„Bis auf Weiteres“ ist Jan Kempe nun Chef des Polizeireviers Fellbach. Foto: Patricia Sigerist

Der neue Interims-Chef des Polizeireviers Fellbach, Jan Kempe, spricht darüber, wie das Sicherheitsgefühl der Menschen gestärkt werden kann und was die Kriminalitätsstatistik aussagen kann und was nicht. Und er hofft auf einen Fahrradparkplatz.

Fellbach - Er ist der neue Chef im Polizeirevier Fellbach, nachdem Klaus Auer nach Heilbronn gewechselt ist. Schon seit 2014 war Jan Kempe stellvertretender Revierleiter. „Bis auf Weiteres“ steht der 54-Jährige nun an der Spitze. Wir haben uns mit ihm über die Statistik, Prävention und die Besonderheiten der Fellbacher Dienststelle unterhalten.

Herr Kempe, in ganz Deutschland sinken die erfassten Straftaten. Dennoch fühlen sich viele Bürger unsicherer. Verlieren die Menschen das Vertrauen in die Polizei?

Wir sind eines der sichersten Bundesländer. Auch die Zahlen für Fellbach sind erfreulich. Die Zahl der erfassten Straftaten ist 2018 um 244 Fälle gegenüber dem Vorjahr auf 2924 Delikte gesunken. Ich habe den Eindruck, dass so fürchterliche Taten wie der Mord im Stuttgarter Fasanenhof durch die Medien besonders in den Fokus rücken und das subjektive Empfinden der Bürger negativ verändern. Die Zahlen sagen etwas Anderes. Auch in der aktuellen Halbjahresbilanz für 2019 zeichnet sich in Fellbach eine Abnahme der gesamten Straftaten um 17,6 Prozent ab. Das ist ein positiver Trend. Aber kein Grund für ausgelassene Freude, jede Straftat ist eine zu viel.

Wie kann das Sicherheitsgefühl der Bürger gestärkt werden?

Ich denke, es ist wichtig, dass wir viel Präsenz bei verschiedenen Veranstaltungen zeigen. Wir haben vor, zusätzliche Kräfte für den Fellbacher Herbst zu organisieren, damit dort auch neuralgische Punkte besetzt werden können. Auch im Alltag sind Fußstreifen etwa in der Wohncity unterwegs. Da kommt in der Regel ein positives Feedback. Wir signalisieren als Polizei: Wir sind da.

Ein Anstieg zeigt sich bei der Rauschgiftkriminalität. Was sind die Ursachen?

Wir haben 80 Fälle mehr, sodass diese auf 287 Delikte oder plus 38,6 Prozent im Jahr 2018 gestiegen sind. Rauschgiftdelikte haben eine hohe Dunkelziffer. Das heißt, je mehr Beamte ich an den Bahnhof schicke, desto mehr wird gefunden. Rauschgifthandel läuft hier nicht so offen ab wie in der Stuttgarter Klettpassage. Das passiert hier viel verdeckter. Je mehr wir kontrollieren, desto mehr Verstöße landen in der Statistik. Im Halbjahresbericht 2019 zeichnet sich wieder eine Abnahme ab. Das kann heißen, dass – salopp gesagt – der Teich leer gefischt ist. Oft findet aber auch ein Verdrängungseffekt statt. Wir werden das Thema jedenfalls nicht aus den Augen verlieren und verstärkt mit Jugendsachbearbeitern zusammenarbeiten.

Sie haben sich beim Einbruchschutz engagiert. Ist ein Erfolg an Zahlen ablesbar?

Wir haben vergangenes Jahr viel Personal und Zeit in die Prävention von Wohnungseinbrüchen investiert. Und wir haben besonders auch Bewohner, die an den Hauptverkehrsachsen leben, informiert. In der diesjährigen Halbjahresstatistik 2019 können wir im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen erfreulichen Abwärtstrend beim Wohnungs- und Tageswohnungsdiebstahl feststellen. Die „dunkle Jahreszeit“ steht uns aber noch bevor – und auch dann gilt es wieder vorbeugend tätig zu werden.

Sind nicht die Menschen, die ein Häuschen am Waldrand haben, Ziel von Einbrechern?

Eher weniger, die Täter wollen schnell hin- und wieder wegkommen. Das heißt sie bevorzugen Objekte in der Nähe von Verkehrsadern, etwa der B14 oder B29. Die Zahl der Wohnungseinbrüche hat sich 2018 von 42 auf 48 Fälle etwas erhöht, 2014 hatten wir aber noch 77 Wohnungseinbrüche.

Wo gibt es noch Zunahmen der Delikte?

