Der Philosoph Wilhelm Schmid gibt praktische Lebensratschläge. Foto: picture alliance / Paul Zinken

Der Mensch bricht von jeher gerne auf und zieht in die Welt, stellt der Philosoph Wilhelm Schmid fest. Das könnte eine Erklärung sein, warum wir in den Urlaub gehen und Vergnügungsreisen unternehmen.

Stuttgart -

 

Herr Schmid, in Ihrem Buch „Mit sich selbst befreundet sein“ schreiben Sie, dass Urlaub eigentlich „eine merkwürdige Anomalie des Lebens in der Moderne“ sei. Erklären Sie uns das bitte.

Das Phänomen, Koffer zu packen, die Wohnung zu verlassen und für eine Zeit anderswo hinzugehen, kannte man in früheren Zeiten nicht – im Mittelalter etwa. Auch heute ist es in einigen Kulturen nicht üblich.

Ist es nicht unklug, Urlaub mit Freiheit und den Alltag mit dem Begriff Unfreiheit zu belegen? Ist das nicht ein Schritt zum Unglücklichsein?

Soweit ich sehe, sind nicht wahnsinnig viele Menschen unglücklich, wenn sie in den Urlaub gehen. Wenn der Urlaub allerdings zu lange dauert, dann kann es zu dem Phänomen kommen, dass sich ein Unglücklichsein einstellt. Zum einen, weil der Urlaub nicht das gebracht hat, was er versprochen hat: Statt Sommer, Sonne, blaues Meer gibt es eine Baustelle vor dem Hotel. Zum anderen, dass es zwischen den Zweien oder Mehreren, die in den Urlaub gefahren sind, zu kriseln beginnt, was sich unweigerlich einstellt, wenn man zu lange auf einer Stelle hockt.

Ein Plädoyer für den Aktivurlaub?

Nein, ein Plädoyer dafür, nicht zu lange am Stück zu verreisen, den Urlaub aufs Jahr zu verteilen.

Warum zieht es den Menschen überhaupt in die Ferne?

Das sitzt tief in den menschlichen Ursprüngen. Warum sind Menschen überhaupt vom Baum runtergestiegen? Man könnte heute sagen: Die wären dort oben besser sitzen geblieben – das hätte uns eine Menge Probleme erspart. Aber einige von ihnen haben das nun mal nicht gemacht. Und mit dem Runtersteigen ist der Impuls entstanden, woandershin zu gehen. Niemand weiß, warum, aber es gab diesen Gedanken: einfach woandershin.

Oft wird Urlaub an einem anderen Ort zu geistiger Einkehr genutzt. Der Reisende begibt sich in ein Schweige-Kloster, fliegt zum Ayurveda-Fasten nach Sri Lanka. Geht das nicht zu Hause?

Nein, zu Hause hat man sich ja so, wie man normalerweise ist. Zu Hause, das ist der feste Rahmen des Alltags, der Arbeit, des Betriebs, dem ist nicht zu entkommen, jedenfalls so lange man seinen Lebensunterhalt selber verdienen möchte. Mit dem Ortswechsel ist der Wunsch verbunden, zum wahren Ich, zu sich selbst zu kommen.

Darf man in einer Zeit, in der die Erkenntnis, dass das Klima bedroht ist, nun wirklich kein Geheimwissen irgendwelcher Wissenschaftler mehr ist, überhaupt noch reuelos verreisen?

Ja, selbstverständlich. Es wäre lediglich wünschenswert, das zu amortisieren. Indem der Reisende zum Beispiel an ein Regenwald-Aufbauprojekt spendet. Das bietet heute jede bessere Fluggesellschaft an. Dass jetzt gerade über die zauberhaften jungen Leute Hohn und Spott geschüttet werden, da sie ja auch mit dem Flugzeug verreisen, finde ich zutiefst unehrlich. Es kommt nicht darauf an, dass jeder der perfekte Ökologe ist, es kommt darauf an, einen Schritt in diese Richtung zu machen. Und jeder Schritt und jeder Kompromiss ist wertvoll. Keiner muss da dem anderen etwas vorhalten. Jeder sollte sich fragen, was mache ich selbst denn, bevor ich andere beschuldige.

Wie halten Sie selbst es mit Urlaub?

Ich gehöre schon zu denen, die gerne anderswohin gehen. Ich verteile den Urlaub im Jahr, mal ein Wochenende hier, mal zwei Wochen dort. Ich möchte gerne viel vom Reichtum der Welt mitbekommen und viele Begegnungen mit anderen Menschen haben. Die Erfahrung ist: Wenn wir mal an einem Ort waren, dann gehen wir auch eine Beziehung zu ihm ein, zumal wenn wir dort Menschen begegnet sind und mit ihnen gesprochen haben. Dann ist uns dieser Ort nicht mehr gleichgültig, und es entsteht ganz winzig der Eindruck, dass wir woanders zu Hause sein können. Auf diese Weise vielleicht wird dieser Planet zu unserer Heimat.