Auch heute noch schnell unterwegs: Hans-Joachim Stuck Foto: imago//gbrci

Der ehemalige Rennfahrer und heutige Motorsport-Funktionär Hans-Joachim Stuck über eine mögliche Neuorientierung der Rennserie nach dem Ausstieg des Herstellers Audi.

Stuttgart - Die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft verliert nach Mercedes auch Audi – und scheint damit am Ende zu sein. Der Ex-Pilot und VW-Repräsentant Hans-Joachim Stuck glaubt daran nicht.

Herr Stuck, stören wir Sie beim Mittagessen?

Nein, beim Zeitung lesen.

Da haben Sie bestimmt etwas über den Rückzug von Audi aus der DTM entdeckt.

Dazu brauche ich keine Zeitung, ich weiß schon so Bescheid.

Im Jahr 1990 wurden Sie in einem Audi DTM-Champion, jetzt zieht sich die Marke zurück. Die Nachricht muss Sie erschüttert haben.

Der Rückzug ist natürlich schade. Andererseits stand so eine Entscheidung ja schon ins Haus. Man weiß ja auch, dass sich der Gesamtkonzern, für den ich seit 2007 als Motorsport- Repräsentant tätig bin, ganz auf die E-Mobilität ausrichtet. Volkswagen macht das, auch Porsche, da war es klar, dass Audi einmal nachziehen würde.

Warum?

Alles muss ja eine Linie haben.

Für die DTM, seit 36 Jahren eine feste Säule im Motorsport, bedeutet es wohl das Ende.

Für diese Serie ist das erst einmal sehr sehr schade, und da müssen wir uns jetzt was einfallen lassen für die Zukunft. Doch hat es das immer mal gegeben, dass man sich nach 20 oder mehr Jahren zurückgezogen hat. Aus deutscher Sicht ist es traurig, aber wenn man die Hintergründe kennt, ist es auch nachvollziehbar.

Nun, die E-Mobilität kommt ja auch noch nicht so richtig voran. Das Interesse der Kunden an elektrischen Autos hält sich in Grenzen.

Man muss aber mal eine Entscheidung fällen, sonst gelangt man ins Nirgendwo. Der Volkswagen-Konzern hat sich unter der Führung des Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess auf diese Richtung eingeschossen, man hat eine Mission, also muss man die Li nie auch konsequent verfolgen. Anders geht es nicht.

Was halten Sie von der Formel E?

Man kann die Serie mögen oder nicht. Aber sie ist eine interessante Alternative. Sie bringt den Motorsport in die Metropolen, sie besteht aus Zwei-Tages-Veranstaltungen mit einem völlig neuen Publikum. Da kommen Kinder, da kann man seinen Hund mitnehmen, weil es Geräusch-arm ist. Das alles führt in eine Richtung. Aber im Moment kann keiner sagen, wie es 2050 ausschaut, das wissen wir alle nicht. Doch wenn man keine Missionen verfolgt, ist es auch nicht gut.

Wenn Sie jetzt aber Motorsport-Puristen unter den Fans sagen, dass sie zur Formel E gehen können, werden die Ihnen wohl was erzählen.

Wir müssen jetzt ja erst über 2020 reden. Audi ist ja noch dabei, also müssen wir noch ein paar schöne Rennen hinkriegen. Beim Blick in die Zukunft müssen wir die neueste Nachricht erst einmal setzen lassen. Wir wissen: Audi ist raus. Jetzt müssen wir uns Szenarien überlegen, was wir mit dem Thema DTM machen.

Was ist möglich?

Ob neue Hersteller in die DTM kommen werden, das bezweifle ich mal, denn die Autokonzerne haben zurzeit anderes zu tun als DTM-Rennwagen zu bauen. Aber vielleicht können wir die DTM mit bereits existierenden Fahrzeugen aus anderen Klassen bestücken. Über all das müssen wir diskutieren, um die aus meiner Sicht weltweit wichtige Plattform DTM zu erhalten.

Aber der Name DTM müsste als Wiedererkennungseffekt erhalten bleiben.

Wenn wir da jetzt beispielsweise über GT-Fahrzeuge nachdenken, und dieses Szenario gab es schon, dann nennen es wir halt GTM – der Name ist da wurscht.

An welche Autos denken Sie da?

An GT3- oder GTE-Fahrzeuge. Es gibt doch tolle Autos, die da weltweit fahren. Fahrzeuge von BMW, Mercedes, Audi, Porsche, Ford oder Ferrari, Autos, mit denen sich die Zuschauer identifizieren können. Es gibt ja auch das Konzept der GT Masters, in der sich zwei Piloten in einem Fahrzeug abwechseln. Es gibt da viele Möglichkeiten. Da gibt es mit meinem Freund Gerhard Berger (Chef der DTM-Dachorganisation ITR, Anm. d. Redaktion) einiges zu besprechen. Aber wir wohnen ja nur drei Kilometer auseinander.

Vielleicht hat die neue Entwicklung ja auch die Corona-Krise beschleunigt. Auch die Formel 1 gerät dadurch in diesem Jahr ins Wanken.

Auch die Formel 1 muss sich überlegen, wie es künftig weitergeht. Ein ganz wichtiges Thema werden die Kosten sein, ich glaube nicht, dass da Konzerne auch weiterhin 400 Millionen Dollar plus ausgeben können, um erfolgreich zu sein. Zudem ist auch wichtig, dass nicht nur vier Autos durch die Weltgeschichte reisen, die gewinnen können, sondern mehr Teams Siegchancen haben.

Und wie geht das?

Das geht nur über ein technisch relativ einfaches Reglement, durch das sich die Kosten signifikant senken lassen. Wenn da eines der großen Teams mit Ausstieg droht, muss die Formel-1-Betreibergesellschaft Liberty Media einfach mal sagen: Gut, dann macht ihr halt nicht mehr mit.

Die Corona-Krise als reinigendes Gewitter für die Formel 1?

Ich hoffe es.

Wo steht eigentlich ihr Pokal vom DTM-Gesamtsieg 1990?

Der Pokal steht bei mir im Büro, gleich neben einem Porsche, den Ferry Porsche meinem Vater zum 60. Geburtstag im Jahr 1960 geschenkt hat. Darauf steht „In alter Verbundenheit, Ihr Ferry Porsche“. Einfach herrlich ist das!

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