den Inhalten interessiert. Sie fassen den Islam als identitäre Ideologie auf.
Sie beraten die österreichische Regierung zum politischen Islam. Was macht diese Kommission, in der sie Mitglied sind, und warum ist das Thema wichtig?
Wir haben uns in den letzten Jahren, auch zurecht, auf den Salafismus und gewalttätigen Extremismus konzentriert, aber das Phänomen des politischen Islams aus den Augen verloren. Inzwischen hat diese Herrschaftsideologie ihre Strukturen in Europa ausgeweitet. Sie unterwandert unsere Gesellschaften subtil. Die Dokumentationsstelle will auf einer wissenschaftlichen Basis die Strukturen, Ideologie und Strategien des politischen Islams erfassen und analysieren, aber auch Präventionsmaßnahmen dagegen entwickeln. Der wissenschaftliche Beirat soll für die Einhaltung wissenschaftlicher Standards der Arbeit der Dokustelle garantieren und dem Vorstand inhaltliche Vorschläge machen.
Wer verkörpert diesen politischen Islam hierzulande?
In Deutschland ist das unter anderem die Muslimbruderschaft, aber auch laut dem Verfassungsschutz Milli Görüs. Zum Politischen Islam zählt auch die Politik Erdogans, weil er die Religion für sein autoritäres System instrumentalisiert.
Was kann die Gesellschaft vorbeugend tun?
Jemand, der frustriert ist, ist vom Islamismus leicht ansprechbar. Wir müssen rechtzeitig handeln. Das bedeutet an erster Stelle, diese jungen Menschen einzugliedern, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie einen Platz in dieser Gesellschaft haben, sich entfalten können und anerkannt werden. Lehrkräfte müssen bei Jugendlichen genauer hinschauen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese den Anschluss nicht finden. Sie brauchen Angebote, Sport, Aktivitäten, Hilfen am Arbeitsmarkt. Auf der anderen Seite geht es darum, früh klarzumachen, dass wir keine Kompromisse eingehen. Es muss ganz klare Werte geben, die nicht verhandelbar sind, schon ab dem Kindergarten. Das sind die Werte des Grundgesetzes.
Man hat das Gefühl, über all das wird seit Jahren geredet, aber es passiert wenig. Sind wir damit zu spät dran?
Wir entwickeln uns sukzessive in eine richtige Richtung, aber langsam. Wir haben vor ein paar Jahren gar nicht von Prävention geredet, jetzt gibt es eine wachsende Zahl von Projekten, in denen junge Menschen erreicht werden. Wir müssen aber auch die geistlichen Grundlagen von Terror angehen. Es gibt viele Präventionsprogramme, die so aufgestellt sind, dass sie Muslimen nicht sagen wollen, wie sie ihre Religion verstehen sollen, sondern lieber über Soziales reden. Wir müssen aber auch lernen, den Koran historisch-kritisch zu lesen und theologische Grundlagen von Gewalt im Islam angehen. Damit man sich glaubwürdig distanziert, muss man bereit sein für Reformen auch in der Religion.
Damit dürften viele Lehrer oder auch Politiker überfordert sein.
Bis heute haben viele Erzieher, Lehrer und auch Politiker Angst, sich kritisch zu äußern, wenn sie Probleme mit Muslimen sehen, die sie auf die Ablehnung westlicher Werte zurückführen. Sie haben Angst, als islamophob angesehen zu werden. Der politische Islam nutzt genau diese Sorge als Strategie, um sich gegen Kritik zu immunisieren: Sie versuchen, jede Kritik als muslimfeindlich zu deklarieren und so Verantwortliche mundtot zu machen. Politisch gesehen hat diese Sprachlosigkeit und Selbstzensur die Rechtsextremisten gestärkt.
Wäre es nicht Aufgabe von Muslimen, hier Stellung zu beziehen?
Es wäre die Hauptaufgabe der Moscheegemeinden, religiöse Gegenangebote zu machen und junge Menschen mit einem aufgeklärten Islam zu erreichen. Wir brauchen unbedingt einen europäischen Islam als Alternative zu Fundamentalismus. Es reicht nicht zu sagen, Salafismus ist böse, aber keinen Ersatz dafür bieten. Viele Gemeinden sind stark konservativ. Sie scheinen sich vom Fundamentalismus zu distanzieren, aber inhaltlich sind sie stehengeblieben in einem stark konservativen Islam. Es tut sich wenig. Es gibt Distanzierungen von den jüngsten Anschlägen, aber dabei alleine darf es nicht bleiben.
Wie spricht man mit einem 18-jährigen jungen Muslim, der von hier ist, aber die westliche Gesellschaft ablehnt?
Die Diskussion kann man abstrakt nicht erfolgreich führen. Man muss konkret werden. Wenn man ihn fragt, warum er denn dann nicht einfach in ein islamisches Land geht, kommt in der Regel die Antwort, dass er dort nicht dieselbe Freiheit genießt wie hier. Oder wenn man fragt, warum er die Sozialhilfe eines Staates annimmt, den er ablehnt, dann stellt er selbst fest, dass er hier von den Werten der Demokratie profitiert, die er meint, nicht haben zu wollen. Wir dürfen nicht in eine Debatte über Zugehörigkeit geraten. Wenn man konkret wird, bringt man Menschen dazu, auch über die eigene Haltung kritisch zu reflektieren.
Zur Person:
Mouhanad Khorchide ist in Beirut geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Er studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Khorchide ist Österreicher. Seit 2010 hat er die Professur für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster inne. Sein Kampf für einen reformierten, europäischen Islam führt dazu, dass er in Deutschland nicht ohne Polizeischutz öffentlich auftreten kann. Zuletzt erschien 2020 sein Buch „Gottes falsche Anwälte – Der Verrat am Islam“ im Herder Verlag.