Außer bei den Rauschgiftdelikten bei so genannten Rohheitsdelikten und Aggressionsdelikten im öffentlichen Raum. Allerdings muss man diese Zahlen differenziert betrachten. Zu den Rohheitsdelikten zählt auch Straßenraub – der ging von 17 auf 8 Fälle zurück. Wenn Sie also über die Straße gehen, können Sie sich hier recht sicher fühlen. Zu den Rohheitsdelikten zählen auch einfache Körperverletzungen, die enorm angestiegen sind von 267 auf 319 Fälle. Das sind aber viele Situationen, in denen Betroffene den Streit untereinander austragen. Die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzungen ging dagegen zurück auf 74 Taten gegenüber 83 im Vorjahr.

Wer lebt im Verkehr am gefährlichsten?

Die Schwächsten sind am meisten gefährdet: Kinder, Fußgänger, Radler. Sie haben keine Pufferzone. Es sind immer mehr Pedelec-Fahrer an Unfällen beteiligt. Das fließt auch extra in die Statistik ein. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 910 Verkehrsunfälle, dabei wurden 208 Menschen leicht verletzt und 22 schwer, zum Glück gab es keine Todesfälle.

Wie sieht es mit der nördlichen Bahnhofstraße aus, seitdem die Radler auf der Fahrbahn unterwegs sind?

Im Testbetrieb gab es vier Unfälle mit Fahrrädern, die passiert sind, weil Radler zum Beispiel gegen eine offene Autotür stießen. Seitdem der Mischverkehr auf der Straße gilt, haben wir keine Unfälle im Fahrverkehr auf der Bahnhofstraße verzeichnet. Unfälle gab es dagegen im Kreuzungsbereich mit der Ringstraße. Aber ich weiß, ich bin selbst viel mit dem Rad unterwegs: Es ist noch nicht ideal, vor allem wenn Sie den 60er Bus hinter sich haben. Ein eigener markierter Radstreifen wäre ideal, aber woher nehmen Sie den Platz? Ein großes Thema wird bei dem wachsenden Radverkehr, der ja gewünscht ist, wie schnelle und langsame Radler klarkommen. Da sind die Zauberwörter Rücksicht und Abstand.

Manche sagen, die Statistik sei rückwärtsgewandt, da die Cyberkriminalität nicht aufgenommen ist. Was sagen Sie dazu?

Wir haben zwei Spezialisten für Cyberkriminalität. Auch die Kriminalpolizei hat Spezialermittler in diesem Bereich. Gerade die Internet- und Cyberkriminalität wird eine Aufgabe sein, die uns künftig zunehmend beschäftigen wird.

Was wünschen Sie sich fürs Polizeirevier?

Es wäre toll, wenn die Fluktuation des Teams nicht so hoch wäre. Im Herbst verlassen wieder einige Kräfte das Revier, aber wir bekommen auch wieder zehn junge Polizeibeamte. Viele ergreifen nach einer gewissen Zeit die Chance und lassen sich auf ein Revier in Heimatnähe versetzen. Die Mietpreise sind so hoch, daher sind wir hier nicht so attraktiv. Wenn ein Mitarbeiter für ein 16-Quadratmeter-Zimmer 510 Euro in Stuttgart zahlt, spricht das für sich. Viele haben daher ihren Hauptwohnsitz woanders. Wir sind das jüngste Revier im Präsidium Aalen. Und wir haben, das ist toll, einen hohen Frauenanteil. Was ich mir persönlich wünsche, das sind mehr Fahrradparkplätze am Revier. Da gibt es bisher keinen.

Wie lange sind Sie Interimschef?

Es hieß auf Beamtendeutsch „bis auf Weiteres“. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Stelle nicht sofort neu besetzt wird.

Er schätzt die Vielseitigkeit

Jan Kempe
hat seit 1. Juni interimsweise die Leitung des Fellbacher Polizeireviers inne. Seit 1. Januar 2014 war er hier stellvertretender Revierleiter. Bereits in den 90er-Jahren war der gebürtige Heilbronner, der heute in Fellbach wohnt, als Dienstgruppenleiter in Fellbach tätig. Wie er sagt, gefällt ihm an seinem Beruf die Vielseitigkeit.

Werdegang In seiner Laufbahn hat der 54-Jährige verschiedenste Aufgaben übernommen – er war Postenführer in Gaildorf, Referent für Nachwuchswerbung in Göppingen, im Aufbaustab des Präsidiums für Technik, Logistik und Service der Polizei sowie Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Bereitschaftspolizei in Göppingen. An der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen wurde Kempe zum Diplom-Verwaltungswirt.

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